Liebe Leser,
vielleicht scheint gerade jetzt, da Sie diese Zeilen lesen, die Sonne durchs Fenster. Das wäre eine Freude! Aber sicher keine ungetrübte. Denn jeder Sonnenstrahl erleuchtet den Staub, der uns zwangsläufig umgibt. Er reizt den modernen Menschen in vielerlei Hinsicht. Bleiben Sie trotzdem sitzen, putzen Sie jetzt nicht, lesen Sie erst mal weiter.
Dem armen Staub geschieht immer Unrecht. Staubsauger und Tücher möchten ihm Gewalt antun und ihn vernichten. Staub hat ein schlechtes Image. Ich kenne niemand, der von sich behaupten würde, dass er Staub mag. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Staub macht krank und Feinstaub erregt sowieso die Gemüter.
Doch nun endlich, nach vielen Jahrhunderten, in denen sie völlig verkannt wurden, entdecken Wissenschaftler ihr Herz für die Partikel, die das Auge fast nicht sieht.
Allein etliche tausend Tonnen kosmischer Staub aus den Tiefen des Weltalls fallen pro Jahr auf Mutter Erde herab. Ein gefundenes Fressen für Planetologen, um mehr über ferne Welten und deren Geburt zu erfahren. Am liebsten fischen sich die Sternen-Forscher ihre Proben allerdings mit Spezialflugzeugen oder Satelliten direkt aus luftigen Höhen.
Biologen, Geologen, Physiker und Chemiker wühlen im Staub und entdecken ein eigenes Universum. Kriminologen überführen mit seiner Hilfe Täter, ganze Industriezweige erfreuen sich an seiner Existenz und würden ohne die lästige Schmutzschicht bankrott gehen. 6,2 Milligramm Staub pro Quadratmeter bedecken täglich von Neuem unsere Wohnräume – ein Eldorado für Staubsaugerverkäufer und Putzfanatiker.
Otto-Normalverbraucher würde sich bestimmt eine staubfreie Umwelt wünschen. Dabei gilt es aber zu bedenken, dass ohne Staub der Wasserkreislauf der Erde kollabieren würde. Denn nur dank der Teilchen in der Höhe kondensiert das kostbare Nass und fällt als Regen auf die Erde. Mineralhaltige Stäube aus den Wüsten versorgen die Weltmeere mit lebenswichtigen Elementen. Eisenhaltiger Saharastaub kurbelt beispielsweise im Atlantik die Aktivität des Phytoplanktons an.
Staub ist nicht gleich Staub. Der Stoff kann nach vielen Gesichtspunkten eingeteilt werden, unter anderem nach Größe oder Gewicht. Dabei entstehen die Kategorien Grob- und Feinstaub. Es wird aber auch zwischen organischem und anorganischem Staub unterschieden.
Grobstaub hat eine Größe zwischen zehn und 20 Mikrometer (ein Mikrometer entspricht einem Tausendstel Millimeter). Feinstaub darf einen bis zehn Mikrometer messen. Kleinere Teilchen werden als Nanopartikel bezeichnet. Kleiner Feinstaub wird auch als Feinststaub bezeichnet.
Der Bischof Isidor von Sevilla lieferte vor rund 1500 Jahren eine Definition für Staub, die im Großen und Ganzen nach wie vor gültig ist. Alles, was so leicht ist, dass es von der Luft emporgetragen werden kann, ist Staub. In der winzigen Welt des Staubkörnchens sind die für uns geltenden physikalischen Gesetze zum Teil außer Kraft gesetzt. Die Schwerkraft, um die kein größerer Erdling herumkommt, hat in der Welt des Kleinen nicht viel zu melden. Das Staubkörnchen schwebt lustig durch die Luft und lässt sich gerne auch mal an einer senkrechten Oberfläche nieder. „Staubpartikel sind die Freaks unter den Dingen“, schreibt Staubforscher Dr. Jens Soentgen von der Uni Augsburg, nebenbei Macher einer Staubausstellung.
Oberflächenkräfte beeinflussen das Schicksal der kleinen Schwebstoffe dafür umso mehr, beispielsweise die elektrostatische Anziehung. Dieses Prinzip findet sich in Kopierern, wo der Farbstoff, der sogenannte Toner, in einer Partikelgröße von drei bis 15 Mikrometer elektrostatisch übertragen wird. Die kleinen Teilchen sind der Grund dafür, weshalb Kopierer und Drucker teilweise in Verruf geraten sind, da hier gesundheitsschädliche Stäube die Geräte umwabern können.
Natürlich ist Staub nicht nur eine faszinierende Angelegenheit, sondern überaus lästig und obendrein auch noch gesundheitsschädlich. Bei den Gesundheitsbelastungen durch Staub handelt es sich um kein aktuelles Problem. Steinmetze, Bäcker, Schreiner und Kohlekumpel mussten früher mit einem vorzeitigen Ableben rechnen, was definitiv durch die Einatmung der Stäube begründet war. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Steinmetzes habe 1898 nur 35 Jahre betragen, so Staubforscher Soentgen. Der Staub habe ihr Leben dahingerafft, sie seien der „Lungenschwindsucht“ erlegen.
Heutzutage füllt vor allem das sehr kleine Material namens Feinstaub die Medien. Leidliche Erfahrung kann hier die Landeshauptstadt Stuttgart vorweisen, auf deren Markung zu oft die Grenzwerte von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Tagesmittel überschritten werden.
Das Problem, das der kleine Staub unserem Körper bereitet, besteht zunächst darin, dass er sich überhaupt durch die natürlichen Schranken hindurch mogeln kann. Größerer Dreck bleibt nämlich schon mal in der Nase an den verpönten Härchen hängen, die also durchaus ihre Berechtigung haben. An dieser Stelle also einmal ein Hoch auf die Nasenhaare.
Das Ausmaß der Auswirkung von Partikeln auf die Atemwege hängt, neben der Toxizität durch giftige Beimengungen, auch von der Größe der Partikel ab. Je kleiner, desto tiefer können sie in unseren Köper eindringen. Ultrafeine Teilchen (unter 0,1 Mikrometer) mogeln sich bis in die Lungenbläschen vor und können zur Staublunge führen. Feinststäube sollen sogar in der Lage sein, die Blut-Hirn-Schranke zu durchbrechen, um dann im Denkstübchen ihr Unwesen zu treiben. Das ist auf keinen Fall gesund. Die Abgase von Holzheizöfen werden in diesem Zusammenhang besonders kritisch beäugt.
So, nun ist aber Schluss mit schlechten Nachrichten. Heute ist Frühlingsanfang! In diesem Wort schwingt viel Gutes mit, aber auch eine Ahnung von Frühjahrsputz. Die Großaktion in Sachen Sauberkeit brach bei unseren Vorfahren in den ersten Frühlingswochen herein. Dann wurde der Dreck und Ruß, den die Kohleöfen und offenen Kamine in die Wohnung geschleudert hatten, entfernt.
Also, jetzt widmen wir uns mal dem Schmutz in unserem Haus. Der Hausstaub, der uns daheim erwartet, besteht zu 80 Prozent aus Textilfasern. Das klingt zunächst beruhigend, bietet aber wiederum den winzigkleinen Hausstaubmilben eine prima Lebensplattform. Die kleinen Spinnentierchen sitzen in diesem Biotop und knabbern Hautschuppen, die jeder von massenhaft verliert. Auf einem Teelöffel Staub tummeln sich bis zu 1000 der winzigen Tierchen, wobei unterstellt wird, dass jeder dieser Krabbler täglich 250 Kothäufchen verteilen soll. Diese Mini-Exkremente wirbeln durch die Luft, geraten in die Lunge und verursachen Allergien. Da lob ich mir doch einen fetten Kuhfladen mit Bodenhaftung.
Falls bei Ihnen daheim nun der Frühjahrsputz ansteht und Sie keine Lust darauf haben, bleiben Sie ganz ruhig. Lassen Sie den Schmutz so lange liegen, bis eine sichtbar schwarze Schicht die Wohnung überzieht. Erklären Sie Menschen, die Sie deshalb kritisieren, dass es sich bei den Verfärbungen um das „Fogging-Phänomen“, auch als „magic dust“ bekannt, handelt. Das gibt es übrigens wirklich. Eine stichfeste wissenschaftliche Erklärung für das spontane Einschwärzen des Wohnraums gibt es nach wie vor nicht. Deshalb entgegnen Sie Ihren Kritikern, dass Sie die Schicht so lange nicht entfernen werden, bis die Sache endgültig erforscht ist. Dolce Vita, wunderbar.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
