Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 17 – Auf der Mauer liegt die Wanz'


Die Gemeine Feuerwanze. Foto: Rücker
Die Gemeine Feuerwanze. Foto: Rücker

Liebe Leser,
heute bin ich ein wenig in der Bredouille. Zwei schöne Themen taten sich, den Lesern sei Dank, kürzlich auf. Wanze oder Biene, das ist nun die Frage.

Rein vom zeitlichen Ablauf her ist heute Karl Weeber aus Sersheim mit seiner Feuerwanze an der Reihe, der schon vor gut zwei Wochen ein Bildchen schickte.
Neulich kam aber noch Kurt Zipperle aus Eberdingen mit seinen Wildbienen ins Rennen. Nun sind die Würfel gefallen: erst die Wanze, dann die Biene, immer schön der Reihe nach. Zu den Eberdinger Bienen ein wenig vorab. Die Tierchen, die im Boden wohnen und mit Miniatur-Maulwurfshügeln auffallen, gelten als völlig harmlos. Sie sind Einzelgänger, die sich nicht zu Staaten zusammenschließen und sind allesamt geschützt. Trotzdem können sie laut Zipperle nervig sein. Dazu aber demnächst an dieser Stelle mehr.
Nun zu dem Tierchen von Karl Weeber aus Sersheim. Er wundert sich über Unmengen von „Käfern“, die im Frühjahr  gehäuft in Gebäudenähe oder an Sträuchern vorkommen und sich sehr paarungsfreudig zeigen. Ob die Tiere nützlich oder schädlich sind, ist natürlich ebenfalls von Interesse.
Es handelt sich um die Gemeine Feuerwanze, wissenschaftlich Pyrrhocoris apterus. Sie tummelt sich in wahren Massen mit Vorliebe an Linden und Malvengewächsen, aber auch warme Nischen am Gemäuer finden ihre Zustimmung. Gartenfreunde, die die Angst um ihre Blümchen umtreibt, beäugen die Tiere mit Misstrauen. Zu unrecht. „Vom Pflanzenschutz her gibt es keinen Grund, Feuerwanzen zu bekämpfen“, sagt Gartenexpertin Heike Boomgaarden vom SWR.
Vor allem sauge der schwarz-rote Geselle an herabgefallenen Samen der Linden, Hibiskus, Eibisch oder möglicherweise auch anderen Gehölzen. Möglicherweise sticht die Wanze hin und wieder auch mal ein grünes Pflänzchen an, um sich zu laben. Manche Feuerwanzen sollen sich dazu hinreißen lassen, ein Insektenei oder einen toten Kameraden anzuzapfen. Für den Menschen und seine Pflänzchen besteht jedenfalls durch die Gemeine Feuerwanze keine Gefahr.
 Wer sich dennoch durch die Insektenmassen belästigt fühlt, sollte auf eine klassische und umweltfreundliche Methode zurückgreifen, nämlich das Wegschaufeln mit dem Kehrwisch. Am besten ab damit in Nachbars Garten, das bringt die Kommunikation mit den Leuten von nebenan wieder in Schwung.
Wer meint, Wanzen zerquetschen zu müssen, kann sich anschließend über ein würziges Aroma aus den Wehrdrüsen freuen. SWR-Expertin Boomgaarden: „So können wir nur Nützlinge, also Amphibien und Vögel, fördern und die Wanzen frühmorgens abklopfen oder ablesen – da sind alle Wanzen noch nicht ganz wach.“
Obwohl die Tierchen im Volksmund auch Feuerkäfer genannt werden, sind sie mit den Käfern gar nicht so nahe verwandt. Während die Käfer sich beim Fressen normalerweise auf kauende Kiefer verlassen, ist die Ordnung der Schnabelkerfe, zu der die Unterordnung der Wanzen gehört, durch stech-saugende Mundwerkzeuge gekennzeichnet. Wanzen klappen ihren Stechrüssel bei Nichtgebrauch einfach nach unten in Richtung Bauch. Zum engeren Verwandtschaftskreis der Wanzen gehören Zikaden und Pflanzenläuse.
Mit beachtlichen 40000 Arten bevölkern Wanzen diese Erde. Heteroptera heißen die Insekten wissenschaftlich, was so viel wie Ungleichflügler bedeutet. Ihr Image könnte besser sein, was die Tiergruppe einigen Pflanzenschädlingen und vielleicht vor allem der Bettwanze verdankt. Sie saugt sehr gerne Menschenblut. Seit rund 400 Jahren ist die Bettwanze ein Mitbewohner der europäischen Bevölkerung. Hierbei zeigen sich die Plagegeister als äußerst robust und ihr Speichel als recht aggressiv. Denn beim Stich gelangt dieser in die Wunde, was zu gemeinem Juckreiz führen kann. Außerdem steht die Bettwanze im Verdacht, Krankheiten übertragen zu können.
Wer meint, in der heutigen Zeit habe das Viehzeug zwischen Laken und Matratze eh keine Chance mehr, ist schief gewickelt. Vor vier Jahren meldete die „FAZ“, dass die nur wenige Millimeter großen Tiere ihren Siegeszug durch die Apartments von Manhattan antreten. Im vergangenen Jahr schrieb die „Welt“, dass auch deutsche Schädlingsbekämpfer immer mehr mit dem Blutsauger zu tun bekommen. Die Tiere lassen sich heimlich, still und leise von Reisenden in heimische Gefilde einschleppen und erobern den gesamten Wohnraum als Refugium.
Da lob ich mir doch die Gemeine Feuerwanze. Sie kann uns mehr oder weniger egal sein, Bekämpfungsmaßnahmen sind laut Experten unnötig. Dafür kann sich der Betrachter an der Schönheit der Tierchen freuen und sich über die Massenansammlungen wundern.
Wahnsinns-Wanze: Zwischen Kuschelparty und Marathon-Sex
Zum Sammeln ruft die Wanze mittels Pheromonen, droht Gefahr löst sich die Aggregation schlagartig auf, nachdem aufgeschreckte Tiere Alarmduftstoffe abgesondert haben. Schon die Larven suchen die Geselligkeit und tummeln sich teilweise zu Hunderten in scheinbar wilden Partys. Sie sind noch nicht so prächtig gefärbt wie die ausgewachsenen Tiere.
Die Gemeine Feuerwanze ist ein zäher Bursche, der als Erwachsener überwintert und an den ersten warmen Tagen ins Freie krabbeln kann. Momentan geben sich die Geschlechter der Liebe hin. Bis zu 30 Stunden lang! 30! Hierbei hängen sie unter anderem wie im Bild unten zu sehen aneinander und lassen sich nicht weiter stören. Danach sucht sich das Weibchen ein lauschiges Plätzchen für die Eiablage und platziert unter Laub oder Steinen 50 bis 100 befruchtete Eier. Nach dem Schlüpfen durchlaufen die Jungen eine unvollständige Verwandlung. In fünf Larvenstadien nähert sich die Nymphe dabei Stück für Stück dem Aussehen der Eltern an.
Nur manchmal bleiben die Kleinen in den Kinderschuhen stecken. Das musste der tschechische Insektenforscher Karel Sláma in den 60er Jahre in Harvard feststellen. Er hatte die rot-schwarzen Schützlinge aus seiner Heimat mitgebracht und wie üblich die Petrischälchen mit Papierschnipseln ausgelegt. Mal musste die Zeitschrift dran glauben, mal eine andere. Verblüfft stellte er fest, dass ein Teil der Wanzen sich zwar häutete wie verrückt, aber nicht ins Erwachsenenstadium eintreten konnte.
Nach langem Suchen kam dem Wissenschaftler die Erleuchtung. Die Tiere, deren Behausung mit Schnipseln einer amerikanischen Zeitung ausgelegt war, steckten in der Entwicklung fest. Das Papier war aus der Balsamtanne hergestellt worden. Der Baum verhindert durch eine Substanz, die dem Juvenilhormon der Insekten ähnelt, deren letzte Häutung. Die Unfertigen können sich nicht fortpflanzen und der Baum hat seine Ruhe.
Wer von uns die Gemeine Feuerwanze um sich hat, darf sich einfach an dem Frühlingsboten freuen. Anders sieht die Sache natürlich bei Bettwanzen oder auch bei der Beerenwanze aus. Wer sich schon mal eine von ihr befallene Himbeere in den Mund geschoben hat, weiß ihre Abwesenheit zu schätzen.
Wanzen sind überdies sehr unterhaltsame Tierchen. So gibt es eingefleischte Wanzenfans, die Heteropterologen, die sich an der Vielfalt der Gruppe erfreuen. Außerdem kann man sich hervorragend die Zeit damit vertreiben, unter den Wanzennamen nach Begriffen für Intimfeinde zu suchen – für den Fall, dass Ihnen Ihr Nachbar seine Feuerwanzen rüberkippen sollte. „Sie Grüne Stinkwanze“, „Du Fleckige Brutwanze“ oder „Kugelwanze!“ eignen sich durchaus für neckische Beschimpfungen über den Gartenzaun hinweg.
 Passen Sie trotzdem ein bisschen auf, was Sie sagen. Vielleicht ist Ihr Garten ja verwanzt.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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