Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 18 – Kleine Erdhäufchen im Garten


Nesteingang einer Sandbiene. Foto: Wikime542
Nesteingang einer Sandbiene. Foto: Wikime542

Liebe Leser,
wie vorige Woche berichtet, sind heute wieder kleine Insekten unser Thema. Leser Kurt Zipperle aus Eberdingen hat in seinem Garten mit ganz besonderen Bienen zu tun. Die haarigen Hautflügler graben sich in die Erde ein.

Als alter Biologe ist man geneigt, Kurt Zipperle zu gratulieren. Wildbienen haben sich in der Erde seines Rasens angesiedelt. Wie schön, denn diese stehen allesamt unter Naturschutz und die zunehmende Versiegelung des Bodens macht ihnen das Leben schwer. Die Begeisterung des Eberdingers hält sich allerdings in Grenzen. Das zweijährige Enkele habe Angst und Zipperle sieht seinen Rasen in Gefahr. Aber: Experten geben Entwarnung.
Erdhügelchen, die winzig-kleinen Maulwurfshaufen ähneln, können ein Indiz für Wildbienen sein. Auf unbefestigtem Boden, dort, wo die Vegetation durch Befahren oder häufiges Laufen gestört ist, sind sie an manchen Stellen zu finden. In der Mitte sitzt normalerweise ein kleines rundes Loch. Es ist der Ein- und Ausgang ins Erdreich. Wer sich bei günstigem Wetter – nicht zu kalt, windig oder regnerisch – auf die Lauer legt, dem zeigen sich die Wohnungseigentümer. Bei Regenwetter ziehen die erdbewohnenden Bienen den Aufenthalt im Trockenen vor und auch die Erdhaufen sind weg. Leider, denn in den letzten Tagen war so das Fotografieren der Nester unmöglich.
Dass es sich bei den Erdarbeitern nicht um Zwergen-Maulwürfe handelt, erkennt selbst der Laie. In der Regel sind Wildbienen die Bewohner der Erdröhren. In Deutschland fliegen über 550 dieser Wildbienenarten, die mit jener Bezeichnung von der Honigbiene abgegrenzt werden. Circa 70 Prozent dieser Tiere nisten im Boden. Die Artbestimmung ist eine fummelige Angelegenheit, die nur Spezialisten leisten können.
Kurt Zipperle hat in der VKZ-Redaktion nachgefragt, was für Tiere sich aus den Erdhügeln erheben. Mal seien es kleinere, mal größere Insekten, aber nicht so groß wie eine Honigbiene. Es sind Wildbienen, vermutlich kleinere Männchen und größere Weibchen der gleichen Art.
Die Befürchtung „Rasen kaputt machen“ trifft eher nicht zu, eigentlich ist es genau andersrum. Denn die Bienen siedeln sich, wie oben schon erwähnt, auf sogenannten Störstellen des Bodens an. Dort, wo durch das Betreten oder Befahren sowieso kein oder nur wenig Gras wächst. Solche kahlen Plätzchen, am besten von der Sonne verwöhnt, nehmen die Erdbewohner gerne an.
Mit ihren Mundwerkzeugen rücken die Wildbienen dem teilweise steinharten Boden zu Leibe, schaffen den Abraum nach draußen und graben sich auf diese Art und Weise bis zu 50 Zentimeter tief ins Erdreich.
Nun berichtet Gartenbesitzer Zipperle von einer Flugzeit, die bis in den Herbst hinein reicht. Das ist in der Tat merkwürdig, da viele dieser erdbewohnenden Wildbienen nur eine Generation hervorbringen. Das wiederum bedeutet, dass sie nur wenige Wochen fliegen. Die kommende Generation überwintert dann als Larve im Erdreich. Die lange Flugzeit könnte nun beispielsweise auf eine Bienenart hinweisen, die wider Erwarten nicht ganz alleine in ihrem Nestchen haust. Üblicherweise sind nämlich viele dieser Wildbienen Solitärarten, bei denen sich die Nestgründerin mutterseelenallein um den Nestbau und die Eiablage kümmert und dann verstirbt. Treten mehrere Nester nebeneinander auf, dann handelt es sich häufig lediglich um Ansammlungen, in denen doch jede Biene für sich vor sich hinwurstelt. Das ist das eine Extrem.
Das andere Extrem zeigt unsere domestizierte Honigbiene, die große Völker bildet. In ihnen herrscht eine ausgefeilte Arbeitsteilung und Hierarchie. Außerdem überdauert immer ein Teil des erwachsenen Bienenvolkes den Winter.
Zwischen diesen beiden Extremen – ganz allein und Riesenvolk – stehen manche Wildbienenarten. Bei ihnen beginnen die Weibchen im Frühjahr alleine mit dem Nestbau, ziehen sich dann aber ihre „Familie“ heran. Diese kann aus mehreren Generationen bestehen und mitunter bis zum Herbst mit fliegenden Individuen auffallen. Vielleicht schwirren aber auch Parasiten aus den Nestern heraus. Denn die in den Erdhöhlen abgelegten Eier mit ihrem gehaltvollen Vesperpaket sind eine Einladung an schmarotzende Insekten, die ihrerseits ihren Nachwuchs dort hineinbetten.
Zum Thema Angst vor den erdbewohnenden Wildbienen sind Experten sich einig: Vor ihnen muss sich der Mensch in keiner Weise fürchten. Zwar haben auch hier, wie bei der Honigbiene, die Weibchen einen Stachel. Dieser war ursprünglich als Legebohrer eine Hilfe bei der Eiablage. Aber die Tiere gelten als äußerst friedfertig. Nur in höchster Not stechen die Weibchen, wobei der Stachel häufig derart schwach ausgebildet ist, dass er die menschliche Haut nicht durchdringen kann. Außerdem stehen Wildbienenarten unter dem besonderen Schutz des Gesetzes. Das Beunruhigen oder gar Töten der Tiere ist strengstens untersagt, ebenso eine Störung der Nester.
Wildbienen gelten als hervorragende Zeigerarten für den Zustand eines Lebensraumes. Da die Tiere in ihrer Lebensweise oft hochgradig spezialisiert sind, reagieren sie auf Veränderungen ihrer Umwelt empfindlich. Insektenkundler und Wildbienenexperte Dr. Paul Westrich: „In den letzten 40 Jahren ist in der heimischen Wildbienenfauna eine gravierende Verarmung unübersehbar geworden.“ In Deutschland seien mittlerweile fast die Hälfte der Arten in ihrem Bestand gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Westrich: „Da Wildbienen für einen funktionierenden Naturhaushalt unverzichtbar sind, muss diese Situation alarmieren und Besorgnis auslösen.“
 
Entwarnung kann Westrich dagegen im Fall unseres Eberdinger Lesers geben: „Regelmäßig tritt in den Gärten die Schmalbienenart Lasioglossum pauxillum auf. Ohne Foto und nähere Beschreibung kommen aber auch mehrere Arten von Sandbienen (Gattung Andrena) in Frage. Unabhängig von einer exakten artlichen Bestimmung sind alle diese Arten völlig friedfertig. Deshalb gibt es keinen sachlichen Grund für den Enkel, in Panik zu geraten. Vermutlich hat er diese Reaktion schon einmal bei Erwachsenen gesehen.“ Die Fachleute vom Landratsamt Ludwigsburg sind der gleichen Meinung. Ein Umsiedeln der Tiere sei angesichts einer Röhrentiefe von bis zu 50 Zentimetern wohl utopisch.
Wildbienen, die ihre Wohnung und Kinderwiege im Boden anlegen, bauen in der Regel ein Röhrensystem mit abzweigenden Brutzellen an. Dort legt die Bienenmutter ihre Eier ab und leistet mit einem Vesperpaket aus Pollenklumpen Starthilfe für den Nachwuchs. Wildbienen sind emsige Blütenbestäuber und nicht selten derart spezialisiert, dass das Fortbestehen der Pflanzenart ebenfalls direkt vom Vorkommen der Bienenart abhängt. Übrigens: Auch Hummeln gehören zu den Bienen und können im Gegensatz zu oben genannten Tieren recht empfindlich stechen.
Falls Sie sich auch durch erdbewohnende Bienen gestört fühlen, dann stellen Sie sich vor, an den besiedelten Stellen würden Orchideen sprießen. Die dürften bestimmt unbehelligt wachsen.
Falls Sie den Vorschlag doof finden, rufen Sie ruhig sofort an. Denn ich bin erst mal weg. Zwei Wochen Phänomene-Pause sind die Folge. Bis dahin empfehle ich, auf den Internetseiten von Paul Westrich unter www.wildbienen.info zu schmökern.
Sa-Biene sagt tschüss und bis bald.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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