KW 43 – Probier's mal mit dem Kranichtanz
Liebe Leser,
Mitte letzter Woche erfüllte im Dunkel der Nacht unerklärlicher Lärm den Luftraum über Aurich. Das war ein wenig unheimlich. Doch der ornithologisch begeisterte Mensch spitzt die Ohren, rast ins Haus, schmeißt den Computer an und im besten Falle weiß er dann: es war der Kranich und nicht die Lerche.
Zwei Auricher sitzen in der Kälte auf ihrem Balkon, da geht’s plötzlich los. Um 20.30 Uhr beginnt eine merkwürdige Geräuschkulisse, sich über dem Ort breit zu machen. Klingt ein wenig wie eine Menge Kleinhunde, die sich in die Haare gekriegt haben. Aber so viele kleine Hunde, die alle zur gleichen Zeit unterwegs sind, gibt’s im Dorf gar nicht.
Psst, Ruhe, ich muss das richtig hören können. Es ist nervig, immer wenn ich die Ohren ganz arg spitze, übertönt ein Motorengeräusch oder sonstwas die undefinierbaren Laute. Aber die Schallwand bewegt sich auf uns zu, die Töne werden lauter. Dann ist klar, dass es sich um Vögel am Himmel handeln muss. Die Augen suchen den Nachthimmel ab. So ein Mist! Grabbanacht, nichts zu sehen. Da hilft nur, die Vögel anhand einer Klangprobe aus dem Internet zu identifizieren. Also reingewetzt, Computer anschalten und aufregen – das Ding ist so erbärmlich lahm.
Dann, endlich eine Seite mit Klangbeispiel. Ein Klick auf das Symbol, aber es kommt kein Ton raus. Muttern flucht so lange, bis die Tochter sich erbarmt und auf das einsam herumliegende Kabel der Lautsprecher deutet. Meine Nerven liegen blank, die Vögel sind schon lange weg. So viel dazu.
Jedenfalls, lange Rede kurzer Sinn, es waren Kraniche. Und die sind ganz schön laut. Der Graue Kranich, wissenschaftlich Grus grus, der zurzeit über Deutschland hinweg in Richtung Süden zieht, hat ein großes Repertoire an Kommunikationslauten. Die Vögel trompeten, auch gerne im Duett, piepsen und trillern im Jugendalter. Dementsprechend vielfältig klingt der Vorbeizug eines Kranichtrupps.
Der Schreitvogel ist mit bis zu 1,20 Meter Körperhöhe und bis zu 2,20 Meter Flügelspannweite eine imposante Erscheinung. In Gefangenschaft kann er bis zu 40 Jahre alt werden. Der Kranich ist ein umtriebiger Geselle. In der Regel liebt er das fröhliche Beisammensein und den Tanz. Trompeten kann er Dank seiner langen Luftröhre.
Für Stimmung sorgen die großen Kraniche fast immer. Ganzjährig vollführen sie den Kranichtanz, bei dem ein Vogelpaar sich seine Verbundenheit bezeugt. Ihren Höhepunkt erreicht die Tanzerei zur Paarungszeit im Frühjahr. Dann hüpfen und trompeten die Partner sich an, sie knicksen und machen mit den Flügeln heftig Wind. Schließlich fordert die Henne den Hahn mit gurrenden Lauten zum Aufspringen auf, der Paarungsakt wird vollzogen und danach singen beide im Duett. Prädikat: nachahmenswert. Zumindest das gemeinsame Singen.
Beim Grauen Kranich handelt es sich um ausgesprochen sympathische Vögel. Vermutlich leben sie in Dauerehe, aber so ganz sicher ist das nicht – die Verlockung lauert halt auch in der Vogelwelt überall. Männchen und Weibchen sehen fast gleich aus, beide haben eine federlose, rote Scheitelplatte, welche bei Erregung anschwillt.
Während sie bei der Jungenaufzucht eher die traute Zweisamkeit bevorzugen, sammeln sie sich zu Beginn ihrer Wanderungen mitunter in großer Zahl. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die großen Vögel auch in West- und Südeuropa heimisch, durch Lebensraumverlust sind in Deutschland jedoch nur noch Restpopulationen in Nord- und Ostdeutschland übriggeblieben. Ansonsten ist der Kranich ein Brutvogel Nord- und Osteuropas. Im Herbst ziehen Tausende der Vögel auf verschiedenen Routen in Richtung Süden ins Winterquartier, um im nächsten Frühjahr wieder in ihre Brutgebiete zurückzukehren.
Im Jahr 2001 sollen beispielsweise auf der westeuropäischen Route, die über Deutschland hinweg führt, weit über 100000 Kraniche unterwegs gewesen sein. Bis zu 2000 Kilometer können die Vögel zur Not nonstop in der Luft bleiben. Normalerweise legen sie an angestammten Rastplätzchen eine Pause ein. Der Höhepunkt des Ost-West-Durchzugs liegt in der zweiten Oktober- und ersten Novemberhälfte.
Beim gemeinsamen Flug finden die Kraniche sich zu einer keilförmigen Formation zusammen. Erfahrene Tiere führen die Gruppe an – schreibt der Naturschutzbund Deutschland. „Es gibt im Schwarm keine festgelegte Hierarchie, kein ausgemachtes Leittier, das Richtung und Gliederung der Formation vorgibt“, schrieb dagegen „Welt online“ vor einigen Jahren. Französische Forscher hatten herausgefunden, dass der geordnete Flug durch aerodynamisch günstige Strömungsverhältnisse Energie spart. Und die kann bei der kräftezehrenden Reise als limitierender Faktor gelten.
Wobei die großen Grauen keinesfalls als Schleckermäuler gelten können. Ihr Speiseplan umfasst so ziemlich alles, was da kreucht und fleucht: Insekten, Würmer, kleine Wirbeltiere werden, wenn nötig, mit dem großen Schnabel erdolcht und verspeist. Aber auch Feldfrüchte wie Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Getreidekörnchen werden gefressen. Weiches Kleingetier reichen die Alten den Jungen mit dem Schnabel. Das Jungvolk rennt als Nestflüchter recht schnell und robust durch die Gegend. Die Wiege der Kleinen ist eine besondere Art Wasserbett. Kraniche sind Bodenbrüter und bevorzugen als Baugrund knietiefes Wasser, auf dem das Nest aus Pflanzenmaterialien errichtet wird. Eine große Bedrohung für die Tierart ist der Verlust an geeigneten Brutplätzen. Vermutlich aufgrund von Schutzmaßnahmen nehmen die Bestände in einigen Regionen aber wieder zu.
Bekannte Rastplätze ziehen nicht nur die Gefiederten an, sie rufen ebenso passionierte Vogelbeobachter auf den Plan. Bei der Deutschen Wildtier Stiftung können sogar Kranich-Safaris nach Mecklenburg-Vorpommern, wo sich bis zu 60000 Vögel auf ihrem Zug nach Südeuropa und Nordafrika ausruhen, gebucht werden. Die Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland lockt mit Exkursionen zum Kranich-Gucken nach Rügen. Unter www.kranich.de können aufgeregte Vogelkundler, die in den Startlöchern für eine Kranichexkursion stehen, sogar relativ aktuelle Daten über Ort und Anzahl rastender Vögel einsehen. Die Begeisterung sollte aber bei Sichtung der Tiere gebändigt werden, denn die Vögel fühlen sich recht schnell gestört, fliegen auf und verbrauchen unnütz Energie.
Für die Daheimgebliebenen lautet das Motto, Stellung auf dem Balkon beziehen. Denn der Durchzug ist ein Spektakel für Auge und Ohr. Außerdem gilt der Kranich in vielen Kulturen als Glücksbringer. Wer nicht in den Genuss einer Sichtung kommt kann sich, wie die Japaner, ein paar Kraniche aus Papier falten.
Unser Tipp für ein trübes Herbst-Wochenende: Machen Sie doch einfach mal den Kranichtanz.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de