KW 46 – Terrassierte Steillagen als Welterbe?
Liebe Leser,
wer sich beim drohenden Schmuddelwetter nicht in den Süden absetzt, der bleibt eben hier. Nicht schlimm. Denn bei uns ist es auch schön und vielleicht durchzieht irgendwann ein Unesco-Weltkulturerbe unser Ländle.
Hoffnung hegt der Präsident des Weinbauverbandes Württemberg, Hermann Hohl. Denn möglicherweise werden die terrassierten Steillagen an Neckar, Enz, Kocher und Jagst zum Unesco-Weltkulturerbe gekürt. „Das wäre ein Riesenvorteil“, sagt Hohl. Zunächst werde aber noch geprüft, ob mit der Aufnahme als Unesco-Weltkulturerbe weitere Auflagen für die Bewirtschaftung der terrassierten Steillagen verbunden sind. Hohl: „Nicht, dass wir uns einen Bärendienst erweisen.“
Würde allerdings der Antrag gestellt und von der Unesco befürwortet, dann könnten die Weinbauern der Steillagen mit finanziellen Fördermitteln der Unesco rechnen, „die nicht als Doppelförderung gelten würden“, so Hohl weiter.
Die Bewirtschafter der eindrucksvollen Weinberge hatten es schon immer schwer. Handarbeit ist angesagt im steilen terrassierten Hang. Während der Rebenbesitzer in der Ebene 250 bis 400 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr schuften muss, braucht der Kollege am neigungsschwangeren Hang bis zu 1200 Stunden an Arbeitszeit. Angst und Bange wird den Weinbauern in Hinblick auf die EU-Weinmarktreform. In deren Zusammenhang soll der Anbaustopp für Reben, der in den EU-Staaten gilt, fallen. Nach dieser Regelung ist bislang zwar die Neuanlage einer Rebfläche für den Hobbyanbau bis zu einem Ar Fläche genehmigungsfrei. Alle anderen Flächen sind jedoch „in abgegrenzten Rebflächen in Baden-Württemberg festgelegt und nur dort darf im Moment Weinbau betrieben werden“, erklärt Weinbauverbandspräsident Hohl.
Ab 2015 könnte das laut EU-Weinmarktreform anders werden. Hohl: „Dann darf Hinz und Kunz überall Reben anlegen.“ Die Gefahr für die terrassierten Steillagen liege auf der Hand. Noch mehr Wein aus leichter zu bewirtschaftenden Lagen könnten die Verbraucher mit niedrigen Preisen locken. „Viele Steillagen würden brachfallen“, befürchtet Hohl und hofft auf politische Unterstützung. Im neuen Koalitionsvertrag der Bundesregierung sei zu lesen, dass die Bundesregierung für den Erhalt des Anbaustopps kämpft. Und wenn Ministerpräsident Günther Oettinger nach Brüssel ginge, wäre das den Wengertern auch nicht unrecht.
Hochachtung gebührt all jenen, die teilweise im hohen Lebensalter noch ihren steilen Weinberg hoch- und runterkraxeln. Denn mit der Pflege und dem Erhalt der Steillagen sichern die Wengerter nicht nur ein gutes Tröpfle, sondern auch einen ganz besonderen Lebensraum. Das Herz des Naturliebhabers lacht, wenn in und um die Trockenmauern im steilen Wengert Spezialisten aus Flora und Fauna eine Heimat finden. Wissenschaftler nehmen die besonderen Weinberge inzwischen verstärkt unter die Lupe und manche machen sich auf die Suche nach verschollenen alten Nutzpflanzen.
So startete Thomas Gladis von der Universität in Kassel im Jahr 2000 in der regionalen Stuttgarter Zeitschrift „BW agrar“ einen Aufruf, in der nach dem Schicksal des Eschlauchs, auch Wengertzwiebel genannt, gefahndet wird. Botanisch soll es sich um eine Varietät der Küchenzwiebel, eine enge Verwandte der Schalotte handeln, wissenschaftlich Allium cepa var. ascalonicum. Der Eschlauch stammt aus dem Südwesten Israels. Es wird vermutet, dass Kreuzfahrer den Eschlauch zwischen 1100 und 1300 nach Deutschland brachten. Wie er in den Raum Stuttgart kam, und warum er nur dort wächst, ist nicht bekannt.
Jedenfalls meldete sich bis September 2000 unter anderem eine Dame aus Illingen, die von den Zwiebelröhrle berichtet, die in ihrem Mühlhäuser Weinberg wachsen. Auf den Terrassen-Steillagen aus Kalkstein fühle sich die Pflanze sehr wohl. Eine Roßwagerin ließ verlauten, dass die Pflanze in Roßwag Wengertgrün oder Wengertzwiebel heiße. Bei ihr werde das Grün statt Spinat in die Maultaschen eingearbeitet.
Ein Mosaik aus verschiedenen Bedingungen führt zu einem vielfältigen Mikroklima in den terrassierten Steillagen: Auf den Steinen die Gluthitze, in den Nischen feuchte Plätzchen und unter Büscheln der Vegetation ein kühleres Örtchen. Der Wärmespeicher Trockenmauer heizt Reptilien auf. „Zahlreiche Insekten, Spinnen und andere Gliedertiere schätzen das warme Klima der Trockenmauern. Wichtig ist vor allem die Verbindung zum Erdreich hinter der Mauer. Eine hinterbetonierte Mauer ist ökologisch wertlos“, schreibt dazu der Verein Gemeinschaft Ortsbild Roßwag.
Und Dr. Dietmar Rupp von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg weiß dazu: „Eine Vielzahl vergessener Gewürz-, Heil- und Färbepflanzen können im und am terrassierten Steillagenweinberg gedeihen.“
Zudem sind terrassierte Steillagen Zeugen längst vergangener Zeiten, prägen die Landschaft und bedeuten Heimat. Wieso aber plagten sich die Leute damit ab, aus steilen Hängen Weinberge zu modellieren?
Das finstere Mittelalter brachte der Menschheit nicht nur Kummer und Leid, sondern legte den Grundstein für viele der heutigen Steillagen. Es gelte als gesichert, dass die Mehrzahl der terrassierten Steillagen zwischen 1200 und 1400 entstanden sind, so Dietmar Rupp. Die Mühen, die das Roden der Hänge und die Errichtung der Mauern verursacht haben muss, kann nur erahnt werden. Doch die Aussicht auf ein gutes Tröpfle setzte wohl schon bei unseren Vorfahren ungeahnte Energien frei.
Das unwegsame Gelände wurde von den Weinbauern nicht freiwillig gewählt. Die Bevölkerung wuchs, Ackerfläche war kostbar und rar und so wurde der Weinbau durch die Obrigkeit aus den Tälern verdrängt.
Im 16. Jahrhundert schrieben die württembergischen Generalskripte vor, dass „kein Boden, der zu Äckern, Wiesen, Gärten oder zu Holzgewächs tauge zu Weingart angelegt werden solle“, so Rupp. Nur Orte, an denen sich Dorngebüsch und Wildnis breitmache durfte mit den Reben bestockt werden.
Anstatt heulend ihrem Wein nachzutrauern, kämpften sich die wackeren Urschwaben durch das Gestrüpp und legen den Grundstein für unsere terrassierten Steillagen. Rund 670 Kilometer Weinbergmauern laufen laut Schätzungen von Plochingen bis Kirchheim am Neckar durch die Region Stuttgart. Von den über 27000 Hektar Rebflächen in Baden-Württemberg sind zirka fünf Prozent steilste Lagen, die durch Natursteinmauern terrassiert wurden. Finanzielle Förderung, Unterstützung und Forschungsinteresse gibt es durchaus jetzt schon. Der Heimatverein Backhäusle in Roßwag hat eine Basiserhebung für ein Sanierungskonzept für die Roßwager Halde erstellt, in dem auch der Laie Interessantes entdeckt und die Umweltakademie startete die Aktion „Lebendiger Weinberg“, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Trotz allem droht Gefahr – sogar aus Deutschland. So hat beispielsweise Schleswig-Holstein vor Kurzem die ersten Reben in seine norddeutsche Ackerkrume gepflanzt. Zehn Hektar Land zwischen Nord- und Ostsee sollen „Weinberg“ werden. „Selbst auf Sylt und Föhr wird künftig Wein gelesen werden“, freut sich der dortige Landwirtschaftsminister. Die EU-Weinbauverordnung, siehe Anbaustopp, hatte bislang eine Aufnahme des Weinbaus in Schleswig-Holstein verhindert. Letztlich wurden Anbauquoten aus dem Rheinischen in den Norden exportiert. Würde der Anbaustopp fallen, stünden die Nordlichter wohl schon in den Startlöchern.
Dem Schwaben bleibt, beim Weinkauf Lokalpatriotismus walten lassen. Wir können schließlich alles. Ganz besonders, ein gutes Viertele schlotzen.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
