KW 7 – Die Wissenschaft der Phänologie
Liebe Leser,
meine Oma hat es gemacht. In einem kleinen Notizbüchlein hielt sie Ereignisse des Tages fest. Den Besuch der Enkel, Wetterkapriolen, aber auch das erste Schneeglöckchen, das sich im Jahr zeigte. Das ist topmodern und professionell durchgeführt sogar eine Wissenschaft: die Phänologie, die Lehre von den Erscheinungen.
Wer hätte das gedacht! Der Vorfrühling hat begonnen. Und das schon am 22. Dezember 2008 und zwar im Norden der Republik. Wie das sein kann? Nun, an diesem Tag ging beim Deutschen Wetterdienst die erste Meldung blühender Haselkätzchen ein. Sobald der Haselstrauch seine Pollen in die Luft entlässt, beginnt für eingefleischte Phänologen an jenem Ort der Vorfrühling. Im Westen Baden-Württembergs war es am 26. Januar soweit. Auf den Internet-Seiten des Deutschen Wetterdienstes kann der aktuelle Stand der Pflanzenentwicklung verfolgt werden. Schlag auf Schlag geht es jetzt. Meisen und andere Vögel verbreiten mit ihrem Gezwitscher gute Laune und Frühlingsgefühle. Mit jedem Sonnenstrahl melden sich alte Bekannte aus dem Tier- und Pflanzenreich zurück. Für Naturfreunde eine anstrengend-schöne Zeit, in der jede Blüte, jeder Schmetterling und Vogel gebührend begrüßt werden will.
In der Phänologie werden jährlich wiederkehrende Erscheinungen aus Flora und Fauna beobachtet und notiert. Vorreiter dieser Wissenschaft waren die Japaner. In den Archiven des Kaiserlichen Hofes findet sich Beobachtungsmaterial, das bis zum Jahr 705 zurückreicht. Als Symbol für den Frühling wurde hierbei der Beginn der Kirschblüte in Kyoto schriftlich festgehalten. Während der 1300 Jahre, die seitdem vergangen sind, zeigt sich in den letzten Jahrzehnten eine außergewöhnliche Häufung von frühen Kirschblüten. Auch in Europa wird während der letzten Jahrzehnte von einer Verfrühung des Frühlings berichtet: Rückkehr der Schmetterlinge, Blühen der Pflanzen und das Laichen der Amphibien, das alles rückt im Jahresverlauf stetig nach vorne. „Diese Vorverlegung des Frühjahrs ist eine enge Reaktion auf veränderte Temperaturbedingungen und damit wahrscheinlich eine ursächliche Folge der globalen Erwärmung“, schreibt hierzu die Deutsche Meteorologische Gesellschaft. Deutlich wird das am Zustand von Schlehe, Ahorn, Schneeglöckchen und Co., die als Zeigerpflanzen fungieren. Wichtig bei der Datenerhebung ist, dass möglichst immer dasselbe Exemplar angeschaut wird.
In der Phänologie kann sich der Beobachter nicht nur über vier, sondern über zehn biologisch begründete Jahreszeiten freuen. Allein der Frühling wird in drei Kategorien unterteilt. Somit vervielfacht sich die Freude und Vorfreude. Denn wer den Vorfrühling mit Schneeglöckchen und Hasel genießt, kann sich anschließend über den Erstfrühling mit Kirsche, Schlehe und Ahorn freuen, um dann schließlich mit der Apfel- und Fliederblüte den Vollfrühling zu zelebrieren. Anders als beim Beginn der Jahreszeiten laut Kalender sieht deren Verteilung im phänologischen Jahresverlauf immer wieder anders aus. Auch variiert der „Naturkalender“ von Region zu Region. Während der eine Ort noch im Winter schlummert, breitet sich woanders schon der Vorfrühling aus und in den Höhenlagen räumt der Winter später das Feld als in den Tälern. Von der Beobachtungswut der Wissenschaftler und ehrenamtlichen Helfer profitieren unter anderem die Landwirte, deren Arbeit sich weniger an den meteorologischen, sondern an den phänologischen Jahreszeiten orientiert.
Dabei war die Phänologie viele Jahrzehnte lang in Vergessenheit geraten. Außer meiner Oma und vermutlich einigen weiteren Naturfreunden notierte sich niemand mehr die Blüte des ersten Schneeglöckchens oder der Obstbäume. Von den 60er bis in die 90er Jahre hinein fielen weit verzweigte Datennetze in eine Art Dornröschenschlaf. Erst die globale Klimaveränderung küsste die Phänologie wieder wach. Dabei hatte die Wissenschaft der Erscheinungen auch in Europa schon eine Glanzzeit hinter sich. Eine schottische Familie hatte sich von 1736 an über sechs Generationen der Pflanzenbeobachtung verschrieben. Der Botaniker Carl von Linné richtete im Jahr 1750 ein Beobachtungsnetz ein und der deutsche Forscher Herrmann Hoffmann initiierte Ende des 19. Jahrhunderts die Durchführung phänologischer Beobachtungen nach einheitlichen Richtlinien.
Inzwischen kann jeder, der Lust hat, sich am Sammeln der Daten beteiligen. Beispielsweise bei der Aktion Apfelblütenland der Sendung Planet-Wissen. Auf einer Karte des Deutschen Wetterdienstes ist die Nation dort in 80 Naturräume eingeteilt, in denen die Ehrenamtlichen ihre Pflänzchen im Auge behalten. Unter anderem sind auf der Internet-Seite www.planet-wissen.de die Ergebnisse vom letzten Jahr einzusehen: „Von Südwest nach Nordost wanderte die Blütenzone in diesem Jahr mit 48 Kilometern pro Tag. Die ersten geöffneten Apfelblüten Deutschlands wurden am Stadtrand von Freiburg am 3. April fotografiert. Knapp drei Wochen später wurden erste Blüten aus dem Odertal gemeldet.“ Eine spannende Sache. Vor allem für Forscher und die Experten der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg, denen die Daten der Aktion zur Verfügung gestellt werden.
Ich weiß ja nicht wie’s Ihnen geht. Aber Jahr für Jahr entdeckt der Naturliebhaber etwas, was einer Notiz würdig wäre. In einem Anfall von Faulheit und Selbstüberschätzung rede ich mir dann immer ein, dass ich mir das ja wohl im Kopf merken könnte. Jahr für Jahr stelle ich fest, dass das nicht funktioniert. Was schließen wir daraus: Es ist Zeit für ein Notizbuch oder für heftiges Gedächtnistraining.
Doch nicht nur in der Wildnis zeigen sich periodisch auftretende Erscheinungen. Auch beim Einkaufen stolpert der Kunde über Zeigerarten, die ein regelmäßig wiederkehrendes Ereignis einläuten. Das immer frühere Auftauchen von Schoko-Weihnachtsmännern und Ostereiern im Regal lässt Bedenkliches ahnen. In den letzten Jahrzehnten verschob sich die Präsenz von Weihnachts- und Osterleckereien gut und gerne um mehrere Monate. Ein Zeichen des Klimawandels? Oder der menschlichen Dummheit? Phänologen sollten sich endlich dieser Thematik annehmen.
Etliche weitere Phänomene eignen sich ebenfalls zur näheren Durchleuchtung. Beispielsweise das periodisch auftretende Gezeter nach einem neuen Handy, Computer, Spielsachen etc. durch den Nachwuchs. Auch der regelmäßig auftretende Schuh- und Kleidungskauf der Damen wäre notizwürdig oder das Stöbern der Herren im Baumarkt und beim Autozubehörhändler. Von besonderem Interesse wären auch phänologische Daten über das Balzverhalten unserer Männchen. Notizwürdig hierbei: Kleine oder gerne auch große Zuwendungen und Liebesbezeugungen. Hängt das Schenkverhalten des Liebsten etwa auch von der globalen Witterung ab und falls nicht: von was dann und wie lässt sich das positiv beeinflussen? Aber Obacht, dass das Datensammeln nicht zur Obsession wird. Sonst wird aus dem wissenschaftlich ambitionierten Phänologen plötzlich ein ganz gemeiner Spitzel.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
