KW 45 – Unverdrossen hegt die Menschheit die Weinrebe
Liebe Leser,
der Winter naht und das Wetter kann zum Weinen sein. Da hilft doch nur ein Kaminfeuer und Wein. Dabei lässt sich vortrefflich ein Zeitungsartikel lesen, der von der Weinrebe handelt. Keine Angst – Kaffee geht natürlich auch.
Mit der provokanten Frage „Was wäre die Welt ohne Trollinger“? lassen sich die Kollegen sogar morgens aus der Reserve locken. Eine kurze, leidenschaftliche Diskussion flackert auf. Satzfetzen sind zu hören: „Vesperwein“, „lecker“ und „kein hochklassiger Wein“, dann ist der Zauber vorbei, die Arbeit ruft.
Grundsätzlich scheint die Liebe des Menschen zum Wein unerschütterlich. Nicht nur einmal haben die Liebhaber des alkoholischen Getränkes um den Erhalt der Reben kämpfen müssen. Anbau und Pflege der Kletterpflanze kostet auch heute noch Schweiß und Nerven. Fröste und Krankheiten bedrohen die geliebten Früchte und trotzdem plagt der Wengerter sich für den Rebensaft. Besonders dem Schwaben würde der Verzicht auf sein Viertele einen tiefen Schmerz verursachen.
Schon vor rund 60 Millionen Jahren wurzelten die Urahnen der heutigen Reben in Mutter Erde. Eiszeiten und Wärmeperioden verursachten im Laufe der Erdgeschichte ein dynamisches Hin und Her, Aussterben und Wiederbesiedeln Mitteleuropas durch die Liane.
So machte sich die Wilde Weinrebe, wissenschaftlich Vitis vinifera subspecies sylvestris, nach Abzug der letzten Eiszeit vor rund 10000 Jahren auf, um vom Mittelmeerraum aus die wärmeren Flusstäler Europas wieder zu besiedeln. Das Areal der Wilden Weinrebe reicht damals weit nach Norden, bis nach Belgien, Südschweden und Polen, wie vorgeschichtliche Funde der Beerenkerne bezeugen. Unsere Vorfahren, auch keine Kostverächter und damals noch Jäger und Sammler, kennen und schätzen die Wildfrucht. In Deutschland haben sich wenige Exemplare dieser ursprünglichen Pflanzenart halten können. Am Schwund trägt vor allem der Mensch mit Eingriffen in die Natur seinen Anteil. In der Roten Liste der bedrohten Pflanzen gilt die Wilde Weinrebe in Deutschland als vom Aussterben bedroht.
Doch die Menschen machten sich schon bald daran, eine Kulturform der tollen Beere zu entwickeln.
Die Geschichte der Edlen oder Echten Weinrebe (Vitis vinifera subsp. vinifera) reicht denn auch viele Jahrtausende zurück. Das Gehölz gehört zu den ältesten Kulturpflanzen überhaupt. Funde aus China sollen darauf hindeuten, dass schon 9000 v. Chr. Weinbau betrieben wurde. Erste Edelreben sind vor fast 5000 Jahren auf Kreta gewachsen. Mit Dionysos sorgt im antiken Griechenland der Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ekstase durch sein Gefolge für Lärm und Tohuwabohu. Anscheinend konnte dieser jüngste der großen griechischen Götter mehr Anhänger für sich begeistern als Apoll. Apoll war der Gott des Lichts und der sittlichen Reinheit und Mäßigung...
Im Lauf der Zeit hatte sich das Getränk von der Medizin und vom Weihetrunk zum Volksgetränk gemausert. Mit den Eroberungsfeldzügen erweiterten die Römer ihr Territorium und verbreiteten den Weinbau. Wein- oder Essigkonsum sei den römischen Legionären sogar ausdrücklich vorgeschrieben gewesen, da sich dadurch eine gewisse Desinfektion des Trinkwassers erreichen ließ. Das waren noch Zeiten...
Mitte des 16. Jahrhunderts sollen die ersten Edlen Weinreben mit den Siedlern den amerikanischen Kontinent erreicht haben. Zwar gab es dort massenhaft Wildreben vor allem der Art Vitus labrusca, aus deren Beeren sich aber kein schmackhafter Wein herstellen ließ. Ein widerlicher Erdbeergeschmack stand dem Genuss wohl entgegen. Allerdings gingen die europäischen Pflanzen massenweise ein, da sie auf amerikanischem Boden von der Reblaus und Pilzkrankheiten dahingerafft wurden. Erst im 18. Jahrhundert gelang einem Franziskanermönch in Kalifornien der Anbau der europäischen Edlen Weinrebe. Rund Hundert Jahre später wurden gemeinsam mit amerikanischen Reben dramatische Schädlinge aus den USA nach Europa eingeführt, was unter anderem zur Reblauskatastrophe führte. Die aus Nordamerika stammende Blattlaus-Verwandte wurde Mitte des 19. Jahrhunderts durch Rebstöcke von der Ostküste Amerikas über Großbritannien ins südliche Frankreich eingeschleppt und breitete sich von dort rasant über sämtliche europäische Weinbaugebiete aus.
Doch natürlich ließ sich auch durch diese Katastrophe der Mensch nicht davon abbringen, sich weiter mit Inbrunst dem Weinbau zu widmen. Die Bemühungen um die Gesundheit der Reben resultierte in einer eigenen Lehre, der Ampelografie. Diese Rebsortenkunde klassifiziert verschiedene Rebsorten, früher vor allem nach dem Habitus, dem Erscheinungsbild. Mittlerweile können unter anderem durch Untersuchung des Erbgutes Verwandtschaftsverhältnisse unter den Rebsorten geklärt werden.
Einige hundert Rebsorten sind heutzutage von Bedeutung, wobei die Beere nicht nur in flüssiger Form, sondern auch als Tafeltraube oder Rosine auf den Tisch kommt.
Rund 140 Sorten werden bundesweit laut Deutschem Weininstiut angepflanzt. Große Marktbedeutung besitzen jedoch nur etwa zwei Dutzend davon, allen voran der Riesling und der Müller-Thurgau, auch Rivaner genannt. Auf diese zwei Rebsorten entfällt ein gutes Drittel der bundesweit rund 102000 Hektar Rebfläche. In den Statistiken des Weininstituts lässt sich manches entdecken. Beispielsweise, dass sich der Pro-Kopf-Verbrauch im Verleich zu den 60er Jahren pro Jahr von elf Liter auf 21 Liter pro Jahr fast verdoppelt hat. Außerdem hat ein Schwenk von Weiß nach Rot stattgefunden. Im Jahr 1993 tranken noch fast 60 Prozent der Deutschen einen Weißwein, im letzten Jahr waren die Rotweingenießer mit 53 Prozent in der Überzahl.
Württemberg gilt mit 11500 Hektar Weinbaufläche nach Rheinhessen, der Pfalz und Baden als viertgrößte Weinbauregion Deutschlands.
Im Schwabenland sind die Weinberge vor allem mit einer Rebsorte besetzt: dem Trollinger. Mit insgesamt 2469 Hektar steht in Deutschland beinahe der gesamte Bestand dieser Rebsorte in Württemberg. Satte 21,4 Prozent des lokalen Rebsortenspiegels vereinigt die Trollinger-Rebe hier auf sich. Als Black Hamburg oder Meraner Kurtraube landet die Beere der Trollinger-Rebe als Tafeltraube im Magen. Den relativ hellroten Wein mit fruchtig frischem Aroma, schlotzen die Schwaben als Viertele oder Schorle. Mit Trollen, den nordischen Geisterwesen, hat der Name wohl nichts zu tun. Und ob der Genuss von Trollinger drolliger macht, ist ebenfalls nicht erwiesen.
Vermutlich kommt der Name vom Tirolinger, denn dort wurde die Sorte schon zur Römerzeit angebaut. In Tirol teilt man die Liebe zum Trollinger nach wie vor, wenn dieser teilweise auch mit größeren Beeren unter dem Namen Vernatsch daherkommt. Im Mittelalter soll der Trollinger in ganz Deutschland verbreitet gewesen sein. Im 18. Jahrhundert allerdings strebten die Weintrinker nach mehr Qualität wie Silvaner, Burgunder und Riesling. Fürstbischof August von Speyer soll in der Pfalz gegen die „Hammelhoden“, wie die Trollinger-Beere wegen ihrer Form genannt wurde, mobil gemacht haben. Die Schwaben hingegen hegen ihren Liebling. Zehn weibliche Weinexperten haben sich als Trollinger-Evas gar der „Liebe zum Trollinger“ verschrieben: „Wir widerstehen dem Trend zu mehr Alkohol, mehr Farbe und mehr Tannin.“
Ganz besonders dankbar sind wir rückblickend Karl dem Großen, der im Jahr 795 sein Edikt „Capitulare de villis“ erließ. Darin steht unter anderem zu lesen: „Dass sich keiner untersteht, die Weintrauben beim Keltern mit Füßen zu treten.“
Eines ist sicher: Wer viel Zwetschgenkuchen isst, bekommt nicht unbedingt ein Zwetschgenärschle (Anmerkung: Schwäbisch für knackigen Popo). Wer viel Trollinger trinkt bekommt aber mit ziemlicher Sicherheit einen Trollinger-Zinken.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
