Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 13 – Von Hasen und Widderkaninchen


Meißner Widder mit den Hängeohren. Foto: Feldmann/GEH
Meißner Widder mit den Hängeohren. Foto: Feldmann/GEH

 

Liebe Leser,eigentlich hätten Sie heute an dieser Stelle etwas über Flechten lesen sollen. Dann sagte aber ein vorbeieilender Osterhase, dass ja wohl ein Osterthema angebracht sei. Sein Tipp: der Meißner Widder. Was hat aber ein Widder mit dem Osterfest zu tun?Auf lange Diskussionen lässt sich der Osterhase nicht ein. Schließlich muss er feste schaffen, damit die bunten Eier noch rechtzeitig im Nest landen. „Mach’ doch den Meißner Widder“, ruft er noch vom Marktplatz hoch und weg ist er. In Australien feiern die Leute den Osterbrauch schließlich auch nicht mit dem Hasen, sondern mit einem Beuteltier. Der Kaninchennasenbeutler, Bilby genannt, ist auf dem fernen Kontinent Ostersymbol und bringt bei einigen australischen Familien anstelle des Osterhasens die Ostereier. Denn mit Osterhasen und Kaninchen haben viele dort in der Ferne nichts am Hut. Mitte des 19. Jahrhunderts soll ein europäischer Einwanderer 24 Kaninchen nach Australien mitgebracht haben. Damit wollte er seinem Hobby, der Jagd, frönen. Außerdem handelt es sich um Fleischlieferanten und schließlich sind ein paar Kaninchen doch völlig harmlos. Dachte der Farmer. Das war falsch. Für die Kaninchen taten sich paradiesähnliche Zustände auf, denn natürliche Feinde gab es in Down Under nicht. Sie vermehrten sich so, wie es sich für Kaninchen gehört, nämlich rasant. Heimische Tiere, darunter eben jener Kaninchennasenbeutler, wurden durch die Kaninschenschwemme verdrängt, wertvolles Weideland abgenagt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein 1700 Kilometer langer Zaun errichtet, der die Kaninchen an der Ausbreitung hindern sollte. In den 50er Jahren bekämpfte man die Kaninchen mit dem Myxoma-Virus, wodurch die Hälfte der Tiere elendig starb. Doch die Schwemme mit den Neubürgern ließ sich nicht aufhalten. Viele der Tiere wurden resistent und inzwischen bevölkern mehrere Milliarden Kaninchen Australien. Deshalb sind etliche Einheimische auf den Osterhasen nicht gut zu sprechen und lassen sich lieber durch den kleinen Nasenbeutler beschenken.In unseren Breiten ist vielleicht sogar gerade der Meißner Widder im österlichen Einsatz. Denn bei ihm handelt es sich nicht um ein männliches Schaf, sondern um ein ausgesprochen niedliches Kaninchen. Das Meißner Widderkaninchen trägt in diesem Jahr den fragwürdigen Titel „gefährdete Nutztierrasse des Jahres“, der ihm von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) verliehen wurde.Die Nutztierrasse Meißner Widder gilt in ihrem Bestand als extrem gefährdet. Das Kaninchen mit den netten Schlappohren wurde vor rund 100 Jahren vom Züchter Leopold Reck geschaffen. Große Kaninchenfelle mit silbernem Glanz waren zu dieser Zeit in der Modebranche gefragt. Es wird vermutet, dass Züchter Reck einen Versuch mit Französischen Widdern und Kleinsilberkaninchen als Eltern der neuen Rasse startete. Der Züchter sah sich großen Problemen in Sachen Ausgangstiere gegenüber, ließ sich aber auch von skeptischen Kollegen nicht entmutigen. Die GEH schreibt, es habe sich um ein Vorhaben gehandelt, ähnlich dem Versuch, „Wasser und Feuer vereinen zu wollen“. Zu guter Letzt habe Reck aber schließlich die gewünschten Eigenschaften in genialer Weise in der neuen Rasse vereint. Der Meißner Widder ist eine mittelgroßes Kaninchen, das immerhin bis zu 5,5 Kilogramm auf die Waage bringen kann. Im Gegensatz zum recht eigenwillig aussehenden Deutschen Widder hat diese Rasse ein eher feingliedriges Köpfchen. „Häsinnen zeigen einen schnittigeren Kopf“, schreibt die GEH.An dieser Stelle bietet sich ein Seitenhieb in Richtung männliche Leserschaft an. Liebe Herren. Lassen Sie sich doch von solch schönen Worten inspirieren und rufen Sie Ihrer Liebsten am Ostersonntag zu: „Liebling, du hast heute einen so schnittigen Kopf.“ Nun aber wieder zurück zum Meißner Widder, den es in den Farbschlägen schwarz, blau, gelb, graubraun und havannafarbig gibt. Die Deckfarbe am ganzen Körper ist gleichmäßig durchgesilbert. Das, liebe Damen, ist eindeutig das Stichwort für Ihren Ostereinsatz. Die Dame des Hauses mit dem schnittigen Kopf könnte wie folgt kontern: „Oh, mein Schatz, und Du bist heute wieder so schön durchgesilbert.“Ganz im Gegensatz zu den Menschen, bei denen die Durchsilberung des Haarkleids keine Begeisterungsstürme entfacht, ist das bei dieser alten Rasse gewollt. „Als Zuchtvorteil gilt seit alters her das verhältnismäßig rasche Durchsilbern der Jungtiere“, so die GEH. Die frohwüchsigen Tiere seien lebhaft und genügsam und gute Futterverwerter. In den 70er Jahren war die Rasse mit nur noch 50 registrierten Tieren dem Aussterben nahe, mittlerweile tummeln sich bundesweit 500 Meißner Widder bei rund 160 Haltern. Kein Grund für Entwarnung. Im Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt beklagt die GEH, dass jede Woche eine Haustierrasse von der Erde verschwindet. 18 der 56 Kaninchenrassen in Deutschland gelten als gefährdet. Nur noch wenige Hochleistungsrassen hätten inzwischen die ehemalige Vielfalt verdrängt. Der Mensch spielt den niedlichen Mümmelmännern ganz übel mitRund 41000 Tonnen Kaninchenfleisch landen Jahr für Jahr in Deutschland auf dem Teller. Dafür müssen an die 24 Millionen Kaninchen ihr Leben lassen. Es wird vermutet, dass bis zu 40 Prozent dieser Tiere aus industrieller Produktion stammen. Der niedliche Mümmelmann, den eigentlich jeder mag, vegetiert dann in viel zu engen Käfigen vor sich hin. Im März strahlte der SWR in seiner Sendung „Zur Sache Baden-Württemberg“ einen Beitrag zu diesem Thema aus. Tierschützer dokumentierten dabei erschreckende Zustände in der deutschen Kaninchenmast. Einer der Mastbetriebe befindet sich in Baden-Württemberg. Verletzte, verstümmelte, dahinvegetierende und auch tote Tiere wurden gefilmt.Der Züchter weist offenbar jede Schuld von sich. Seiner Meinung nach sei der Gesetzgeber verantwortlich, da es keine Haltungsvorschriften für Kaninchen in Deutschland gebe. Dabei liebt das Wildkaninchen, die Urform aller Zuchtvarianten, von Natur aus Geselligkeit, Buddeln und Hoppeln über alles. Beim größeren Feldhasen sehe es auch nicht gerade rosig aus, sagt der Osterhase, der nochmal in der Redaktion vorbeischaut und ein paar Eier verteilt. „Dieser Energiepflanzenanbau! Überall nur noch Mais, Mais, Mais“, klagt Meister Lampe. Als er ein strammer Rammler war, habe er noch nach Herzenslust über Wiesen und Blühstreifen flitzen können. „Ach ja“, seufzt er, nimmt sein Eierkörbchen und schlurft mit letzter Kraft aus der Redaktion. „Schöne Ostern“, haucht er noch. Dann ist er weg, der Osterhase. Wie deprimierend. Und wie gut, dass es nächste Woche um Flechten geht. Die können wenigstens nicht sprechen. Schöne Ostern!Sabine RückerAnregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de.


Seitenanfang