Liebe Leser,
wir stecken alle drin und mäkeln oft daran herum. Dabei ist die Haut ein Multifunktionstalent, dem Respekt gebührt. Kleinere Wunden repariert unser größtes und schwerstes Organ von selbst. Bei größeren Defekten helfen Hauttransplantate bei der Heilung. Vom Wunderwerk Haut, deren Transplantation und Überraschungseiern handelt die heutige Folge.
Die Haut der Wirbeltiere hat’s in sich. Ein großes Spektrum an Aufgaben wird durch diese äußere Hülle erfüllt. Die Haare der Säugetiere werden in ihr gebildet. Fett und Schweißdrüsen der Haut regulieren die Körpertemperatur. Die Milchdrüsen der Säuger haben in der Haut ihren Platz und Duftdrüsen senden Signale an Mitgeschöpfe aus. Ohne Haut wäre der Körper den Unbilden der Umgebung schutzlos ausgeliefert. Sensoren melden Schmerz, Druck und Temperatur ans Hirn. Hornschuppen, Hörner und Federn lassen Tiere unverwechselbar werden.
Und da sitzt nun der Mensch vor einem Spiegel und lässt kein gutes Haar an seiner Hülle. Pickel stören das Empfinden, Falten setzen der Psyche zu und Orangenhaut wirkt auch nicht gerade stimmungsaufhellend. Dabei vollbringt das Organ beispielsweise bei der Wundheilung wahre Wunder. Seit über 120 Jahren versucht der Mensch, den komplexen Vorgang zu durchschauen, meldet das Deutsche Ärzteblatt. Dessen vorläufige Schlussfolgerung: „Wichtigstes Behandlungsprinzip aus praktischer Sicht ist es, den Wundheilungsprozess in seinem physiologischen Ablauf zu unterstützen und nicht durch fehlerhafte Manipulation zu gefährden.“ Soll heißen: Der Körper wird’s schon richten, wenn er dabei richtig unterstützt wird. Spezielle Zellen beginnen ihre Arbeit und räumen Fremdkörper und Bakterien ab. Netze füllen die Wunde auf und mehr als 30 Wachstumsfaktoren steuern die Wechselbeziehungen zwischen den Zellen.
Um großen Hautdefekten Herr zu werden ist allerdings hin und wieder eine Hautverpflanzung unumgänglich. Beispielsweise bei schweren Brandverletzungen kommt die Natur nicht mehr alleine klar. Schon vor rund 2500 Jahren v. Chr. wurde laut einigen Quellen im asiatischen Raum die Wiederherstellung einer Nase durch einen Schwenklappen aus der Stirn dokumentiert. Im 19. Jahrhundert schließlich entwickelte sich die Hauttransplantation zum eigentlichen Experimentierfeld der Transplantationsmedizin. Inzwischen stehen den Operateuren zur Abdeckung großer Defekte der Haut verschiedene Techniken zur Verfügung. Glücklicherweise kann der Patient das Geschehen heutzutage betäubt erleben. Neben der Transplantation der Haut in ihrer gesamten Dicke besteht die Möglichkeit, nur eine dünne Schicht zu transplantieren, die so genannte Spalthaut.
Um Ihnen, liebe Leser, sozusagen brühwarm und aktuell einen Selbsterfahrungsbericht zu liefern, haben wir keine Schmerzen und Mühen gescheut und uns einer solchen Behandlung unterzogen. Nein, Quatsch. Wie in der letzten Phänomene-Folge berichtet, machte ein Unfall vor wenigen Wochen eben solche Spalthauttransplantationen an meinem Unterarm nötig. Unvergessliche Momente wurden mir bei dieser Gelegenheit beschert: „Und am Dienstag, da öffnen wir das Überraschungsei“, sagt der Mediziner an meinem Krankenbett gut gelaunt. Das „Überraschungsei“, von dem der nette Mann spricht, ist der Druckverband an meinem Arm. Dort wurde das Transplantat kurz zuvor angebracht. Fünf Tage lang bleibt der Verband unangetastet. Darunter kämpft ein hauchdünnes Hautstückchen meines Oberschenkels am neuen Platz ums Überleben. Nur 0,1 bis 0,3 Millimeter dick ist die Spalthaut, die die Ärzte bei der Operation von der Oberschenkelhaut abgetragen hatten, verrät Assistenzarzt Dr. Frederic Becker. Der Mediziner des Stuttgarter Marienhospitals wird ein wenig von der VKZ-Frau ausgequetscht und lässt das klaglos und äußerst freundlich über sich ergehen. Mit einem Elektrohobelmesser, einem Dermatom, wird die Spalthaut während der Operation an der Entnahmestelle entfernt. Anschließend wird die dünne Gewebeschicht mit Metallklammern ins Empfängerareal getackert. Das sieht lieblos aus, funktioniert aber offensichtlich gut. Innerhalb der folgenden Stunden wird das Gewebe noch durch Wundsekret ernährt. Dann entscheidet sich: Wird der Eingriff von Erfolg gekrönt werden oder nicht? Denn nach rund 48 Stunden sollten die ersten Gefäße aus dem Transplantatbett einsprießen, um die Spalthaut zu versorgen. Bei der Öffnung des Überraschungspakets naht die Stunde der Wahrheit.
Stinkt’s im
Überraschungsei?
„Es riecht nicht“, stellt mein Operateur entzückt fest. Gute Güte - meine Nerven! Ich gucke weiterhin angestrengt weg. Dann die Euphorie der Mediziner: „Schauen Sie sich das an!“ Ich tu's. Was soll ich sagen? Dem Laien erschließt sich der Grund für die Begeisterung nicht ohne weiteres. Aber die Ärzte behalten recht, das Transplantat wächst an. Wie sich das neue Areal letztendlich bezüglich Pigmentierung und Optik entwickelt, lässt sich aber erst nach vielen Monaten beurteilen.
Die Entnahmestelle am Bein verheilt „wie eine Schürfwunde“ und schimmert nun noch in knalligem Rot. Zurückbleiben werden etwas aufgehellte Areale. Sowohl Spender- als auch Empfängerareal müssen ein Jahr lang vor der UV-Strahlung der Sonne geschützt werden.
Um Patienten neue Wunden bei Hauttransplantationen zu ersparen, suchen Mediziner nach Innovationen. Erfolgsmeldungen konnte beispielsweise ein Forscher-Team der Universität Leipzig 2007 vermelden. „Haut aus Haaren“ lautet die einfach klingende Devise. Sie basiert auf der Tatsache, dass die Haut adulte Stammzellen enthält, welche in ihrer Entwicklung noch nicht festgelegt sind. Durch die Auftrennung einiger Haarwurzeln der Patienten werden bei dem Verfahren Stammzellen isoliert, in eine Lösung gelegt und durch Nährstoffe und Botenstoffe so beeinflusst, dass Haut aus ihnen entsteht. Professor Jan C. Simon: „Innerhalb von zwei bis drei Wochen wächst solch eine Zelle zu einer Epidermisfläche, also Stücke der oberen Hautschicht, so groß wie ein Cent. Das ‚Opfer‘, das die Betroffenen dafür bringen mussten, war lediglich, dass ihnen 40 bis 50 Kopfhaare ausgerissen wurden.“ Aus 50 Haaren ließen sich so zehn Quadratzentimeter Haut herstellen. Das klingt doch fantastisch. Noch besser ist es, wenn die eigene Haut intakt ist und man sich in selbiger wohl fühlt. Wir sollten daher beim Blick in den Spiegel nicht so dünnhäutig sein und ein Auge zudrücken. Pickel, Falten? Nur nicht aus der Haut fahren. Der Frühling kommt und dann sieht alles viel rosiger aus.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie unter E-Mail s.ruecker@vkz.de.
