KW 10 – Sing-, Wacholder- und Schnapsdrossel
Liebe Leser,
in Anbetracht der Schneemassen vom letzten Wochenende gab es für die Vögel in vielen Gärten nochmal Nachschlag. Die ausgelegten Äpfel bescherten uns daheim einen näheren Blick auf merkwürdige Amseln, die sich als Drosseln entpuppten.
Vor Jahrzehnten stürzte mich ihr Anblick in Verwirrung. Mist, jetzt sind schon die Amseln mutiert, dachte ich damals. Dabei zogen dort am Himmel nur Wacholderdrosseln entlang. Man lernt eben nie aus.
Am Sonntag war die Lage in Sachen Drosseln wieder ein bisschen unübersichtlich. Denn über die Äpfel im Garten fielen nicht nur die Amseln her, die übrigens auch Schwarzdrosseln genannt werden.
Noch zwei weitere, ähnliche Exemplare pirschten sich mit unterschiedlichem Temperament an die Futterquelle heran. Nach längerem Stieren mit dem Fernglas und dem Abgleich im Bestimmungsbuch können die Vögel mit ziemlicher Sicherheit einmal als Sing-, das andere Mal als Wacholderdrossel identifiziert werden.
Komisch, komisch. Müssten die Drosseln nicht schon wieder weg sein, da sie nur im Winter zu Gast sind? Die Antwort lautet: nicht alle. Die Singdrossel, wissenschaftlich Turdus philomelos, macht es wie manche Menschen. Sie überwintert im Mittelmeerraum. Im März erscheint sie bei uns wieder auf der Bildfläche. Sie ist ein lieblich aussehendes Geschöpf. Warme Erdfarben dominieren als Gefiederfarbe bei Männchen und Weibchen, welche nahezu gleich aussehen. Dieser braune Teint verleiht ihr ein freundliches Aussehen, welches sich bei näherer Betrachtung doch wesentlich vom strengen Gesichtsausdruck der Wacholderdrossel, Turdus pilaris, unterscheidet.
Die Singdrossel erreicht folglich derzeit nach einem ausgedehnten Winterurlaub die deutschen Brutgebiete. Wobei vermehrt von Überwinterungsversuchen berichtet wird. Die Singdrossel macht insgesamt einen kompakten Eindruck, der Schwanz ist relativ kurz. Die Brust ist von einem zarten Orangeton überlaufen, Brust und Bauch werden von pfeilförmigen Flecken geziert.
Ihr Gesang wird im Vogelführer als selbstsicher und rechthaberisch beschrieben. Die Schweizerische Vogelwarte sieht in ihrem Lied einen Boten des Vorfrühlings, das Gelege mit den himmelblauen Eiern sei ein Symbol des Frühlings. Der Balzgesang des Männchens soll das Weibchen wohl mit seiner Schönheit und nicht mit der Lautstärke überzeugen, denn das Liebeslied wird leise vorgetragen und gleicht eher einem Liebesgeflüster. Wird allerdings das Revier akustisch gegen Rivalen abgesteckt, dann wird laut und abwechslungsreich gesungen. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) bezeichnet das Vögelchen als gefleckte Abendsängerin. „Wenn ein Vogel erstens sehr lange und zweitens ganz unterschiedliche Melodien singt, und wenn er drittens die einzelnen Motive gleich mehrere Male – meistens dreimal – wiederholt, dann handelt es sich um die Singdrossel“, so der Nabu.
Die Vogeleltern bevorzugen als Kinderstube alte Bäume, in deren Wipfel das stabile Nest innen mit Holzmulm und Lehm ausgepolstert wird. Handwerklich sind die Tiere durchaus begabt. Denn es ist die Singdrossel, die in ihrer berühmten Drosselschmiede Schneckenhäuschen mit Brachialgewalt an Steinen öffnet, um den Inhalt verzehren zu können. Die ältestes bekannte Singdrossel, deren Alter anhand der Beringung bestimmt werden konnte, erreichte immerhin ein Lebensalter von 18 Jahren. Die Art gilt als nicht gefährdet und wird vom Nabu zu den 40 häufigsten Gartenvögeln gezählt.
Im Vergleich zu der doch eher lieblichen Singdrossel kommt die Wacholderdrossel als ziemlicher Haudegen daher. Sie verjagt ihre braun-gefleckte Verwandte unerbittlich vom Apfel. Das Bild unten konnte in dieser Form in der Natur nicht beobachtet werden, sondern ist dem Kollegen aus der Technik zu verdanken. Er zauberte aus zwei Bildern eins, auf dem die Vögel in trauter Zweisamkeit sitzen. Es ist ein und derselbe Apfel zu sehen, an dem zuerst die Singdrossel knabberte. Dann tauchte die Wacholderdrossel am Ort des Geschehens auf, verscheuchte alle Nebenbuhler vom Obst und hielt die Stellung.
Dass die Wacholderdrossel eher der grobe Typ ist zeigt sich daran, dass selbst wesentlich größere Vögel attackiert werden, wenn es die Situation erfordert. Milane und Krähen werden dann mit Kot bespritzt. Die Schweizerische Vogelwarte: „Dass diese Abwehrtechnik sehr erfolgreich ist, zeigt sich dadurch, dass Greifvögel gefunden worden sind, deren Gefieder so mit Drosselkot verschmiert war, dass sie nicht mehr fliegen konnten.“ Beim Singen kann der Vogel ebenfalls nicht durch Liebreiz punkten, heißt sie doch im Volksmund Schreidrossel. Eine Bezeichnung, die mitunter manche Sängerin charakterisieren könnte.
Einen besonderen Vorzug hatte die Wacholderdrossel aber aus Sicht unserer Vorfahren: Sie flog in Massen am Himmel und schmeichelte geschmort dem Gaumen. Krammetsvögel wurde diese Drosselart genannt, wobei Krammet ein Synonym für Wacholder ist. Wacholderbeeren frisst sie zwar gar nicht so gerne, frisch gestoßen soll die Beere den Braten aber verfeinert haben. Mit Schlingen wurden die Tiere gefangen und gebraten. Rezeptempfehlung: ein Vogel pro Person. In einigen südlichen Ländern wird die Wacholderdrossel wohl immer noch bejagt.
Dessen ungeachtet dehnte die Vogelart ihren Lebensraum seit dem Ende der letzten Eiszeit bis heute von Nordost nach Westen und Süden hin aus und gilt in ihrem Bestand als nicht gefährdet. Früher waren die neuen Bundesländer die Westgrenze der Vorkommen. Inzwischen fühlt die Wacholderdrossel sich offensichtlich auch bei uns wohl. Am meisten fällt die Vogelart dann auf, wenn die Durchzügler aus dem Norden im Frühjahr und Herbst den heimischen Bestand anschwellen lassen. Die Wacholderdrossel liebt die Geselligkeit und brütet gerne in Kolonien. Sie ist kein reiner Waldbewohner, sondern bevorzugt halboffene Landschaften. Gerne baut sie aber hoch oben in älteren Bäumen ihr Nest.
Bei der Nahrungssuche ähnelt sie der Amsel, wenn sie auf gemähten Wiesen herumhüpft und nach Würmern sucht. Neben tierischer Kost nascht sie gerne Beeren und Obst und stürzt sich im Winter auf ausgelegte Äpfel. Männchen und Weibchen sehen nahezu gleich aus
Es gibt noch weitere Arten der Gattung Turdus oder Echte Drosseln, die einem in Deutschland unter die Augen fliegen können – wenn zum Teil auch nur als Durchzügler. In diesen Verwandtschaftskreis gehören Misteldrosseln, die Rotdrosseln und die Ringdrosseln.
Bei der Schnapsdrossel handelt es sich nach neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft um eine Allerweltsart. Sie kommt somit ganzjährig in kleinen Trupps im gesamten Bundesgebiet vor. Die Schnapsdrossel wird als äußerst sangesfreudig und gesellig beschrieben. Häufig trällert sie ihr Liedchen hilflos am Wegesrand liegend. Sie sollte dann in die Obhut ihres Männchens oder Weibchens übergeben werden, was zu weithin hörbarem Gezeter führen kann. Schnapsdrosseln werden mitunter von einer Lebererkrankung dahingerafft. Ihr Bestand gilt dennoch als nicht gefährdet.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
