KW 15 – Käfer mit Giftbeigabe
Liebe Leser,
meine Familie tut mir manchmal leid. Aber immerhin, sie lebt noch. Dieser freudigen Feststellung ging ein schwerer Fall von Blödheit voraus.
Biologen neigen dazu, Pflanzen und Tiere anzufummeln. Sei es unter dem Vorwand, man müsse ein besonderes Exemplar in Sicherheit bringen, näher bestimmen oder ähnliches. Dabei spielt der Aspekt, die Kreatur einfach der Faszination halber einmal ganz nah betrachten zu wollen, sicherlich auch eine Rolle.
Selbst der Anblick eines fetten Käfers kann Biologen in Verzückung versetzen. Sitzt ein solcher an der eigenen Hauswand, dann muss dieser vorrangig von dort „gerettet“ werden, wozu das große Insekt mit bloßer Hand geschnappt wird. Bei dieser Aktion wird auch gleich ein Foto für die Zeitung gemacht.
Auf der nahe gelegenen Wiese ist der flugunfähige Sechsbeiner sicher und das Bild ist auch im Kasten.
Gut gelaunt begibt sich nun die Käfer-Fotografin ins Haus und beginnt mit der Essenszubereitung für die Familie. Die Finger werden vorher kurz mit Wasser abgespült, – immerhin.
Circa zwei Stunden später klagt der Liebste über Leibschmerzen. Das ist zwar blöd, aber kein Weltuntergang. Weitere wenige Minuten später liest die Köchin zufällig, dass der Käfer ein sehr starkes Gift ausscheiden kann. Das ist der Untergang der Welt.
Die kochende Biologin, nämlich ich, sieht sich schon als trauernde Witwe. Mann und Kind, alle tot, nur wegen einem fetten Käfer und dem Trottel, der ihn angefasst hat. Um es vorweg zu nehmen: Es ist keinem etwas passiert. Das Unwohlsein hatte nichts mit dem schön schillernden Ölkäfer zu tun. Trotzdem sollte man die Finger weglassen. Denn der hübsche Bursche aus der Welt der Insekten ist durchaus wehrhaft. Er kann aus seinen Körpergelenken ein Gift absondern, auch Reflexbluten genannt. Die austretenden Tröpfchen führten wohl auch zum deutschen Namen Ölkäfer.
Bei dem Gift handelt es sich um Cantharidin. 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht gelten als tödlich. Rund ein Gramm davon wäre also über den Daumen gepeilt ausreichend, um 30 Menschen ins Jenseits zu befördern. Es sollten also vor allem Kinder die Finger vom Käfer lassen und wenn möglich auch keinen verspeisen. Was angeblich in Afrika schon passiert ist, als ein kleines Kind den Giftkäfer mit einem essbaren Exemplar verwechselte.
Die Familie der Ölkäfer, wissenschaftlich Meloidae, kreucht und fleucht in Mitteleuropa mit rund 37 Arten. Bei dem Tier mit den kurzen Flügeln auf dem Bild handelt es sich vermutlich um den Violetten Ölkäfer, Meloë violaceus. Bis zu drei Zentimeter groß können die Weibchen dieser Art werden, die mit ihrem schillernd violett bis blau-schwarzen Äußeren hübsch anzuschauen sind.
Unter den kurzen Flügeldecken sind keine Flügel verborgen, weshalb sich die Tiere flugunfähig sind. Die erwachsenen Käfer ernähren sich von pflanzlicher Kost, vor allem Pollen und Nektar sind bei den Brummern beliebt. Der ausgewachsene Käfer hat in seinem Leben schon einige Tricks ausgespielt und Gefahren bestanden. Denn der Kerf hat einiges auf dem Kerbholz. Seine Larve macht mehrere Verwandlungen durch, von denen die eine der anderen kaum ähnlich sieht.
Sein Leben beginnt als Ei in einer Erdgrube. Nach einigen Wochen schlüpft eine sechsbeinige, kleine Larve, die sich im Frühjahr an einer Pflanze emporhangelt und dort in Lauerstellung geht. Den nächstbesten behaarten Blütenbesucher krallt sich der Dreiklauer genannte Schmarotzer, um als Passagier in dessen Nest zu gelangen. Wenn es sich dabei nicht um eine Solitärbiene handelt, hat die Larve allerdings Pech gehabt und wird schnell das Zeitliche segnen. Bei einem Glücksgriff wartet die Kleinlarve im Pelz der Biene deren Eiablage ab. Sogleich stürzt die Ölkäferlarve sich auf das Ei, frisst es auf und häutet sich. Das nächste Larvenstadium ist von plumper Gestalt, frisst den Proviant des gemeuchelten Solitärbienennachwuchses. Nach weiteren Häutungen begibt sich die dickgefressene, plumpe Drittlarve unter die Erde, um dort den Winter zu verbringen. Eine engerlingähnliche Viertlarve entsteht, dann folgt die Verpuppung und im Mai kriecht der fertige Käfer aus der Erde.
Diese dicken und flugunfähigen Käfer sind Leckerbissen für viele andere Tiere, besonders die Weibchen, die Tausende Eier in ihrem Leib mitschleppen können. Damit wenigstens einigen der Feinde der Appetit vergeht, scheidet der Käfer bei Bedrohung seine giftige Körperflüssigkeit aus. Igel, Frösche und Vögel, die sich an den Käfern laben, überstehen die Giftattacke allerdings auf bisher unbekannte Weise schadlos. Menschen, die derart belastete Frösche oder Vögel essen, können unter Umständen Pech haben.
Napoleon und seine Mannen mussten derart unschöne Erfahrungen beim Ägyptenfeldzug Ende des 18. Jahrhunderts machen. Dem Käfergift Catharidin wird nämlich auch eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt. Dokumentiert sind allerdings eher schmerzhafte Dauererektionen. Die französichen Soldaten hatten damals Frösche aus den Sümpfen des Nildeltas verspeist.
Pech für Napoleon:
Soldaten hatten Dauererektionen, der Käfer war schuld
Diese wiederum waren nach dem Genuss der entsprechenden Käfer vollgepumpt mit Käfergift. Auf den Froschschenkelgenuss folgte der Ausfall der Soldaten, die wegen schmerzhafter Erektionen nicht einsatzfähig waren. „Auch aus der Republik Niger ist bekannt, dass europäische Besucher nach dem Verzehr von Geflügelfleisch starke Erektionen bekamen.“, so die Zeitschrift „Entomologie heute“. Es ist also dringend von der willentlichen Giftaufnahme abzuraten. Denn entweder der Penis schwillt schmerzhaft an oder man ist tot.
Berühmt für ihre angeblich liebesfördernde Wirkung wurde eine nahe Verwandte des Violetten Ölkäfers namens Spanische Fliege. Auch dieses Tierchen kommt in Deutschland vor. Der knallgrün gefärbte Käfer bezahlt die Begeisterung des Menschen auf jeden Fall mit seinem Leben, er wird pulverisiert. Schon der deutsche König Heinrich IV. soll für die erektionsfördernde Wirkung seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben und auch heute noch gibt es derlei Mittelchen zu kaufen. Einige davon gelten aufgrund homöopathischer Dosen als unbedenklich, andere wiederum können bei Überdosierung innerhalb von Stunden zum Tod durch Lebervergiftung, Kreislaufkollaps und Nierenversagen führen.
Im Insektenreich steht das Gift ebenfalls hoch im Kurs. Einige an sich harmlose Mücken- und Käferarten nehmen die Substanz gezielt auf, indem sie beispielsweise tote Ölkäfer verspeisen und sind anschließend selbst besser vor Fressfeinden geschützt.
Bei Menschen, die mit der Körperflüssigkeit der Ölkäfer in Kontakt kommen, kann es zu böser Blasenbildung und dem Absterben von Gewebe kommen. Daher trägt der Violette Ölkäfer unter anderem den Namen Blasenkäfer, ist aber auch als Maiwurm bekannt.
Der Käferart selbst geht es nicht sonderlich gut. Sie gilt als gefährdet. Dies dürfte unter anderem daran liegen, dass der Lebensraum der nötigen Solitärbienen schwindet. Die erwachsenen Ölkäfer sind prinzipiell friedliebende Vegetarier. Wer sich und den Käfern etwas Gutes tun will, der behält seine Finger bei sich und genießt ausschließlich mit den Augen.
Wer von einem Biologen zum Essen eingeladen wird, sollte sein Vesper lieber selber mitbringen.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
