Freitag, 10. Februar 2012

KW 8 – Erstaunliches über die Haselnuss


Winzig: die weiblichen Blüten des Haselstrauchs. Foto: Rücker
Winzig: die weiblichen Blüten des Haselstrauchs. Foto: Rücker

Liebe Leser,
wieso in Deutschland die „Haselnuss“ mit „schwarz-braun“ assoziiert wird und ob das verwerflich ist sowie botanische Eigenheiten des Gehölzes beleuchten wir in der heutigen Folge der Phänomene.

„Schwarz-braun ist die Haselnuss, schwarz-braun bin auch ich“. Jeder, der eine gewisse Altersschallgrenze überschritten hat, kann diese Worte nicht normal lesen. Er singt sie. Wenn auch nicht laut, so doch im Kopf. Mit Hilfe dieser paar Buchstaben lässt sich noch mehr gedanklich abspulen. Denn bei den meisten Lesern wird nicht nur die Melodie vom Hirn gleich mitgeliefert. Auch der Sänger mit der dunklen Brille formt sich vor dem geistigen Auge. Heino! Des einen Freund, des anderen Feind, aber nicht zu trennen von eben jenem deutschen Volkslied. Und bei einigen wirft das Denkorgan gleich folgende Frage mit auf: Darf dieses Lied eigentlich unbeschwert gesungen werden? Steckt da nicht Nazi-Gedankengut dahinter? Die Antwort verblüfft und erleichtert: Singen Sie! Abgesehen davon, dass singen immer gut ist, ist „Schwarz-braun ist die Haselnuss“ auch noch politisch korrekt.
Barbara Boock ist Bibliothekarin am Institut für Internationale Popularliedforschung an der Universität Freiburg. Sie hat sich den „Nachforschungen zu einem umstrittenen Volkslied“ gestellt: „Das Motiv des schwarzbraunen Mädchens kommt in vielen Volksliedern seit dem 16. Jahrhundert vor. Es beschreibt einen zupackenden, herzhaften Typus, der auch der körperlichen Liebe ganz und gar nicht abgeneigt ist. Das Gegenbild ist die spröde, blonde Frau, die meistens auch einen höheren sozialen Rang einnimmt.“
 Auch die Haselnuss sei ein immer wiederkehrendes Bild in Volksliedern. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Lied von der linken Arbeiterjugend gesungen. Bibliothkarin Boock: „Schwarz-braun ist die Haselnuss findet sich nämlich auch im Lagerliederbuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen von 1942. Wie viele andere Lieder der Jugendbünde vor 1933 gehörte es gleichzeitig zum Repertoire der Opfer wie auch zu dem der Täter.“ Hiermit möchte ich den Exkurs in die Kulturgeschichte schließen. Der dauerte zwar einige Zeilen länger als geplant, war das aber auch Wert. Jeder darf nun selbst entscheiden, ob er von der Haselnuss singt oder nicht.
An der Pflanze scheiden sich nicht nur in musikalischer Hinsicht die Geister. Da gibt es beispielsweise die Fraktion der Allergiker. Ich zähle zu den anderen, den Glücklichen, die bis jetzt weder Haselnussprodukte noch Pollen meiden müssen. Also gut, diverse Fettpölsterchen einmal außer Acht lassend. Nougat, Nusskuchen, Nussplätzchen, Brotaufstriche mit Haselnüssen – herrlich! Die Gemeine Hasel, wissenschaftlich Corylus avellana, ist in unseren Breiten ein bis zu acht Meter hoher „Allerweltsstrauch“. Wobei sie bei den Boden- und Lichtverhältnissen nicht völlig anspruchslos ist. Trotzdem ist sie rundum präsent, natürlich auch als Kulturpflanze in unseren Gärten. Sobald sich ihre Kätzchen, die männlichen Blütenstände, öffnen, beginnt für Phänologen der Vorfrühling (siehe letzte Folge) und für Allergiker das große Leiden. Bis zu zwei Millionen Pollenkörner werden pro Kätzchen in die Umgebung entlassen. Häufigste Symptome einer Pollenallergie sind tränende Augen, triefende Nasen sowie allergisches Asthma. Außerdem gehört die Haselnuss zu den fünf Lebensmitteln, die am häufigsten eine Nahrungsmittelallergie auslösen. Dr. Thomas Holzhausen vom Paul-Ehrlich-Institut zählte in ihr allein 17 allergene Substanzen.
Verständlich, dass viele Menschen dem Gehölz nicht nur Sympathie entgegenbringen. Ganz anders sieht es dagegen in der Tierwelt aus. Dort hätte der Haselstrauch jede Menge Fürsprecher, die sich vehement gegen jegliche Baumschnitte durch emsige Gärtner aussprechen würden, wenn sie denn könnten.
Angefangen von den Bienen, die in den Pollenmassen ihre erste gehaltvolle Mahlzeit finden. Die Gemeine Hasel hat in diesem Falle nichts vom Insektenbesuch, da der Wind die Bestäubung übernimmt. Das erklärt auch, weshalb die Blüten nicht mit aufwendigem Schnickschnack um die Gunst von Biene und Co. werben müssen. Das hat zur Folge, dass die weiblichen Blüten am Strauch kaum zu sehen sind. Da heißt’s: Adlerauge aufgepasst. Dann sind die winzigen, roten Narben zu erkennen. Sie sitzen an Knospen, die den Rest der weiblichen Blüten umhüllen.
Nach der Bestäubung entwickelt sich eine Frucht, die Haselnuss. Sie enthält unter der harten Schale den Samen, der aus Embryo und mächtigen Keimblättern besteht. In ihnen hat die Pflanze Reserven für die neue Generation eingelagert, nämlich vor allem Fette. Immerhin 61 von 100 Gramm Haselnusskernen sind reines Fett. Zum einen stempelt dieser Umstand die Samen zu Kalorienbomben, zum anderen zum gesunden Snack. Denn es handelt sich in erster Linie um ungesättigte Fettsäuren. Vitamine und Spurenelemente liefert die Nussfrucht gleich mit. Der Großteil der Nüsse für den deutschen Markt kommen aus der Türkei. Im Angebot sind die rundlichen Zeller- und die länglichen Lambertsnüsse. Lambertsnüsse (Corylus maxima) wachsen in den südlichen Anbauländern. Sie sind etwas süßer und werden als wohlschmeckender empfunden als die deutschen Zellernüsse (Corylus avellana).
Interessantes hat auch der Informations-Service der Deutschen Transport-Versicherer zu der Nuss zu berichten. „Haselnüsse gehören zu den lebenden Organen, bei denen die Respirationsprozesse überwiegen“, heißt es dort. Daher gilt in Laderäumen besondere Vorsicht: „Haselnüsse produzieren infolge der nach der Ernte fortlaufenden Atmungsprozesse Reifegase, besonders Kohlendioxid.“ Daher können in Laderäumen lebensgefährliche Kohlendioxid-Konzentrationen auftreten.
Bei den paar Nüsschen, die unsereiner aus dem Garten rettet und daheim hortet, dürfte das kein Problem sein. Retten ist in diesem Fall gar nicht so falsch. Immerhin leben von der Pflanze und deren Frucht „33 Säugetierarten, zehn Vogelarten sowie 112 Insektenarten“, schreibt die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft. Aufgrund ihrer Häufigkeit gilt sie als eine unserer wichtigsten Nahrungspflanzen für Tiere. Rund zehn Jahre lässt sie sich allerdings Zeit, bis sie die ersten Früchte trägt.
 Früher galt der Strauch als Heilmittel, Blitzableiter, Material für Wünschelruten und nicht zuletzt wurde ihm potenzsteigernde Wirkung zugeschrieben. Die Haselnuss ist folglich viel. Aber schwarz-braun ist sie eigentlich nicht.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


Seitenanfang