Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 51 – Wie schön das Kerzlein brennt


Feine Sache, die Bienenwachskerzen. Foto: Rücker
Feine Sache, die Bienenwachskerzen. Foto: Rücker

Liebe Leser,
 „oifach schee“, sagt meine liebe Kollegin in breitem Schwäbisch zum heutigen Phänomene-Thema, „Kerzla sen oifach schee“. Die gute Kerze – früher den Privilegierten vorenthalten, heute eine Wissenschaft für sich.

Der Mensch sitzt nun mal nicht gerne im Dunkeln. Außer beim Munkeln und bei einigen anderen Dingen. Ansonsten sorgt eine gute Beleuchtung für Durchblick, für eine längere Aktivität und hält außerdem wilde Tiere fern.
Schon vor einigen tausend Jahren sollen Vorläufer der Kerze, nämlich in Fett und Harz getauchtes Stroh und Schilfrohr, im Vorderen Orient Licht gespendet haben. Da kommt spontan die Frage auf: Was ist der Vordere Orient? Es handelt sich um das sagenumwobene Morgenland, die Region, die heute als Naher Osten bezeichnet wird. Ägypten, Israel, Palästina und die Vereinigten Arabischen Emirate gehören beispielsweise dazu.
Wer sich letztendlich die Weiterentwicklung der Kerze auf die Fahne schreiben darf, bleibt buchstäblich im Dunkeln. Vermutlich entstand das Leuchtmittel parallel an vielen Orten der Erde. In der Antike fummelten Römer und Griechen an Verbesserungen der Lichtquelle, rollten Papyrus, tunkten dies in Bienenwachs und erhellten so ihre Gebäude. Doch auch die Chinesen sollen mit Dochten aus Reispapier herumfuhrwerkt haben, in Japan und Indien wurde mit Pflanzenwachsen experimentiert.
In Europa fasst eine brauchbare Kerze erst im Mittelalter Fuß. Das Mittelalter ruft sowieso düstere Ahnungen hervor. Es war eine lange Zeitspanne, vom 5. bis zum 15. Jahrhundert, in der sich Europa in den Klauen jener finsteren Zeit befand. Das ärmliche Volk konnte bestenfalls mit rußenden, stinkenden Lichtquellen leben. Hierzu wurden kleine Gefäße mit Rindernierenfett oder Hammeltalg gefüllt, die Dochte wurden meist aus Abfallgarn gewonnen. Diese Leuchtmittel waren selbstgemacht und wurden Unschlittkerzen genannt.
In den Genuss einer wohlduftenden Bienenwachskerze kam damals nur der Adel und die Kirche. Bis um den Beginn des Spätmittelalters herum (13. Jahrhundert) war die Herstellung der Bienenwachskerzen eine Sache der Klöster. Dann traten Handwerker auf den Plan, die sich sogar in Kerzenmacherzünften zusammenschlossen. Die Lehrzeit betrug bis zu vier Jahren. Der Kerzenmacher goss beispielsweise auch Reliefbilder. Die Kerzen wurden gegossen, gezogen oder getaucht. Auch der Docht wurde qualitativ verbessert und bestand nun aus Baumwolle oder Leinen. Bienenwachs entwickelte sich zu einer wertvollen Handelsware und zum Zahlungsmittel und konnte es mit Zobelfellen und Flachs aufnehmen.
Von einem Siegeszug der Kerzen konnte vom Ende des 18. Jahrhunderts an gesprochen werden, als die ersten größeren Produktionsstätten für Kerzen entstanden.
Einen weiteren Meilenstein in der Evolution der Kerzen verdankt die Menschheit dem französischen Chemieprofessor Eugène Chevreul (1786-1889). 1824 gründete er eine Kerzenmanufaktur, in der Stearinkerzen gefertigt wurden. Stearin ist ein Gemisch von Fettsäuren, das sowohl tierischen als auch pflanzlichen Ursprungs sein kann. Wenig später folgte ein Patent für einen geflochtenen und chemisch konservierten Docht. Paraffin, das aus Erdöl hergestellt wurde, fand 1850 seinen ersten Einsatz in Kerzen.
 Kerzen konnten nun zwar in großem Umfang hergestellt werden. Etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts trat allerdings die Gasbeleuchtung ihren Siegeszug durch die Städte der Welt an. Die Gaslampen wiederum wurden nur wenige Jahrzehnte später von der Elektrizität und der Glühbirne verdrängt. Aber die Kerze hat all diese Umwälzungen in der Geschichte der Menschheit überstanden. Besonders in der religiösen Welt spielt und spielte die Kerze eine symbolische Rolle. Am Christbaum soll sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts zunächst in protestantischen und wohlhabenden Familien befestigt worden sein. Rund hundert Jahre später schmückten auch Katholiken ihren Weihnachtsbaum mit Kerzenlicht.
Noch heute sind die wesentlichen Bestandteile der Brennmasse einer Kerze Paraffin, Stearin oder Bienenwachs. Bienenwachs ist dabei ein Gemisch mehrerer Substanzen, die bei der Biene aus Drüsen zum Wabenbau ausgeschieden werden. Die gelbliche Farbe und den betörenden Duft erhält das Bienenwachs erst nach geraumer Zeit im Bienenstock durch Honig und Pollen.
Dass aber eine Kerze nicht automatisch pure Freude für ihren Besitzer bedeutet, weiß wohl jeder. Denn oft ist auch in der Kerzenwelt mehr Schein als Sein vorhanden. Tropfende, rußende, manchmal sogar gesundheitlich bedenkliche Exemplare vergällen den Spaß am Kerzenlicht. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) warnt davor, dass besonders bei Billig-Produkten und reich geschmückten Figurenkerzen Vorsicht geboten sei. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte beim Kauf auf das RAL-Gütezeichen achten, das laut der Europäischen Qualtiätsgemeinschaft Kerzen eine hochwertige Kerze, tropffest und umweltverträglich, garantiert. Nähere Informationen im Internet unter www.kerzenguete.com. Auch Bienenwachskerzen gelten in der Regel als unbedenklich.
In kaum einem anderen Land, so der BUND, werden so viele Kerzen hergestellt wie in Deutschland. Im Jahr 2002 beinahe 130000 Tonnen. Über neunzig Prozent davon bestehen aus Paraffin, einem Erdölprodukt. Beim Abbrennen der Kerzen können verschiedene umwelt- und gesundheitsgefährdende Stoffe freigesetzt werden. Vor allem dann, wenn mehrere Kerzen brennen, die Flammen flackern und sich Ruß bildet. Mangelhafte Paraffinkerzen mit erhöhtem Schwefelgehalt lassen Schwefeldioxid entstehen, was zu allergieähnlichen Reaktionen führen könne, so der BUND. Die meisten allergisierenden, erbgutschädigenden oder auch krebserregenden Stoffe gelangen über Farben, Lacke und Duftmittel in die Kerzen - darunter Schwermetalle, halogenorganische Verbindungen, polyzyklische Moschus-Verbindungen und Flammschutzmittel. Bei Stearin-Kerzen sollte Bio-Qualität Vorrang haben, denn diese dürfen nur aus nachhaltig angebauten Rohstoffen hergestellt werden. Für andere Exemplare muss unter Umständen Tropenwald fallen.
Mein Tipp: Zünden wir uns doch ein Bienenwachskerzchen an, genießen das Licht und den Duft. Wir beobachten die Flamme und erkennen vier Zonen: die blaue Zone im unteren Bereich der Kerzenflamme. Hier verbrennt ein Teil des Brennstoffs vollständig bei guter Sauerstoffversorgung und 800 Grad Celsius. Es schließt sich die Dunkelzone an. Dort herrscht Sauerstoffmangel und es bilden sich Rußteilchen. In der Leuchtzone ist immer noch zu wenig Sauerstoff vorhanden, Rußpartikel glühen, es sind 1200 Grad Celsius. Im Schleier schließlich, ganz außen gelegen, verbrennen bei bis zu 1400 Grad Celsius die Rußpartikel. Sinkt die Temperatur unter 1000 Grad, beispielsweise durch Zugluft, dann rußt die Kerze.
Wir pusten, begeistert von den Prozessen in der Flamme, unser Kerzchen aus. Auspusten! Dann schließen wir getrost die Äugelein und träumen uns Weihnachten entgegen. Ein Engel schwebt hernieder und wispert: „Bald kommt das Christkind“ oder „Du hast im Lotto gewonnen“. Diesen Part der Geschichte dürfen Sie sich selbst aussuchen. Ein wunderschönes und besinnliches Weihnachtsfest!
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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