Montag, 06. September 2010

KW 48 – Nicht vergessen: die Deutsche Mispel


Hübsch mit den Zipfeln: die Mispel-Früchte. Foto: Rücker
Hübsch mit den Zipfeln: die Mispel-Früchte. Foto: Rücker

Liebe Leser,
beim Blick in den Garten kann einen die Last der dunklen Jahreszeit umhüllen. Einer der wenigen Lichtblicke im Reigen der Vergängnis sind die Früchte der Deutschen Mispel. Sie ist eine der Pflanzen, die in Deutschland unter das Motto „früher mal angepflanzt, heute vergessen“ fällt.

Meine türkische Nachbarin steht schon in den Startlöchern. Ihr blutet das Herz, wenn sie die Früchte meiner Gärtnerkunst ewig am Baum hängen sieht – Schande über mich. So war das schon bei den Kirschen. Alle, die sich dem direkten Zugriff widersetzten, blieben hängen – und wurden von der Nachbarin und den Vögeln ihrer wahren Bestimmung zugeführt: sie endeten schließlich als Gaumenschmaus. Und so ist es jetzt wieder mit meiner Deutschen Mispel, Mespilus germanica.
Übrigens nicht zu verwechseln mit den Zwergmispeln, wissenschaftlich Cotoneaster, die häufig als Bodendecker über Hänge und Mauern wuchern.
Beide gehören zwar der gleichen Familie, den Rosengewächsen, an, es handelt sich bei der Deutschen Mispel aber um ein stadtliches Gewächs. Bis zu sechs Meter kann der sommergrüne Laubbaum hoch werden, manche wachsen aber lieber nicht so gleichmäßig und eher wild strauchartig. Im Frühjahr lassen große, weiße Blüten das Herz des Betrachters lachen. Wie Ornamente sitzen die zwittrigen Blüten einzeln an Kurztrieben und locken Insekten zum Naschen und Menschen zum Glotzen. Im Herbst zieren dann die rotbraunen Früchte das attraktive Gehölz. Lustig stehen die fünf vertrockneten Kelchblätter wie eine Kopfbedeckung von der Frucht ab. Wer das skurrile Kernobst zu früh im Jahr probiert, den bestraft das Leben. Hart, sauer und bäh schmeckt das Fruchtfleisch. Der Trick an der Sache ist, dass zunächst ein paar ernsthafte Fröste über die Früchtchen hinweg ziehen müssen. Erst dann wird das Fruchtfleisch teigig und genießbar.
Muss ich nochmal ausprobieren. Bis jetzt fand ich das spärliche Fruchtfleisch, das sich an die dicken Kerne im Innern schmiegt, eigentlich nur ungenießbar. Meine nette Nachbarin ist zwar auch nicht vollständig vom Geschmack überzeugt, weiß aber, dass die Mispeln sehr gesund sein sollen. In der Türkei könne man die sogar auf Märkten kaufen.
Mispelfrüchte lassen sich nicht nur roh verzehren, aus ihnen können auch allerlei weitere Köstlichkeiten zubereitet werden. Ein hoher Pektinanteil hilft beim Gelieren. Und so reicht die Palette der Produkte, in denen die Mispel als Ingredienz zu finden ist, von Marmelade über Likör, Kuchen bis zum Schnaps. Die Früchte werden auch Wein und Most zugesetzt. Anscheinend erhöht der hohe Gerbsäureanteil der Mispeln die Haltbarkeit.
Hildegard von Bingen empfahl die Frucht als nützlich und gut für Kranke ebenso wie für Gesunde. Sie soll das Fleisch wachsen lassen und das Blut reinigen. Die Frage dabei ist nur, wo wächst das Fleisch denn hin? Die Mispel soll überdies den Darm und die Arterien gesund halten.
Vermutlich schon seit Jahrtausenden schätzt der Mensch den Mispelbaum und seine Früchte. Rund 200 Jahre v. Chr. erwärmten die Römer ihr Herz für die Frucht und brachten sie auf ihren Feldzügen mit in unsere Breiten. Im Mittelalter versüßte sie den Menschen den Alltag, sie wurde in Kloster- und Bauerngärten kultiviert und auch auf Streuobstwiesen fand sie eine Heimat. Anscheinend waren bis ins 19. Jahrhundert Rezepte rund um die Mispel Teil der Bäcker- und Konditorenlehrbücher. Besonders in Mittel- und Süddeutschland fasste die Art Fuß, geriet aber bis auf wenige verwilderte oder neuerdings angepflanzte Exemplare wieder in Vergessenheit.
Im Jahr 2007 rief die Botanische Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland, dazu auf, Wildvorkommen und alte Bäume der Deutschen Mispel zu suchen und melden. „Während in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Kartierungen der Art existieren sowie Schutzmaßnahmen durchgeführt werden, ist die Verbreitung der Mispel in Baden-Württemberg noch unzulänglich bekannt und ihre Schutzwürdigkeit vielen Naturschützern noch kein Anliegen“, so die Arbeitsgemeinschaft. Die größten natürlichen Mispelrelikte Deutschlands finden sich bei Heidelberg, so Diplom-Biologe Sdravko Vesselinov Lalov. Der Mispel-Experte bietet bei der Stadt Heidelberg sogar Exkursionen und Kochkurse an.
Die Mispel ist ein echter Hingucker und gar nicht so anspruchsvoll. Sonnig oder halbschattig und windgeschützt sollte der Standort sein. Die Pflanze erträgt größere Hitze und lange Trockenheit. Die Wildform ist noch mit Dornen bewehrt, die Kulturform pikst normalerweise nicht mehr. Veredelte Pflanzen fruchten nach rund fünf Jahren zum ersten Mal.
Sie liebt das Weinbauklima und ist überdies noch pflegeleicht
Das Gehölz muss nicht sonderlich gepflegt werden – ein Grund, weshalb ich die Mispel so liebe. Von einem jährlichen Schnitt wird abgeraten, da sich die Blüten an den Kurztrieben bilden. Weinbauklima findet die Mispel klasse und bedankt sich mit üppiger Blüte und den Früchten. Die Bäume gelten als recht resistent gegenüber Krankheiten. Eine Vermehrung ist durch Steckholz möglich. Besonders Insekten und Vögel schätzen die Mispel. Es gibt einige Sorten, beispielsweise die Frühe Englische, die Holländische Großfrüchtige, die Kernlose, Krim, Macrocarpa, Nottingham, süße Mispel und Ungarische.
 In der Schweiz hat sich die Familie Gander dem Erhalt der Mispelbäume verschrieben. In ihrem Nidwaldner Dialekt wird die Mispel „das Näschpli“ genannt. „In unseren Wiesen stehen 60 Hochstammbäume, davon sind 25 Näschplibäume. Der Näschplibaum hat auf unserem Hof eine lange Tradition“ , steht auf der Homepage zu lesen. Am Vierwaldstättersee, hauptsächlich in Nidwalden, habe nach wie vor eine spezielle Anbauart der Mispel ihre Tradition. Auf wilde, meist an Waldrändern wachsende Weißdornsträucher oder auf Mehlbaum werden Mispelzweige aufgepfropft. Näschpli-Gelee ist die Spezialität des Hauses. Klingt gut. Muss mal mit meiner netten Nachbarin reden, ob sie nicht Gelee kochen möchte. Davon könnte sie ja dann ein Gläschen über den Zaun zurückschmeißen...
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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