KW 41 – Ein süßer Wicht, die Schwanzmeise
Liebe Leser,
es ist Herbst. Auch wenn der Schweiß vor wenigen Tagen bei 30 Grad Celsius aus den Poren tropfte – und quietschfidele Vögelchen Frühlingsgefühle aufkommen lassen. Besonders gut kann das ein Trupp Schwanzmeisen, der neulich Aurich besuchte und beim Abflug eine schmerzliche Lücke hinterließ.
In der Mittagszeit war’s. Plötzlich fiel ein Trupp kleiner Vögelchen mit Geflatter und Gepiepse über Bäume in meinem Garten her. Noch nie gesehen, die Piepmätze. Ein Verdacht bestand aber sehr wohl. Es waren vielleicht sechs oder sieben kleine Federbällchen mit langem Schwanz. Ha! Das ist er, der Hinweis auf die Tierart, die dort an Ast und Zweig herumturnt. Schnell in die Wohnung gewetzt und das Bestimmungsbuch geholt. Na klar, das passt doch wie die Faust aufs Auge. „Wenig scheu, aber rastlos“, steht im Kosmos Vogelführer unter Aegithalos caudatus, Schwanzmeise. Das kann voll und ganz bestätigt werden, denn kaum sind sie mit piepsendem Tohuwabohu gelandet, fliegen sie auch schon wieder weg. Schade! Diesen kleinen Kobolden könnte man ewig zuschauen. Wer noch einigermaßen gut hören kann, der nimmt auch die hohen Töne aus dem Schwanzmeisenschnabel wahr. „Srih-srih-srih“, rufen die Feder-Bällchen, vom Volksmund auch Pfannenstiel genannt. Einige der Vögel sind weiß und schwarz gefärbt, das Gefieder von anderen ist ein wenig rosa überhaucht. Gott, wie süß!
Die Schwanzmeise ist mit unseren häufigen Blau- und Kohlmeisen zwar eng verwandt, gehört aber zu einer eigenständigen, gleichnamigen Familie. In der Familie der Schwanzmeisen sehen Weibchen und Männchen nahezu gleich aus. Die kleinen Vögel mit der Piepsstimme gelten als sehr sozial, leben gerne in Grüppchen und tun sich sogar mit anderen Vogelarten wie den Goldhähnchen zusammen. Kennen Sie die Goldhähnchen? Also, die toppen die Schwanzmeisen, weil sie derart goldig sind, das ist schon nicht mehr wahr. Und beide Arten gemeinsam sind vermutlich so herzergreifend zuckersüß, dass es einen beim Anblick einer solchen gemischten Gruppe schlichtweg umhauen würde.
Schwanzmeisen bilden besonders im Winter Schlafgesellschaften, in denen sich die Tiere Feder an Feder zusammenkuscheln, um die Nacht gut gewärmt zu überstehen. Bis zu 14 Zentimeter wird der Vogel groß, wovon rund neun Zentimeter auf den Schwanz entfallen. Wer kann schon von sich behaupten, dass zwei Drittel der Körpergröße im Schwanz stecken?
Das Leben der Schwanzmeise beginnt Anfang April als gesprenkeltes, winziges Ei in einem kunstvoll gewobenen Nest im Geäst von Büschen oder Bäumen. In einer Höhe von wenigen bis zu 20 Metern hängt das kugelige Flechtwerk, das mit Tausenden Federchen ausgepolstert sein kann. Flechten, Tierhaare, Moos und Federn, aus etlichen verfügbaren, weichen Materialen zaubern die beiden Partner nach einem Hochzeitstanz mit viel Geflatter ein heimeliges Nest.
Durch eingewebte Spinnenweben kann das elastische Kugelnest mit der Großfamilie (bis zu 13 Junge) mitwachsen. Die brütende Mutter muss im beengten Nest mitunter ihren langen Schwanz über den Körper biegen, sonst passt sie nicht in das dehnbare Eigenheim. Manchmal ist das Flechtwerk auch derart mitgenommen, dass der Schwanz aus brüchigen Stellen herausragt.
Zwei Wochen lang brütet die Vogelmutter, bis die nackten Jungvögel schlüpfen. Dann passiert das, wovon der moderne Mensch bisweilen träumt: Die Eltern sind mit der süßen Last des Aufpäppelns nicht alleine. Bis zu sechs Verwandte kümmern sich um das Wohlergehen der Brut. Da hat das Wort Großfamilie noch eine tiefere Bedeutung. Rund einen Monat lang wird das Jungvolk umsorgt. Im besten Falle haben die Kleinen eine Lebenserwartung von acht Jahren.
Zum Balancieren einfach mit dem Schwanz wippen
Die Schwanzmeise ist ein drolliges, leichtes Kerlchen, das sich mit Hilfe seines langen Schwanzes an kleinsten Zweigen ausbalancieren und dort nach Nahrung suchen kann. Kleine Krabbeltiere wandern in das winzige Schnäbelchen, das ab und an auch mal eine Knospe zermalmt. Besonders wohl fühlen sich die Vögel in abwechslungsreichen Landschaften mit unterschiedlichen Gehölzen. Große Verluste erleiden sie in strengen Wintern. Sie brauchen artenreiche Wälder mit vielen Büschen, in reinen Fichtenforsten kann die Schwanzmeise nicht überleben. Mit dem Erhalt von Obstgärten mit altem Baumbestand und der Pflanzung heimischer Sträucher kann auch der Privatmann den Vögeln unter die Flügel greifen.
Schwanzmeisen sind in Eurasien zuhause, also in Europa und Asien, und gelten erfreulicherweise als nicht gefährdet. In Deutschland könnte der Bestand bei 180000 Brutpaaren liegen, in der Schweiz wird von 15000 Paaren ausgegangen. Schade, dass diese Tiere dem Vogelfreund durch die rastlose Lebensweise oft verborgen bleiben. Und das, obwohl die Schwanzmeise als Standvogel gilt, der uns auch im Winter erhalten bleibt.
Verschiedene Unterarten von Schwanzmeisen kommen in Europa vor. Im Norden und Osten Europas strahlen die Vögelchen mit einem reinweißen Kopf. In Mitteleuropa ziert ein breiter dunkler Scheitelseitenstreif das Köpfchen. Die Flanken und der Bauch sind rötlichbraun. Nicht zu vergessen die Übergangsformen der Unterarten.
Im Winter besteht sogar die Chance, die possierlichen Tierchen am Futterhäuschen beobachten zu können. Da drücke ich uns allen feste die Daumen, dass die Schwanzmeise sich überall mal sehen lässt. So umtriebig wie die ist, dürfte das kein Problem sein.
Und falls die dunkle Jahreszeit uns schließlich mit Depressionen quält, ist es die Schwanzmeise, die ein Lächeln auf das Gesicht des Vogelliebhabers zaubert. Nächstes mal schmettere ich ihr, frei nach Freddy Quinn, ein lautes „Meise, komm bald wieder“ hinterher. Vielleicht hilft’s.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
