KW 5 - Der Unfall, der die Phänomene lahmlegte
Liebe Leser,
hallo, hier bin ich wieder! Fast in alter Frische. Wie berichtet, hat ein Hundebiss mir eine Zwangspause verpasst und die Unterbrechung der Phänomene-Serie verursacht. Wie es zu dem Unfall kam und wieso möglicherweise auch die Sanitäter des Krankenwagens traumatisiert wurden, ist das Thema der heutigen Folge.
Die Frau zeigt Nervenstärke. Sie gehört neben dem Fahrer zur Besatzung des Sanitätsfahrzeuges, das mich transportiert. Abgesehen davon, dass Rettungskräfte generell gute Nerven brauchen, werden die meiner Sanitäterin besonders beansprucht. Nicht genug damit, dass ich in kurzen Abständen von Brechattacken gebeutelt werde. In den Phasen dazwischen stimme ich englische Weihnachtslieder an. Schließlich ist der 23. Dezember. Und ein Hausmittel gegen Übelkeit ist nun mal das Singen. Das hört sich dann ungefähr so an: Tatütata – „würg“ – „Silent night, holy night“ – „würg“ und so weiter. So sitzt sie also auf der Fahrt in die Stuttgarter Klinik tapfer neben mir. Ein unvergesslicher Vorweihnachtsabend. Dass sie nicht die Heck-Türen des Fahrzeugs öffnet, die Bremse der Krankentrage löst und die singende Nervensäge in die aufziehende Dunkelheit entlässt, rechne ich ihr hoch an. Alternativ dazu hätte sie auch dem Fahrer unmissverständliche Zeichen geben können, um diesen zum Umschwenken in Richtung psychiatrische Klinik zu bewegen. Aber sie ist eine gute Seele und wir bleiben auf Kurs ins Marienhospital.
Beim Erreichen des Ziels fällt wohl allen ein Stein vom Herzen. Besonders mir. Neulich habe ich noch geschrieben, dass Krankenhäuser von außen am schönsten sind. An jenem Dienstag ist alles anders. Hurra, endlich im Krankenhaus, endlich Chirurgen, endlich Narkose. Mein rechter Unterarm ist ein klarer Fall für die Experten der plastischen Chirurgie. Er gleicht bei der Aufnahme einem Plastinat aus der Ausstellung Körperwelten. Die Haut ist großflächig „abgeledert“, wie die Ärztin notiert. Ursache für die Verletzung ist ein Hundebiss. Wie konnte das nur passieren?
In unserer Nachbarschaft war kurz zuvor der Neuzugang eines Hundes vermeldet worden. Ein sehr hübscher Vierbeiner, ein stattlicher Rüde. Der Vierjährige war nach nicht allzu langer Zeit im Tierheim bei seiner neuen Familie angekommen, mit der er es nicht besser hätte treffen können. Und natürlich musste ich den Hund begrüßen. Aha, werden Sie sich denken, da liegt also der Hase im Pfeffer. Bestimmt haben die Menschen sich grottenfalsch verhalten. Falsch getippt. Nach menschlichem Ermessen haben die beteiligten Personen hundepsychologisch alles richtig gemacht. Der Hund war an der Leine, wurde nicht bedrängt, zeigte zunächst keine Aggressionen und hat womöglich noch ein Leckerchen aus meiner Hand genommen. Dann der Angriff. Das Ergebnis: Kratzer im Gesicht, zwei Operationen am Arm mit Hauttransplantationen, über drei Wochen Krankenhausaufenthalt. Ein Schock. Auch für alle, die den Hund als liebes Tier erlebt haben. Darunter eine frühere Nachbarin des Hundes, die ihn von klein auf kannte. Am Tag nach dem Unfall machte der Hund im Tierheim bei einer ihm vertrauten Person die gleichen Anstalten zu attackieren. Daraufhin wurde er eingeschläfert.
Der Schreck sitzt tief. Das bekommt auch Bruno, unser Mischling, zu spüren. Kurz nach meiner Entlassung aus der Klinik wird er zum Tierarzt geschleift. Der Grund ist ein fadenscheiniger. Er humpelt ein bisschen, was wohl mit dem Streusalz zu tun hat. In erster Linie möchte ich vom Veterinär aber folgendes hören: Ja, es gibt eine einfache, kostengünstige und schmerzlose Untersuchung, die zeigt, dass dieser Hund nicht zu solchen Ausbrüchen neigt. Das ist natürlich totaler Quatsch. Schade eigentlich. Die Ursachen, die einer fatalen Wesensänderung bei Hunden zugrunde liegen können, sind vielfältig, klärt der Tierarzt auf. Und in der Regel nicht durch einfache Methoden in ihrer Gesamtheit im Vorfeld abzuklären. Die besten Karten habe der Hundebesitzer, der seinen Vierbeiner schon lange um sich hat und wachsamen Auges auf Verhaltensänderungen achtet. Ehrlich gesagt wäre ich momentan mit einem Zwerghamster als Haustier bedient. Andererseits sorgt Bruno dafür, dass sich meine aufkeimende Hundephobie gar nicht erst großartig ausbreiten kann. Wie sagte neulich jemand mitfühlend zu meinem Hund: „Bruno, dein Frauchen ist gerade ein bisschen gestört.“
Jedenfalls beschert einem so ein Unfall eine Menge Erkenntnisse. Beispielsweise dass Pflaster beim Abziehen immer noch weh tun. Und das im 21. Jahrhundert! Oder dass die Ärzte von ihrer Arbeit begeistert sind, während der Patient beim Anblick des Armes denkt: „Oh mein Gott.“ Und sich an eine Art Schlachtplatte erinnert fühlt. Auch die Begriffe Wirklichkeit und Wahrnehmung erhalten eine neue Dimension: Einige Sekunden oder Sekundenbruchteile des Unfalls sind von meinem Gehirn ausgeblendet worden. Ich erinnere mich nicht mehr daran und hoffe, dass das auch so bleibt. Der andere Teil des Geschehens war kurzzeitig in gleißendes Licht getaucht. Gepaart mit dem Gefühl, Zuschauer zu sein, aber auch mit der Erkenntnis, sofort handeln zu müssen. Das war der Moment, in dem ich meinen Arm gegen den Widerstand wegzog und die Haut sich von ihrer Unterlage löste. Positiv vermerkt werden kann dabei, dass der freigelegte Unterarm zunächst quasi keine Schmerzen verursachte. Ein glücklicher Umstand, der vermutlich der Wirkung körpereigener Drogen, den Endorphinen, zu verdanken ist.
Insgesamt gesehen hatte ich bei dem Unfall viel Glück im Unglück. Prima Ersthelfer. Ein schnelle und gute medizinische Versorgung. Keine tiefen Verletzungen – kein „Muskelmatsch“, wie sich mein Operateur ausdrückte. Und eine Menge lieber Menschen, die sich um mich gesorgt haben. Danke dafür. Der Arm sieht zwar nach wie vor aus wie Frankenstein, heilt aber hoffentlich weiterhin gut ab. Für Journalisten und Biologen wie mich wäre es natürlich reizvoll, die Verletzung durch eine deftige Lüge zu erklären. Beispielsweise: „Bei meiner letzten Reportage von der Südküste der Hudson Bay geriet ich mit diesem Eisbärmännchen aneinander...“. Oder: „Beim Studium der Weißen Haie in den küstennahen Gewässern Neuseelands wehrte ich ein kapitales Exemplar mit einem rechten Haken ab...“ Aber Ihnen brauche ich ja nichts vorzumachen. Als Phänomene-Leser wissen Sie sowieso, dass mein Exkursionsgebiet in der Regel die Wälder und Wiesen rund um Aurich umfasst... Für die nächsten Phänomene bietet sich das Thema Haut und Hauttransplantation an. Danach wenden wir uns wieder den schönen Dingen des Lebens zu.Sabine Rücker
Anregungen und Anfragen zu dieser Serie an s.ruecker@vkz.de.
