Freitag, 10. Februar 2012

KW 21 - Silber-Ahorn bringt viel zu fegen


Der Silber-Ahorn mit seinen Fliegerle. Foto: Rücker
Der Silber-Ahorn mit seinen Fliegerle. Foto: Rücker

Liebe Leser,
schön, dass Sie wieder da sind. Das ist frech, denn letztendlich war ich ja weg. Nämlich im schönen Leutaschtal, aber das darf man ja gar nicht verraten. Ist sozusagen ein exklusiver Geheimtipp für Sie. Dort gab es einige Anregungen für die Phänomene. Doch ein Besuch in der Redaktion in der letzten Woche warf sämtliche Planungen über den Haufen.
Ein Baum mache einigen Lesern aus Vaihingen das Leben schwer, ließ Redaktionsleiter Albert Arning bei meiner Kurzvisite wissen. Massenweise habe da ein Gehölz seine Spuren auf dem Gehweg und der Straße hinterlassen. Und die zu entfernen bereite älteren Menschen einige Mühe. Ein Blick auf die eingesammelten Übeltäter aus dem Buchenweg erhärtete den Anfangsverdacht: ein Ahorn treibt dort sein Unwesen. Und zwar in Form von Früchten, die als Fliegerle den Baum verlassen und durch die Luft nach unten trudeln.
Das bedeutet für die Enkeltochter der Geplagten im Buchenweg, über einen längeren Zeitraum einmal wöchentlich das Garagendach abzukehren. Sonst verstopfen die Wunderwerke der Natur die Abflussrinnen. Gehweg und Straße wurde inzwischen gesäubert, wie unserer Rubrik „Unterm Kaltenstein“ gestern zu entnehmen war. Nun stellt sich die Frage: Wieso sind die geflügelten Samen des Baumes nicht schon längst vom Schneepflug hinfortgeschoben worden. Der Winter war schließlich lang genug. Denn, da war sich der interessierte Teil der Redaktion einig, der Ahorn lässt seine Fliegerle doch erst im Spätsommer oder Herbst fallen. Oder etwa doch nicht?
Und siehe da. Nach eifrigem Wühlen in Literatur und Internet steht der Übeltäter mit ziemlicher Sicherheit fest. Es ist der Silber-Ahorn, wissenschaftlich Acer saccharinum. Er ist von der ganz schnellen Sorte. Seine Blüten erscheinen vor dem Blattaustrieb, in Windeseile bilden sich die Flügel- oder korrekter, Spaltfrüchte, die wiederum ab Mai schon abfallen, um den Boden zu bedecken. Ganz klar: da kann kein Schneepflug die Pflanzenprodukte entfernt haben. Anscheinend besitzen die kleinen Kraftpakete auch die Fähigkeit, sofort loszukeimen. Obwohl die Gattung Ahorn bei einigen Autoren als Frostkeimer tituliert wird.
Der ursprünglich aus Nordamerika stammende Baum ist bei uns als Straßenbegleit- und Ziergehölz beliebt. In Vaihingen wird zurzeit fündig, wer nach den Früchten auf dem Boden Ausschau hält. Eine solche „Sauerei“ mit ihren Früchten veranstalten bei uns um diese Jahreszeit nur wenige bis keine weiteren Vertreter der Gehölze. Außer vielleicht Weide, Pappel, Esche... Tief eingeschnittene Blätter zeichnen den Silber-Ahorn als Vertreter seiner Gattung aus. Die Unterseite der Blattspreite ist silbrig, was ihm zu seinem deutschen Namen verhalf. Die Behaarung, die diese Färbung verursachen soll, entzog sich allerdings meinem trüben Blick.
Beim Wort Ahorn fallen den meisten von uns die typischen Spaltfrüchte ein, die von verspielten Menschen gerne als Nasenzwicker getragen werden. Sie sind eine echte Ingenieurleistung von Mutter Natur und gewährleisten eine gute Streuung und weiche Landung der Samen des Baumes. Mit jeweils einem Flügel propellert die Konstruktion zu Boden. Lange Zeit haben sich die Menschen an der Bewegung erfreut, aber niemand hat sich näher für die physikalischen Hintergründe der Autorotation interessiert. Erst im vorigen Jahr haben sich niederländische Forscher näher mit der Trudelbewegung befasst. David Lentink von der Wageningen-Universität konstruierte mit seinen Kollegen Ahorn-Fliegerle aus Kunststoff und startete Versuche.
Offensichtlich entsteht der starke Auftrieb der doch recht schweren Flieger durch einen kleinen Tornado an der oberen Kante des Flügelchens. Dieser Wirbel wirkt der Schwerkraft entgegen. Nach dem gleichen Prinzip halten sich Insekten, Kolibris und Fledermäuse besser in der Luft.
Auch der von Menschenhand gebaute Tragschrauber nutzt das Prinzip der Ahornfrüchte. Bei diesen Flugobjekten dreht sich der Rotor durch den Fahrtwind. Im Heck des Flugzeugs macht ein Propeller den nötigen Wind. „Sollte dieser einmal ausfallen, kann durch den Effekt der Autorotation dennoch sicher gelandet werden. Der Gyrocopter ist wie ein „Fliewatüüt“. Das heißt, er kann fliegen (Flie...), mit Schwimmbehältern wassern (...wa...) und fahren (...tüüt)“, schreiben die Piloten auf den Internetseiten www.Weltflug.tv.
Die Laubgehölze aus der Gattung der Ahorne sind vielfältige Burschen, die sich mit klaren Regeln irgendwie schwertun. Bei diesen Vertretern der Seifenbaumgewächse gibt es sowohl Exemplare, die sich von Insekten bestäuben lassen, als auch welche, die ihre Pollen mit dem Wind losschicken. Die Geschlechtertrennung ist ebenfalls locker gehandhabt. So gibt es Arten mit männlichen Bäumen, weiblichen Bäumen, aber auch Individuen, bei denen beide Geschlechter auf einem Stamm sitzen.
Als heimisch gelten bei uns der Berg-, Feld- und Spitz-Ahorn. Der mächtigste unter ihnen ist der Berg-Ahorn. Er kann über 30 Meter in die Höhe wachsen und mehr als 500 Jahre alt werden. Schon seine Blätter bestechen mit ihrer großen Blattspreite und Schreiner und Instrumentenbauer schätzen sein wertvolles Holz. Als Pionierbaum erobert er sich gerne Flächen, an denen noch kein anderer sich anschickt, zum stattlichen Baum zu werden. In den ersten Jahren punktet der Berg-Ahorn gegenüber seinen Konkurrenten durch sein flottes Wachstum und eine gewisse Anspruchslosigkeit.

Diese Eigenschaften sind es aber auch, die ihm bei den Hobby-Gärtnern nicht nur Freunde bringt. Denn auch im Blumen- und Gemüsebeet entfaltet der herbeigetrudelte Samen sich zu einem prächtigen Bäumchen. Um dem Wald im Garten vorzubeugen, hilft in diesem Fall nur Brachialgewalt.
Wenigstens ist der Berg-Ahorn ein häufiger Geselle, um dessen Bestand man sich keine Sorgen machen muss. Er ist ein Tausendsassa, über dessen Blüten sich die Insekten freuen und der mit seiner großen Blattfläche gerne als Lärmschutz zum Einsatz kommt. Seine Blätter wurden früher als Viehfutter geschätzt und sein Saft zur Zuckergewinnung genutzt.
Ein weiterer Verwandter, der Zucker-Ahorn, ist für die süße Verlockung heute noch berühmt. In Amerika und vor allem Kanada werden richtiggehende Baumsaft-Leitungen zwischen den einzelnen Exemplaren gelegt. Aus diesem Lebenssaft entsteht schließlich das Ahornsirup.
Mindestens genauso prägnant für den nordamerikanischen Kontinent ist das Laub der Bäume. So zeigt die Staatsflagge Kanadas das Ahornblatt. Und der legendäre Indian Summer verdankt seine prächtige Herbstfärbung wohl vor allem dem Farbenspiel des Zucker-Ahorn-Laubs. Unser Feld-Ahorn ist zwar nicht so spektakulär aber trotzdem schön und gilt als wertvolles Vogelschutzgehölz. Er erträgt sogar den regelmäßigen Schnitt als Hecke.
Einer meiner Lieblinge ist im zeitigen Frühjahr der Spitz-Ahorn. Ihn habe ich fälschlicherweise einmal als Berg-Ahorn bezeichnet, was prompt einem Leser auffiel. Peinlicherweise ist die Sache aber recht einfach. Denn der Spitz-Ahorn blüht, im Gegensatz zum Rest seiner heimischen Verwandten, auffällig üppig und ziemlich quietschgrün vor seinem Laubaustrieb.
Das freut wintergebeutelte Menschen und hungrige Insekten. Und wenn Sie sich wieder einmal über die Hinterlassenschaften der Ahorn-Bäume ärgern: Ein Fliegerle aufheben, am dicken Ende aufpopeln und auf die Nase drücken. Dazu ein Biss vom Ahorn-Sirup-Pfannkuchen, dann sieht die Welt gleich ganz anders aus.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de



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