Freitag, 25. Juli 2014

KW 16 – Das lebende Fossil Magnolie


Blütenwunder Magnolie. Foto: Rücker
Blütenwunder Magnolie. Foto: Rücker

Liebe Leser,
in den Phänomenen geht es in der Regel um die heimische Tier- und Pflanzenwelt. Vor langer Zeit war auch die Magnolie in unseren Breiten zu Hause. Bis die Eiszeit das spektakuläre Gehölz verdrängte.

Sie sind so schön. Magnolienblüten öffnen die Herzen und lassen fast keinen kalt. Wie Gebilde aus Porzellan stehen sie am Ast, robust und doch so zart. Zu zart für manche kalte Nacht. Das ist der Moment, den Magnolien-Liebhaber am meisten fürchten: einen Kälteeinbruch, der die Pracht dahinrafft. Aus weißen, roten und purpurnen Riesenblüten wird dann ein braunes Etwas, das einen schrecklich an die eigene Vergänglichkeit erinnert. Die Frau ab 40 kann bei diesem Anblick besonders ins Grübeln geraten.
Schon der Kaiser von China soll der Schönheit der vollblütigen Gehölze erlegen sein. In der Tang-Dynastie (circa 600 bis 900) wurden Magnolien als Tempelbäume geschätzt. Anscheinend hatte der Kaiser die Blütenblätter der weißen Yulan-Magnolie zum Essen gerne. Diese Sorte gilt als ein Eltern-Teil der bei unseren Gartenbesitzern beliebten Tulpen-Magnolie. Erst um das Jahr 1780 herum erreichten die asiatischen Magnolien europäischen Boden. Wieder.
Denn die Gehölze mit den dramatisch hübschen Blüten bevölkern schon seit rund 100 Millionen Jahren unseren Planeten. In dieser Kreide genannten Zeitspanne (vor 145 bis 65 Millionen Jahren) war das Klima angenehm mild. In der Oberkreide erscheinen die ersten bedecktsamigen Blütenpflanzen auf der Bildfläche und gesellen sich zu den schon lange wachsenden Nacktsamern wie Nadelgehölzen und Ginkgos. Dinosaurier stapfen über deutschen Boden.
Allerdings vertrieb die Eiszeit vor circa 2,5 Millionen Jahren etliche Arten aus unserer Region, darunter auch die Magnolien. In Asien und Amerika fand sie Refugien, in denen sie die Kaltzeit überdauern konnte.
Magnolien sind stammesgeschichtlich gesehen eine uralte Gruppe der bedecktsamigen Pflanzen. Sie können dies schlecht verbergen, denn der Fachmann erkennt die Urtümlichkeit an den Blüten. Als ursprüngliches Blütenmerkmal gilt beispielsweise die wirtelige Anordnung der Staubblätter und Stempel, die noch nicht in eine waagrechte Ebene gerückt sind. Vor allem aber ist deren Vielzahl verräterisch. Denn im Pflanzenreich setzte sich im Laufe der Evolution verstärkt die Devise weniger ist mehr durch.
Selbst die größte Klasse unter den Samenpflanzen, die Bedecktsamer, sind offensichtlich nach den wunderbaren Gehölzen benannt: Magnoliopsida lautet ihre wissenschaftliche Bezeichnung. Der Namen verweist auf den französische Botaniker Pierre Magnol (1638-1715).
Ein weiters Indiz für die Altertümlichkeit ist, dass die Bestäubung vor allem von Käfern übernommen wird, einer erdgeschichtlich ebenfalls sehr alten Gruppe.
Bei Magnolien handelt es sich um Gehölze, die sowohl sommer- als auch immergrün sein können. Ihr besonderer Charme ist einerseits die Größe der Blüte. Andererseits ist es die Tatsache, dass viele Arten blühen, noch bevor die Laubblätter die Pracht verdecken können.
Weltweit gelten von den 245 Magnolienarten, die wild vorkommen, 132 als gefährdet. Besonders die Zerstörung der natürlichen Lebensräume und deren Umwandlung in landwirtschaftlich genutzte Fläche macht den Pflanzen zu schaffen. Fast die Hälfte aller Magnolienarten gedeiht in China. In Tempelanlagen finden sich Magnolienbäume, deren Alter auf bis zu 800 Jahre geschätzt wird.
Experten befürchten, dass viele Arten aussterben, wenn nicht weitere Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Wilde Magnolien gelten als Indikatoren für den Zustand der Wälder, in denen sie wachsen.
Eine in heimischen Gärten häufig angepflanzte Sorte ist die Tulpen-Magnolie. Bei ihr stammen beide Elternteile aus China. Bis zu 15 Zentimeter breit werden ihre tulpenförmig Blüten, deren Farbe je nach Sorte variiert. Ebenfalls beliebt ist die Stern-Magnolie, deren Heimat Japan ist. Rund zehn Zentimeter breit werden bei ihr die weißen Blüten, die etwas zierlicher scheinen. Die Immergrüne Magnolie stammt dagegen aus Nord-Amerika und gilt dort als Charakterpflanze der Südstaaten. Ihre Blätter erinnern an den Gummibaum. Die Art blüht später als viele ihrer Verwandten und verblüfft mit 25 Zentimeter oder gar über 40 Zentimeter großen, fein duftenden Blüten.
Wer sich eine Magnolie anschaffen will, sollte sich eingehend mit Formen, Größe und Ansprüchen der Sorten befassen. Hat man einmal die richtige Pflanze für den richtigen Standort erwischt, strebt der Pflegeaufwand gegen Null.
Spektakulär sind nicht nur die Blüten. Auch die Samen sind nach der Reifung einen Blick wert. Zunächst zieren Sammelfrüchte, die entfernt einer Ananas ähneln, den Baum. Später zeigen sich die knallig gefärbten Samen, die in der jeweiligen Heimat gerne von kleinen Säugetieren und Vögeln verspeist werden. Ob auch bei uns die Tierwelt mit den Samen etwas anfangen kann, blieb mir leider verborgen.
Journalist Oliver Kipp hält in einem Beitrag der Zeitschrift GaLaBau ein Plädoyer für die Magnolie. Das Potenzial dieser exklusiven Luxuspflanze sei nicht ausgeschöpft, geschweige denn ansatzweise erkannt. Magnolien seien recht unempfindlich in Sachen Schädlinge und durch geeignete Sortenwahl ließe sich das Spätfrostproblem beheben.

 Seine Vision: „Magnolien könnten als Hausbaum gepflanzt werden, als Sichtschutz, als Spalier oder als Zierstrauch mit Solitärqualitäten.“ Wer keinen Garten hat, ein schlechter Gärtner ist oder eher die kleinen Pflanzen liebt, kann sich die Magnolie auch als Topfpflanze oder Bonsai zulegen. Ganz pfiffige Zeitgenossen erfreuen sich einfach an Nachbars Magnolie. Oder pilgern ins Kloster Maulbronn, wo im Kreuzgang des Weltkulturerbes der alte Magnolienbaum lockt.
Die Gehölze werden allerdings nicht nur als Augenschmeichler verwendet, sondern dienen auch als Arznei. In China werden Blütenknospen der Yulan-Magnolie eingelegt, um Reis zu würzen. Rindenextrakte werden Kranken verabreicht. Die Rinde der amerikanischen Immergrünen Magnolie wurde von den Indianern und von den Siedlern als Mittel gegen Malaria eingesetzt.
Sogar der amerikanische Genussmittelkonzern Wrigley befasst sich mit Wirkstoffen aus der Pflanzenrinde. Bei Tests hätten sich Substanzen aus der Magnolie als äußerst effizient bei der Bekämpfung von Mundgeruch erwiesen. Magnolol und Honokiol töteten die Bakterien ab, die in unserem Mund für den schlechten Atem sorgen. Momentan befinden sich die Zusatzstoffe für Kaugummi und Bonbons in der Prüfungsphase.
Im einen oder anderen Parfüm schlummert das „traumhafte Blumenbouquet der Magnolie“. Derart betupft kann man sich ganz getrost in den Frühling stürzen.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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