Montag, 06. September 2010

KW 14 – Gelbe Flechten überall


Die Gewöhnliche Gelbflechte. Foto: Rücker
Die Gewöhnliche Gelbflechte. Foto: Rücker

Liebe Leser,
manche Menschen, darunter Hobby-Gärtner, beäugen sie besorgt. Dabei sind Flechten, jene bunten Doppelwesen, die sich auf Bäumen, Steinen und nahezu jeder anderen Unterlage ansiedeln können, normalerweise kein Grund zur Sorge.
 
Neulich platzte es aus der Sersheimer Leserin förmlich heraus: Wieso sind die Bäume eigentlich so gelb?
Glasklar, gemeint sein können eigentlich nur die lappig-krustigen Beläge auf der Baumrinde, die an den noch unbelaubten Ästen gut zu sehen sind.
Es sind Flechten, wissenschaftlich Lichenes, die sich dort auf den Gehölzen ein lauschiges Plätzchen zum Wachsen auserkoren haben und die Rinde bunt schimmern lassen. Manchen Stücklesbesitzern ist das nicht geheuer und sie betrachten den Bewuchs mit Argwohn. Doch es kann Entwarnung gegeben werden: Die Doppelwesen aus Pilz und Alge sitzen normalerweise nur artig auf dem Baum drauf. Er wird in keiner Weise angezapft oder geschädigt. Der Mittelhessische Lichenologische Arbeitskreis weiß von Bekämpfungsaktionen mit Messer, Drahtbürste und Spachtel zu berichten, mit denen den Bäumen mitunter zu Leibe gerückt wird. „Dieses Vorgehen stellt keinen Vorteil für den Obstbaum dar, denn selbst dichter Bewuchs schädigt den Baum nicht“, so die Flechtenkundler.
Eine Flechte ist ein eigentümlicher Organismus, der keinem Reich in der Biologie zugeordnet werden kann. Flechten sind weder Pflanzen, noch Pilze und schon gar keine Tiere. Sie sind ein Zusammenschluss aus Pilz und Alge und bringen als solche ganz neue Eigenschaften hervor. Da häufig der Pilzpartner in dieser Gemeinschaft dominiert, werden die Flechten im biologischen System bei den Pilzen aufgelistet.
Das Zusammenleben von Pilz und Alge in Flechten gilt als Paradebeispiel für eine Symbiose, also eine Lebensgemeinschaft, in der beide Partner einen Nutzen vom Zusammenleben haben. In den allermeisten Fällen gehört der beteiligte Pilz den Ascomyceten, den Schlauchpilzen, an, zu denen beispielsweise auch die Morcheln gezählt werden. Bei den meisten Flechten ist es auch der Pilz, der das Aussehen der Flechte bestimmt. Als Symbionten treten einzellige oder fädige Algen in Erscheinung.
Der Pilz umspinnt die Algen mit seinen Pilzfäden und dringt manchmal sogar in die Algenzellen ein. Von den grünen Algenpflanzen, die lustig Fotosynthese betreiben, lässt sich der Pilz vollstänidg mit Kohlenhydraten versorgen. Im Gegenzug erhalten die Algenpartner von dem Pilzgeflecht Wasser, Mineralstoffe und den mechanischen Schutz. Mit seinen fädigen Hyphen kann der Pilz eine schützende Kruste aufbauen, die besonders intensive Sonneneinstrahlung abhalten kann.
Flechten können sehr unterschiedlich aussehen und werden denn auch aufgrund ihrer Gestalt eingeteilt. Unter den rund 25000 Flechtenarten weltweit tummeln sich Fadenflechten, Gallertflechten, Krustenflechten und Laubflechten. Außerdem noch Nabel- und Strauchflechten. Eine bekannte Art ist beispielsweise das Isländische Moos, das in trocken-kalten Wäldern und Heiden von Tundra und Hochgebirge wächst. Als Schleimlöser in Hustenmitteln findet es seine Anwendung.
 Rentierherden des hohen Nordens fressen vor allem die nach ihnen benannte Rentierflechte, die den Boden bedeckt. Selbst in der Bibel scheinen die Flechten präsent zu sein. Beim Manna, dem Himmelsbrot der Bibel, könnte es sich um die im Orient vorkommende Mannaflechte gehandelt haben.
Lackmus-Farbstoff wird ebenfalls aus bestimmten Flechtenarten gewonnen. Je nachdem, ob der Farbstoff in einer basischen oder in einer sauren Flüssigkeit gelöst wird, verändert er seine Farbe. Von Gelborange bei Säure, bis Tiefblau bei Lauge reicht die Skala dieses sogenannten Indikators. Eine Strauchflechte namens Letharia vulpina ist die einzige Giftflechte Europas. Mit ihr wurden früher Giftköder für Fuchs und Wolf präpariert. Mittlerweile gilt die Flechte selbst als gefährdet und steht auf der Roten Liste bedrohter Arten. Eine wichtige Aufgabe übernehmen die recht formlosen Wesen auf unwirtlichem Gelände. Auf Fels und Stein, in kalten Höhen den Gebirges beispielsweise, setzen Flechten einen Startpunkt für die Besiedlung durch weitere Lebewesen. Wobei ihr Wachstum mitunter quälend langsam vonstatten geht. Zwei Zentimeter pro Jahr gelten bei unseren Flechten als Rekord, die Landkartenflechte der alpinen Region bringt es auf ihrem Felssubstrat gerade mal auf 0,5 Millimeter pro Jahr.
Ursprünglich sind Flechten echte Alleskönner, die sich nahezu in jedem Winkel der Erde zurechtfinden. Sie besiedeln fast jeden Untergrund, wachsen in den Tropen, im Süßwasser, im Spritzgürtel der Meere, in kalten Tundren.
Einen Lebensraum haben die bunten Wesen aber lange Zeit gemieden: Großstädte. In den Metropolen mit ihren Schwefelabgasen machten sich die Doppelwesen normalerweise rar. Ein Grund dafür waren der Saure Regen. Seit den 70er Jahren ist die Rauchgasentschwefelung in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben. Daneben wird seit einigen Jahren die Entschwefelung von Fahrzeugkraftstoffen gefördert. Durch diese Vorschriften und ihre Umsetzungen konnten die Schwefelemissionen drastisch reduziert werden. Dies zeigt sich auch in der Zusammensetzung der Flechtengesellschaften in Land und Stadt. Denn anhand des Vorkommens verschiedener Arten kann auf die Luftqualität geschlossen werden. Flechten sind folglich Indikatororganismen für die Luftgüte.
Ein Umstand, den sich die Lokale Agenda in Ludwigsburg zunutze macht. „Durch eine Flechtenkartierung kann man also mehr über die Luftqualität in Ludwigsburg herausfinden“, ist auf den Internetseiten der Stadt Ludwigsburg zu lesen.
2004 lief die erste derartige Kartierung und auch jetzt wird die urbane Flechtengemeinschaft erfasst. Besonders hübsch: Auf den Internetseiten der Stadt können übersichtlicher Bestimmungsbilder eingesehen werden. Flechteninteressierte können unter der Telefonnummer 07141/9102027 oder im Internet unter www.ludwigsburg.lokaleagenda21.org Kontakt aufnehmen.
 In Anbetracht der Abbildungen wage ich zu behaupten, dass es sich bei der Flechte auf dem Bild unten um die Art Xanthoria parietina, die Gewöhnliche Gelbflechte, handelt. Sie bildet sogenannte Lager mit bis zu zehn Zentimetern Durchmesser aus.
Sie ist eine Blattflechte, die als Eutrophierungszeiger gilt. Das heißt, dass sie von der Stickstoffdüngung beispielsweise aus den Abgasen in der Luft profitiert. Die gute Nachricht: Sie fühlt sich in menschlicher Nähe wieder wohler, weil die Schwefelverbindungen in der Luft reduziert wurden. Deshalb konnte sie sogar in Großstädten wieder Einzug halten.
Im Jahr 2004 war die Gewöhnliche Gelbflechte zur Flechte des Jahres gekürt worden. „Die Gewöhnliche Gelbflechte profitiert ganz offensichtlich von dieser Düngung aus der Luft und nimmt momentan in vielen Regionen an Bäumen, Mauern und auf Dächern stark zu. Sie symbolisiert somit eines der aktuellsten Umweltprobleme unserer heutigen Zeit, denn die Stickstoffverbindungen belasten auch Moore, Heiden, Trockenrasen und Wälder und bedrohen empfindliche Arten in ihrer Existenz“, so der Naturschutzbund Deutschland.
 Geht es den Flechten an einem Ort richtig gut, dann können manche Arten sogar mehrere Tausend Jahre alt werden. Falls es ihnen dabei langweilig wird, beginnen sie einfach zu flechten.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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