Freitag, 10. Februar 2012

KW 42 – Die schöne Goldrute kann lästig werden


Die Kanadische Goldrute neigt zum Wuchern. Foto: Rücker
Die Kanadische Goldrute neigt zum Wuchern. Foto: Rücker

Liebe Leser,
Blumen sind etwas Schönes. Da sind wir uns bestimmt einig. Manche Blümchen sind aber nicht immer ein Grund zur Freude. Denn auch im Pflanzenreich gibt es unerbittliche Eindringlinge, die einheimischen Gewächsen das Leben schwer machen.
 
Glücklich sind die Unwissenden. Denn sie können sich an jedem Kräutlein freuen, das ihnen ins Auge lacht.
Ich erinnere mich daran, den Garten meiner ehemaligen Vermieterin mit dem Samen imposanter rosa Blumen verseucht zu haben. Unwissentlich. Hübsche Gewächse waren das, ich hab’s ja nur gut gemeint. Dummerweise besetzten die Blumen innerhalb weniger Jahre das Grundstück und ließen den anderen Pflanzen keine Chance. Erst später habe ich realisiert, dass es sich um das Indische Springkraut gehandelt hatte. Wie blöd! Habe ich doch einem sogenannten invasiven Neophyten geholfen, neuen Boden zu erobern.
Je mobiler der Mensch im Laufe der Geschichte geworden ist, desto schneller hat sich auch die Lebewelt der Erde geändert. In Schiffsbäuchen und an Schiffsrümpfen heften sie sich fest, im Laderaum von Flugzeugen und im Profil von Autoreifen gehen sie auf die Reise. Tiere und Pflanzen, Pilze, Bakterien und Viren erobern neue Welten. Viele von ihnen wurden aber auch absichtlich nach Deutschland gebracht, beispielsweise Nutz- und Zierpflanzen oder jagdbares Wild.
Neobiota wird Lebendiges genannt, das seit der Entdeckung Amerikas im 15. Jahrhundert mit menschlicher Hilfe auf die Reise ging und sich bei uns ohne weiteres Zutun etablieren konnte. Die Pflanzen darunter heißen Neophyten. Häufig geschieht die Einbürgerung der Neulinge ohne größere Probleme. Schwierig wird es allerdings, wenn die Neubürger angestammte Arten verdrängen und natürliche Ökosysteme verändern.
„In Deutschland bereiten von den über 2000 bekannten Neobiota derzeit nur 30 invasive Pflanzenarten und eine vergleichbare Zahl an Tierarten dem Naturschutz Probleme. Weltweit gesehen gehören Neobiota jedoch zu den wichtigsten Ursachen für den globalen Artenrückgang. Wenige, sehr erfolgreiche Arten werden immer zahlreicher und verdrängen empfindliche Arten, die nur an wenigen Orten der Welt vorkommen,“ sagte Prof. Dr. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, im Mai beim internationalen Tag der biologischen Vielfalt. Häufig haben die grünen Invasoren bei uns leichtes Spiel, weil Fressfeinde und Krankheiten der neuen Heimat ihnen nichts anhaben können.
Und so passiert, was mittlerweile auch in meinem Garten geschehen ist. Man denkt: „Ach, das ist aber ein hübschen Pflänzchen“ oder man denkt gar nichts und die Blume ist einfach da, und ehe man kapiert, was los ist, wuchert sie den Garten zu. Bei mir hat die Goldrute beschlossen, Fuß zu fassen. Vielleicht hab’ ich sie aber auch selbst eingeschleppt, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls wurde der gelb blühende Korbblütler inzwischen richtig lästig.
Die Gattung Solidago, Goldruten, ist mit rund 100 Arten auf dem Globus vertreten. Die meisten davon stammen aus Nordamerika, so auch unsere Problem-Pflanzen Kanadische und Riesen-Goldrute. Bei mir hat sich die Kanadische Goldrute, Solidago canadensis, breit gemacht. Sie kann mit ihren bis zu 2,5 Metern Wuchshöhe schon als Hingucker gelten. Das ist auch der Grund, weshalb sie im 17. Jahrhundert als Zierpflanze nach Europa eingeführt wurde. Erste Auswilderungen wurden um 1850 beschrieben. Seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts breitet sie sich explosionsartig aus. In Europa hat die Kanadische Goldrute bislang keine natürlichen Feinde, während sich in ihrer Heimat Nordamerika etwa 290 Fraßinsektenarten von der Pflanze ernähren. Sie hat ein Faible für sogenannte Ruderalflächen, also rohe, offene Böden, auf denen sie sich als Pionierpflanze prima etablieren kann. Aber auch Straßenränder, Magerwiesen und andere Fleckchen Erde werden von dem mehrjährigen Kraut gerne besiedelt.
Hat die Kanadische Goldrute erst einmal Fuß gefasst, breitet sie sich mit unterirdischen Sprossen, den Rhizomen, weiter aus. Außerdem schickt sie nach der Samenreife Tausende von Flugsamen auf den Weg.
Mit Hilfe dieser Strategien gelingt es der Goldrute auch in sensiblen Gebieten wie auf Magerflächen seltene Arten zu verdrängen und monotone Einheitsbestände zu bilden. Pollen- und Nektarwert der oft als Bienenweide gepriesenen Goldrute soll wohl doch nur mittelprächtig sein. Nur vier von 429 Wildbienenarten naschen an den kleinen Blüten der langen Rispen der Goldrute.
 Die Kanadische Goldrute ist heute einer der häufigsten Neophyten Deutschlands und findet sich vom Tiefland bis in mittlere Gebirgslagen.
Laut Bundesamt für Naturschutz (BfN) haben Goldruten trotz ihrer weiten Verbreitung in Deutschland und der oft dichten ausgedehnten Bestände relativ wenig Auswirkungen auf schutzwürdige Elemente der Tier- und Pflanzenwelt, da sie zu einem großen Teil Rohböden im Siedlungsgebiet einnehmen. Als problematisch werden vor allem Vorkommen in wärmeren Lagen Südwestdeutschlands eingeschätzt.

Schutzwürdige Streuobstwiesen und Magerrasen werden so durch Goldruten schnell verändert. Auf Acker- und Weinbergsbrachen verhindern Goldruten die Ansiedlung gefährdeter Pflanzen und Tiere der Halbtrockenrasen, die hier sonst leben könnten.
Die Blüten erscheinen von Juli bis Oktober. Auf Brachflächen können Dominanzbestände von Goldruten die Sukzession, die natürliche Entstehung von Pflanzengesellschaften, langfristig aufhalten, da Gehölze nicht unter den Pflanzen keimen.
Die gute Nachricht: Als Auslöser von Pollenallergien stehen die Goldruten eher nicht in Verdacht. Und für Gartenbesitzer, die nicht auf die gelbe Pracht verzichten möchten, stehen gezähmte Hybride wie die Sorte „Strahlenkrone“ zum Kauf bereit. Sie wuchern nicht durch Ausläufer und säen sich nicht unkontrolliert aus, da die meisten von ihnen sterile Blüten ausbilden und daher keinen Samen ansetzen.
Die großflächige Zurückdrängung der Goldruten in der Natur gilt, realistisch betrachtet, als nicht erreichbar. Punktuelle Gegen- sowie Vorbeugungsmaßnahmen seien jedoch sinnvoll, so das BfN. Dabei soll einerseits die Samenbildung unterdrückt werden, andererseits sollte der Bestand zurückgedrängt werden, indem das Rhizom geschwächt oder zerstört wird.
Der Invasor ist ein Überlebenskünstler: Ein einmaliger Schnitt vor der Blüte kann zwar den Samenflug verhindern, schwächt die Pflanze aber kaum. Nur durch mehrmalige Mahd können Goldruten langfristig zurückgedrängt werden.
Ganz gegen meine Natur bin ich mit der Hacke gegen die prominente Blume vorgegangen. Mal sehen, ob’s geholfen hat. Allerdings habe ich vor wenigen Jahren in einem Anfall von Idiotie ein noch größeres Problem eingeschleppt: Topinambur. Robust, invasiv und bis zu drei Meter hoch! Drei Meter! Immerhin kann man von diesem Prachtstück die Knolle essen – oder, noch besser, Schnaps brennen. Dann kann ich mir meinen Garten wenigstens schöntrinken.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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