KW 53 – Unser schwäbischstes Organ: die Leber
Liebe Leser,
könnte unsere Leber sprechen, dann wäre die Luft voll von Klagegesängen. Denn üppige Feiertage verlangen dem Organ einiges ab. Zwischen Leber und Milz passt dann kein Pils mehr. Im Tierreich hilft die Leber beim Einfrieren und Austarieren.
Eins ist so sicher wie das Amen in der weihnachtlichen Kirche: Wenn sie könnte, würde unsere Leber jetzt Urlaub machen. Frei nach dem Motto „ich bin dann mal weg“. Die harte Zeit für das Organ im rechten Oberbauch beginnt an winterlichen Festtagen gerne mit Aperitif, gefolgt von Bierchen zum Essen, dem Viertele zum Schlotzen und dem krönenden Abschluss in Form eines Schnäpschens. Oder derer zwei. Nicht zu vergessen das fette Essen. Als hätte unsere Leber noch nicht genug um die Ohren.
Immerhin ist sie das größte Drüsenorgan im Bauchraum der Wirbeltiere. Bei uns Menschen schlägt sie mit rund 1,5 Kilogramm Gewicht zu Buche. Kein Wunder, denn die Aufgaben, die sie zu meistern hat, sind beachtlich. Sie baut Stoffe auf, um und ab, sie speichert lebenswichtige Bausteine und sie entgiftet den Körper so gut sie kann. Das große Organ ist in mehrere Lappen und Läppchen unterteilt und erfreut sich einer besonderen Versorgung: Durch die Pfortader kommt sauerstoffarmes aber nährstoffreiches Blut vom Darm, Magen, Bauchspeicheldrüse und der Milz in der Leber an. Die Leberarterie wiederum versorgt das Organ mit sauerstoffreichem Blut. Die heftige Stoffwechseltätigkeit heizt die Leber auf bis zu 40 Grad Celsius auf.
Sie ist die Chemiefabrik par excellence. In ihr wird Traubenzucker als Glykogen gespeichert und bei Bedarf wieder mobilisiert. Vitamine und Blut werden gehortet. Substanzen, die für die Blutgerinnung von Bedeutung sind, werden in den Leberzellen synthetisiert.
Eines der vielen Wunder der Natur, die uns erst bewusst werden, wenn sie nicht mehr funktionieren, ist die Sache mit der Galle. Täglich wird in der Leber rund ein Liter Galle (Gallenflüssigkeit) produziert. Die Flüssigkeit erhält ihre gelb-grünliche Farbe durch Substanzen, die beim Abbau des roten Blutfarbstoffs entstehen. Zwischen den Mahlzeiten wird die Mixtur in der Gallenblase gespeichert. Erreicht nun fettreiche Nahrung unseren Dünndarm, ist das das Startzeichen für die Gallenblase, sich zu kontrahieren und die emulgierende Flüssigkeit ins Reich der Gedärme zu entlassen. Das hat zur Folge, dass das Fett – in kleinste Tröpfchen zerlegt – im Blut transportiert werden kann. Auch die Farbe der Fäkalien kommt nicht von ungefähr. Beim weiteren Abbau der Gallenfarbstoffe im Darm entsteht das gesunde – Verzeihung – Kackbraun. Bei diversen Erkrankungen der Leber oder Gallenblase kann der Stuhl sich entfärben. Widerlich kann’s werden, wenn die Gallenblase mit heftigen Bewegungen versucht, ein Hindernis aus dem Weg zu schaffen. Wer von derartigen Koliken gebeutelt wird, der hört auch ohne Weihnachten die Englein singen.
Einige Besonderheiten in Sachen Leber bietet die Tierwelt. Beim amerikanischen Eisfrosch Rana sylvatica kommt die Leber bei Minusgraden so richtig in Fahrt. Fällt die Temperatur unter den Gefrierpunkt, wird der Froschkörper mit Adrenalin überschwemmt. Das ist das Startzeichen für die Leber im Lurch-Körper, Glykogen in dessen Einzelbausteine Glukose aufzuspalten. Schon nach rund einer Stunde hat sich die Glukosekonzentration des Blutes versechzigfacht. Wasser strömt aus den Körperzellen in Richtung Zuckerlösung und die Gefahr der Zellschädigung durch Spitze Eiskristalle ist gebannt. Außerdem verkneift der Lurch sich das Urinieren, wodurch erhöhte Harnstoffwerte im Blut zusätzlich vor dem Frosttod schützen. Der Frosch erstarrt und ist gewissermaßen mehr tot als lebendig. Und doch taut er bei freundlicheren Temperaturen wieder auf, um als erste Amtshandlung die Paarung zu vollziehen. Keine schlechte Taktik, die kalte Jahreszeit hinter sich zu bringen.
Und nun das Ergebnis eine Kurzumfrage in unserer momentan spärlich besetzten Redaktion: Welches Tier liefert den Lebertran? „Der Wal“, tönt es zurück. Eher nicht. Denn der Schrecken vieler Generationen stammt aus der Leber von Kabeljau, Dorsch, Schellfisch und verschiedenen Haiarten. Kabeljau und Dorsch sind unterschiedliche Bezeichnungen für dieselbe Fischart. Beim Dorsch handelt es sich um den noch nicht geschlechtsreifen Kabeljau. Das gelbliche Öl, der Lebertran, wird zur innerlichen Stärkung, als Prophylaxe vor Rachitis und äußerlich als Wundsalbe angewandt.
Besonderheit beim Hai: Unsere Süßwasserfische sind Knochenfische, die fürs Austarieren im Wasser eine Schwimmblase besitzen. Der Hai gehört allerdings zu den Knorpelfischen, die kein solches Organ in sich tragen. Ihm hilft die ölgefüllte Leber beim Schweben im Wasser. Hauptbestandteil in der Haileber ist dabei häufig eine ölige Substanz namens Squalen, die in der Natur weit verbreitet ist. Squalen hat aktuell als Verstärker in der Pandemrix-Impfung gegen die Schweinegrippe von sich Reden gemacht. Golfkriegveteranen sollen an den Spätfolgen einer Impfung mit Squalen erkrankt sein. Leidenschaftlich werden im Internet Argumente für und wider die Richtigkeit solcher Behauptungen präsentiert.
Hypothese: Lebertran-Trinker leben kürzer aber froh
Insgesamt ist der Genuss der Leberöle nicht unbelastet: Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit meldete 2006, dass Dorschleber in erhöhtem Maße insbesondere mit Dioxinen und dioxinähnlichen PCB kontaminiert war. In jeder Probe seien Rückstände gefunden worden. Das dürfte nicht unbedingt gesundheitsfördernd sein. Andererseits besagt eine Studie der Haukeland-Uniklinik Bergen an über 20000 Norwegern, dass Lebertran vor Depressionen schützt. Unser Fazit: Der Lebertran-Trinker lebt kurz aber froh.
Apropos Trinker: Komiker Otto ließ uns in den 70er Jahren einen Blick in den Körper eines Herrn Soost werfen. Unvergessen die hörbar angesäuselte Leber: „Leber an Großhirn: Wo bleibt der Alkohol? Ich krieg gar nichts zu tun hier.“
Dabei ist Alkohol, besser gesagt das Genuss- und Rauschmittel Ethanol, für den menschlichen Körper giftig. Frühere Studien, die dem mäßigen Konsum eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben hatten, sind mittlerweile umstritten. Besonders belastend ist der Alkoholkonsum für die Leber. Hier findet der Löwenanteil der Abbauarbeit, die Umwandlung von Alkohol in Acetaldehyd, statt. Diese Substanz schädigt jedoch die Leberzellen und verursacht den Kater am Morgen danach.
Zusätzlich kommt es zu einer Einschränkung des Fettsäureabbaus. Die Leber verfettet, Fettleber-Hepatitis und Leberzirrhose drohen. Neuerdings stehen auch geringe Mengen Alkohol im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen.
Das ist traurig, traurig, traurig. Ist doch die Leber das schwäbischste unserer Organe. In ihr wird emsig geschafft. Es herrscht sozusagen allzeit Kehrwoche – eine staubige Angelegenheit. Da muss doch hin und wieder mit einem Trollinger durchgespült werden, gell?
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
