KW 44 – Internetseite vom Aussterben bedroht
Liebe Leser,
an vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen haben wir uns inzwischen gewöhnt. In der Politik geht es bei genauer Betrachtung auch nicht anders zu als in der Natur. Selbst Internetauftritte des Umweltministeriums sind vom Exitus bedroht.
In der politischen Landschaft geht es zu wie in Wald und Flur. Und so finden sich viele Phänomene, die wir sonst aus dem Tierreich kennen, eben auch im Dschungel der Parteien und Polit-Posten.
Beispielsweise tragen sogenannte Kommentkämpfe, bei denen mit viel Tamtam und ohne ernsthafte Verletzungsgefahr eine Rangordnung festgelegt wird, besonders in Wahlkampfzeiten zur Unterhaltung der Bevölkerung bei. Hin und wieder wird vom Auftreten einer Thanatose berichtet, einer Art Schreckstarre, bei der sich Organismen für eine gewisse Zeit tot stellen.
Manchmal werden Politiker – ähnlich wie Feldhamster, die im Weg sind – umgesiedelt. Dann kann es sogar sein, dass alle furchtbar überrascht sind und sich vergleichsweise still verhalten. Das neue Alpha-Männchen packt die Gelegenheit am Schopf und übernimmt diskret die frei werdende Führungsposition. Mit gutem Willen und einer Portion Humor ließe sich die Liste beliebig fortführen. Doch auch die virtuellen Internet-Auftritte hinfälliger politischer Programme sind dem Untergang geweiht. Beispielsweise die Seiten des seitherigen Bundesumweltministeriums.
Unter dem Titel: „Atomkraft – ein teurer Irrweg. Die Mythen der Atomwirtschaft“ wird dort Atomstrom entzaubert. Nachdem nun unter der neuen Bundesregierung die Laufzeiten für Atomkraftwerke verlängert werden sollen, kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis diese Seiten im Nirwana verschwinden. Deshalb haben wir für die Nachwelt einige der seitdem offiziellen Aussagen des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) gesichert.
Den Auftakt der Abhandlung, die auch (noch) als Broschüre zu haben ist, bildet die Frage: „Schützt die Atomkraft das Klima?“ Die Antwort ist ein klares „Nein.“ Atomkraft sei auch nicht notwendig, um die Ziele im Klimaschutz zu erreichen. Selbst weltweit biete der Ausbau der Atomenergie keine Perspektive zum Schutz des Klimas. Der Anteil der Atomenergie am weltweiten Endenergieverbrauch liege bei etwa zwei Prozent – und gehe weiter zurück.
Auch bei der Frage, ob Atomkraft eine „Öko-Energie“ sei antwortet das BMU mit einem klaren „Nein.“ Die große Menge gefährlicher Abfälle spreche schon gegen diese Aussage. Außerdem entstehe beim Abbau, bei der Anreicherung von Uran und bei der Wiederaufbereitung oder Endlagerung ebenfalls das Klimagas Kohlendioxid.
„Ist Atomkraft sicher?“ Die BMU-Experten sind auch hier nicht zimperlich in ihrer Einschätzung. „Die prinzipiellen Risiken der Atomenergie sind nicht beherrschbar“, ist zu lesen, und als sei das noch nicht schrecklich genug folgt der Zusatz: „Auch nicht in Deutschland.“ Deutschlands Atomkraftwerke würden zwar zu den sichersten der Welt gehören, „dennoch besteht nach wie vor das Risiko eines atomaren Großunfalls (Super-Gau)“. Die Auflistung von Störfällen ist beunruhigend. Beispielsweise kam es im Jahr 2001 zu einer Wasserstoffexplosion in der Sicherheitszone des Atomkraftwerks Brunsbüttel: „Dieser Störfall hätte bei nur etwas anderem Verlauf bis zur Kernschmelze mit radioaktiver Verstrahlung führen können.“ Außerdem, so das BMU weiter, wollen laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa vom April 2009 zwei Drittel der Deutschen den Atomausstieg beibehalten.
Ein weiteres Dilemma seien die hochradioaktiven Abfälle aus Atomkraftwerken. „Obwohl der Atommüll hochgefährlich ist und mindestens eine Million Jahre sicher von der Umwelt abgeschirmt werden muss“ sei hier noch keine Lösung in Sicht.
Im neuen Koalitionsvertrag ist nun festgelegt worden, dass „die Laufzeit sicherer Atomkraftwerke über 2022 hinaus verlängert werden soll. Das Neubauverbot bleibt bestehen. Das Salzbergwerk Gorleben soll als mögliches Endlager für Atommüll wieder erkundet werden.“
In der bisherigen offiziellen Meinung des Bundesumweltministeriums lautet die Aussage zum Thema Laufzeitverlängerung dagegen kurzgefasst folgendermaßen: „Eine generelle Laufzeitverlängerung brächte klimapolitisch und für den Geldbeutel der Bürger nichts.“
Allerdings kämen bei einer Laufzeitverlängerung mit jedem Betriebsjahr 450 Tonnen hoch gefährliche Atomabfälle hinzu. Dem Umstieg auf erneuerbare Energien wäre die Verlängerung der Laufzeit ebenfalls nicht dienlich. Deutschland exportiere schon heute mehr Strom ins Ausland als eingeführt wird. Atomkraftwerke seien außerdem unflexibel und schwer regelbar, „daher können sie nicht sinnvoll in einer umstrukturierten Energiewirtschaft eingesetzt werden“.
Auch der Strompreis würde nach Meinung der Autoren durch eine Verlängerung der Laufzeit nicht sinken: „Der Strompreis wird an der Leipziger Strombörse gebildet und hängt vom jeweils teuersten Anbieter ab. Die Erfahrung zeigt, dass Strompreise laufend ohne erkennbaren Anlass angehoben werden.“ Von einer längeren Laufzeit der Atomkraftwerke würden vor allem die Unternehmen profitieren, die dann mit alten und technisch überholten Investments möglichst lange Geld verdienen könnten. Atomstrom gelte überdies nur deshalb als billig, weil „Forschung und Entwicklung oder ausreichende Versicherungen nie vollständig mitberechnet wurden“.
Wem das nun definitiv zu viele Argumente gegen Atomstrom waren, der kann die Internet-Seiten des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie zu diesem Thema anklicken und lesen. Da klingt alles irgendwie ganz anders. Die Seiten des Bundesumweltministeriums sind derweil mit einer anzunehmenden Halbwertszeit von fünf Jahren zum Teil schon zerfallen.
Fakten hier und Tatsachen dort – und die Schlussfolgerungen daraus sind immer wieder anders. Das lässt den einen oder anderen Leser mit der recht philosophischen Frage nach der Wahrheit zurück, über die sich schon antike Größen den Kopf zerbrochen haben.
Die unumstößliche, echte Wahrheit lautet: Es wird kalt und kälter. Atomkraftbefürworter erzählen sich in diesem Zusammenhang gerne, wie Atomkraftgegner überwintern. Nämlich bei Dunkelheit mit kaltem Hintern. Der Witz ist alt. Es lacht zwar keiner mehr, aber alle strahlen...
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
