Gutes Fett und Lieblingswaage
Liebe Leser,
heute geht’s um gutes Fett und schlechtes Fett, um gute und um böse Waagen. Die Feiertage haben an unseren Körpern Spuren hinterlassen. Das ist schlimm. Schlimmer ist, dass moderne Personenwaagen – bildlich gesprochen – kein Auge mehr zudrücken.
Sie ist eine klassische Schönheit, von zeitloser Eleganz und mein Liebling. Die Rede ist von einer Allibert Personenwaage. Ihr Alter bewegt sich auf die 20 Jahre zu, sie muss pfleglich behandelt werden und dankt es einem reichlich. Denn die Waage mit der altertümlichen Rundskala hat keinerlei Schnickschnack, der die Psyche unnötig belastet. Sie zeigt nur eine Zahl an. Oder sagen wir besser, sie zeigt einen Gewichtsbereich an. Denn jeder, der noch eine solche Waage besitzt, weiß, dass diese Geräte kleinere Schummeleien großzügig übersehen. Das macht sie liebenswürdig.
Durch eine geschickte Gewichtsverlagerung nach vorne oder hinten kann beim Wiegen gut und gerne ein ganzes Kilogramm weggewippt werden. Sehr schön auch die manuelle Einstellung des Nullpunkts, bei der ebenfalls das eine oder andere Gramm abhanden kommen kann. Dies alles sind die unbezahlbaren Vorzüge der fast schon historischen Waage, die ich besonders jetzt nach den fetten Feiertagen schätze.
Grundsätzlich ist Fett am Körper eine gute Sache. Es isoliert, wirkt als mechanischer Puffer, macht warm und ist Energiespeicher. Wohl dem, der eine ausgewogene Menge Speck sein Eigen nennt.
Leider ist das nur bei einem Teil der 6,8 Milliarden Menschen auf dieser Erde der Fall. Laut Welternährungsorganisation leiden 15 Prozent der Weltbevölkerung, also rund jeder sechste, Hunger. Für sie besteht keine Chance darauf, großartige Fettreserven anzufuttern. Andererseits frisst sich ein Großteil der Wohlhabenden beängstigende Fettmengen an. Nach Berechnungen amerikanischer Wissenschaftler könnten im Jahr 2030 fast 60 Prozent der Weltbevölkerung als übergewichtig oder fettleibig bezeichnet werden.
Bei uns Menschen bedingt normalerweise die orale Aufnahme von Nahrungsmitteln den Zustand des Fettgewebes. Wir nehmen Stoffe auf, bauen sie um und scheiden Substanzen aus. Rein physikalische betrachtet sind wir ein offenes System, das mit seinem Umfeld im Austausch steht. Wird allerdings zu viel geschlemmt, gerät die Stoffwechselbilanz in Schieflage und der Körper schwillt an. Zu verdanken haben wir das vor allem den Fettzellen, Adipozyten, in unserem Körper. Dabei gibt es derer gute und schlechte. Manche davon bestehen aus über 90 Prozent Fett, das sich in einer großen Blase ballt.
Klar wie Kloßbrühe ist, dass Fettzellen vor allem Fett speichern sollen. Hormone, allen voran das Insulin, spielen bei den Umbauarbeiten im Körper eine herausragende Rolle. Die Lipogenese, also der Aufbau der Körperfette, wird durch das Insulin angeschuckt. Die Zelle nimmt beispielsweise Glukose auf und baut daraus Fette auf. Bei erhöhtem Energiebedarf wird dieses wieder mobilisiert.
Noch vor wenigen Jahren galt die These, dass die Anzahl der Fettzellen schon von Kindesbeinen an festgelegt ist und unveränderlich bleibt. Mittlerweile haben Wissenschaftler erkannt, dass es im Fettgewebe sowohl zu einer Erhöhung der Zellzahl, als auch zu einem Absterben von Zellen kommen kann. Man soll zwar niemand den Tod wünschen, aber nur eine tote Fettzelle ist eine gute Fettzelle.
Spektakulär mutet die Erkenntnis an, dass das Fettgewebe mehr ist als nur eine schnöde Speicherstätte. Vielmehr handle es sich um ein „endokrines Organ, das durch seine Sekretionsprodukte in ständigem Austausch mit anderen Organsystemen steht“, schreibt die Uni Ulm. Professor Eugen Verspohl von der Universität Münster sieht in ihm gar „das größte endokrine Organ des Körpers“.
Rund 100 Sekretionsprodukte des Fettgewebes seien inzwischen bekannt. Diese Botenstoffe beeinflussen unter anderem den Blutdruck und die Energiebalance und helfen, das Immunsystem zu steuern. Ein Beispiel ist das Hormon Leptin, das ausschließlich im Fettgewebe gebildet wird. „Das Satt-Hormon Leptin ist einer der Hauptverantwortlichen für den lästigen Jojo-Effekt nach Diäten“, ließ „Bild der Wissenschaft“ 2008 wissen. Sinke sein Spiegel beim Abschmelzen der Fettdepots, reagiere das Gehirn mit einem gesteigerten Hungergefühl und einer Senkung des Stoffwechsels.
Die elegante Methode abzunehmen wäre folglich, den Leptin-Spiegel durch künstliche Gaben aufrecht zu erhalten. Leider stellte sich heraus, dass die Adiposatösen, also Fettleibigen, weniger empfindlich auf die Substanz reagiert. Doch die Forscher haben die Flinte in dieser Angelegenheit noch nicht ins Korn geworfen. Wer weiß, vielleicht winkt uns eine Abnehm-Pille in naher Zukunft. Nach neuesten Studien soll sogar das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, bei hohen Leptin-Werten geringer sein. Das liest sich alles wunderbar und es stellt sich ein positives Gefühl in Richtung Bauchröllchen ein.
Noch besser klingt, was das sogenannte braune Fettgewebe alles leistet. Es dient nämlich nicht der Speicherung, sondern der Wärmeerzeugung. Sprich: In ihm wird „verbrannt“. In vielerlei Hinsicht ähnle das braune Fettgewebe eher Muskelgewebe, so die „Ärztezeitung.de“. Die Fettverbrenner-Zellen werden während der Embryonalentwicklung aus Vorläuferzellen gebildet, die ebenso gut auch Muskelzellen werden können.
Diese Art des Kälteschutzes nutzen vor allem Neugeborene, aber auch Erwachsene scheinen ein paar Reste jener Power-Zellen im Schulter- und Nackenbereich zu haben. Möglicherweise lassen sich irgendwann einmal durch die Nachahmung der Vorgänge, die zur Bildung von braunem Fett führten, Übergewicht behandeln. Dann verbrennt das gute Fett das böse. Besonders Winterschläfern garantiert derweil ein guter Vorrat an braunem Fett das Überleben. Doch Igel, Murmeltier und Co. müssen sich zusätzlich noch eine Speckschicht anfressen.
Der Zweibeiner schätzt sich dagegen eher glücklich, wenn ihn weder Über- noch Untergewicht plagen. In modernen Zeiten setzt der Body-Mass-Index (BMI) den Maßstab dafür, ob mit dem Gewicht gehadert werden sollte oder nicht. Der erlaubte BMI-Wert gilt aber auch nicht mehr als Nonplusultra. Muskelbepackte Bodybuilder bekommen beispielsweise einen vermeintlich ungesund hohen BMI bescheinigt. Wer schnell mal gucken will, kann dies unter anderem auf den Internet-Seiten der Uni Hohenheim tun.
Für Menschen, die es genau wissen wollen, empfiehlt sich eine moderne Glas-Diagnosewaage, eine Art eierlegende Wollmilchsau. „Neben Gewicht, Körperfett, Körperwasser und Muskelanteil wird zusätzlich Ihre Knochenmasse ermittelt“, wirbt ein Hersteller. Diese „umfangreiche Diagnosestation“ wird aber meiner Meinung nach noch getoppt von der „Körperanalysewaage mit separatem Funkdisplay“. So könne unabhängig vom Standort in einem Umkreis von drei Metern eine komfortable Messung von vier verschiedenen Körperwerten durchführen. „Die im Funkdisplay abgespeicherten Werte sind jederzeit und überall abrufbar und langfristig miteinander vergleichbar.“ Vielleicht sogar vom Nachbarn...?
Da bleibt mir nur noch eins zu sagen: Liebe, alte Allibert-Waage. Bitte lass’ mich nicht im Stich!
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
