Montag, 06. September 2010

KW 2 – Stämmig und schön: der Kleiber


Kletterkünstler Kleiber. Foto: Nabu/Delpho
Kletterkünstler Kleiber. Foto: Nabu/Delpho

Liebe Leser,
weiße Pracht und keine Spur von Frühling. Und doch erheben einige Vögelchen ihre Stimme gegen Väterchen Frost. Besonders vorwitzig geht dabei der Kleiber vor.

Die Winterlandschaft entlockt Naturliebhabern nur mäßig viele Seufzer des Entzückens. Von bunten Blümchen nichts zu sehen und auch die meisten Tiere sind wie vom Erdboden verschluckt. Doch es gibt Lichtblicke: Hier und da kann sich der Fährtenleser im Schnee vergnügen, andere freuen sich über gefiederten Freunden am Futterhäuschen.
Neben einigen Berufssparten pflügt die Spezies der Hundebesitzer allmorgendlich durch den Neuschnee und lauscht in die Stille. Selbst Amseln, sonst immer lautstark, fliegen im Dunkel des Wintermorgens gespenstisch still um die Ecken.
Aber sobald das Licht des jungen Tages die Nacht verdrängt, pfeift – der Jahreszeit zum Trotz – so mancher Vogel sein Lied. Immer mit von der Partie sind Meisen, die eine umtriebige Geschäftigkeit auszeichnet. Amsel, Specht und Krähe melden sich im Lauf des Wintertages zu Wort. Einer der Sänger tut sich besonders durch die durchdringende Lautstärke seines Wintergesangs hervor: der Kleiber. Das Kleibermännchen pfeift und ruft in der kalten Jahreszeit laut und stimmfreudig. Sobald das Brutgeschäft ab März beginnt, wird es um das Kleiberpärchen still.
Vor wenigen Tagen pfiff der bis zu 15 Zentimeter große Klettermaxe im hohen Baum vor sich hin. Ich hatte keine Ahnung, welcher Gefiederte bei dieser Affenkälte ein solches Spektakel veranstaltet. Es war Sitta europaea, der Kleiber. Nach langem Glotzen und Halsverrenkungen konnte der feiste Vogel am Stamm einer Eiche ausgemacht werden.
22 Kleiberarten sind in der Familie der der Sittidae, also der Kleiber, vereint. Darunter der Klippenkleiber, der Korsenkleiber, der Felsenkleiber und viele mehr. Der bei uns heimische Kleiber ist in ganz Eurasien daheim. Allen Kleiberarten sind die gedrungene Körperform, die recht großen Füße und der lange Schnabel eigen. Die Gefiederfärbung in Graublau und Rostrot/Orange verursacht bisweilen Verwechslungen mit dem Eisvogel, der stabile lange Schnabel erinnert dagegen an einen Specht. Verwandt ist der Kleiber allerdings mit beiden nicht näher. Eine Eigenschaft zeichnet die kleinen bis mittelgroßen Singvögel besonders aus: das Kopfüberklettern. Das klappt sogar auf der Unterseite von Ästen, was selbst dem besten Freeclimber Tränen in die Augen treiben dürfte.
Der Kleiber ist zwar plumper als Rotkehlchen und Blaumeise, aber trotzdem äußerst hübsch. Männchen und Weibchen sehen nahezu gleich aus, nur dass Herr Kleiber mit dunkleren Flanken auf sich aufmerksam macht. Enge Verwandte unseres Kleibers sind die Baumläufer, die zwar am Baum laufen, aber nicht kopfüber turnen können, sowie der Zaunkönig.
Im Jahr 2006 erhielt der Kleiber den Titel „Vogel des Jahres“. Denn der kleine Vogel repräsentiert einen Lebensraum, für den Deutschland und Mitteleuropa eine besondere Verantwortung trage, so der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in der damaligen Begründung. Gemeint sind die Rotbuchen- und Eichenwälder, Heimat für unzählige Tier- und Pflanzenarten.
Der Vogel liebt alte und mächtige Bäume, besonders solche mit Totholzanteil und diejenigen, in die schon ein anderer eine Höhle gezimmert hat. Als Nachmieter legt er dort seine Kinderstube an. Teilweise wird die Unterkunft schon Monate vor der Eiablage ausgewählt denn die meisten Kleiber sind Standvögel und bleiben über Winter bei uns.
 Noch vor vielen anderen Höhlenbrütern beschäftigt sich die Vogelart mit der Paarung und Nestbau. Meist bleiben die Pärchen nur eine Saison lang zusammen, manchmal hält die Beziehung aber auch weitaus länger. Anscheinend gehen sie sich im Alltag dann aus dem Weg, halten aber zusammen, sobald es gilt, das Revier zu verteidigen. Ein Verhalten, das auch bei menschlichen Pärchen beobachtet werden kann. Andere Autoren schreiben von einem engen Umgang den die Partner pflegen und dass sie immer im Zweierpack auftreten. Mit sexueller Treue das nicht unbedingt etwas zu tun, dazu später mehr.
In der Regel bemüht sich das Kleibermännchen sobald die Paarungszeit naht rege um seine Herzdame. Er zeigt ihr mögliche Bruthöhlen und beginnt an seinen favorisierten Unterkünften mit dem Säubern der Behausung. Sie hat allerdings das letzte Wort in Sachen Wohnlage, muss dann aber auch die endgültige Reinigung übernehmen.
Ab März beginnt das Pärchen damit, die Bruthöhle mit Hölzchen, Rindenstückchen und Laubstückchen auszupolstern. Bis zu 7000 solcher Fragmente schafft das Paar dann herbei. Der Kleiber begnügt sich nicht nur mit dem Verschönern des Innenraums. Bei ihm zählen auch Sicherheitsaspekte. Und so bemühen sich beide Partner darum, mit kleinen Pfropfen den Eingang möglichst eng zu mauern. Mit Erdklümpchen wird der Eingang verkleinert, damit weder Eichhörnchen noch Krähe oder sonstwer Zugang zur Kinderstube hat. Anscheinend mauert er in seinem Eifer sogar an Seitenteilen an von ihm bewohnten Nistkästen herum.
 Fritz Merwald aus Linz schreibt, dass der Vogel, seinem inneren Trieb folgend, selbst offensichtlich unsinnige Mauern errichtet. Diese seien durch den „Kleiberzement“ aus Erde mitunter so stabil, dass zur Entfernung mit Hammer und Meißel angerückt werden muss. Durch das Mauern, das vielleicht doch eher als Kleben interpretiert werden kann, bekam der Kleiber seinen deutschen Namen. Als Kleiber wurden im Mitteldeutschen Handwerker bezeichnet, die mit Lehm bauten. Der Nabu berichtet gar von bis zu ein bis eineinhalb Kilogramm Lehm, der für die Eingangsverklebung benötigt wird. „Bei wenig mehr als einem Gramm Schnabel-Transportkapazität kommen unzählige Flüge zur Baustelle zusammen“, schreibt der Nabu.
Der wissenschaftliche Gattungsname Sitta rührt dagegen von einer Lautäußerung her, die wie „sit“ oder „zit“ klingt. Ein kräftiges „twett“ entfährt ihm als Warnruf. Viele andere Stimmvariationen gehören zum Repertoire.

Zeigt sich der stämmige Vogel am winterlichen Futterhäuschen, wird von krawallähnlichen Zuständen mit anschließender Flucht der anderen Vögel berichtet. Der Rowdy schnappt sich Sämereien, bunkert diese mitunter, indem er sich an rauen Stämmen festklemmt und geht wieder auf Pirsch. Für seine Brut, die ab Mai hungrig ihre Schnäbel aufsperrt, wird kleines Krabbelgetier gefangen. Bis zu 15 Fütterflüge pro Stunde seien da keine Seltenheit, so der Nabu. Nach etwas mehr als drei Wochen sind die Nestlinge, die anfangs sehr hässlich sein sollen, flügge. Sie verlassen die elterliche Höhle um ein eigenes Revier in der Nähe zu beziehen. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei rund fünf Jahren.
Der Kleiber gilt in seinem Bestand mit bis zu 1,4 Millionen Brutpaaren in Deutschland als nicht bedroht. Die Paarung vollzieht der Vogel gerne. Für jedes der bis zu acht Eier pro Gelege ist eine Begattung notwendig. Genetische Untersuchungen ergaben aber, dass der „Ehegatte“ nicht immer der Vater der Jungen ist. Ist doch klar: Irgendwann ist schließlich der stärkste Kleibermann mal erschöpft.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de.


Seitenanfang