KW 39 – Von Wahlen und Wahlgesängen
Liebe Leser,
morgen ist es soweit, der 17. Deutsche Bundestag wird gewählt. Demokratische Wahlen, allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim. Demokratie! Eine Erfindung des Menschen. Ganz klar. Oder?
Es gibt Affen, die sind echte Demokraten. Also, jetzt lachen Sie doch nicht. Es wird sich zwar niemand ernsthaft Gorillas vorstellen, die in einer heißen, parlamentarischen Debatte stecken. Oder Orang-Utans, die über ihren Wahlunterlagen brüten. Trotzdem geht es in einigen wilden Affenbande demokratisch zu. Basisdemokratie findet hier mit Hilfe der Füße statt.
Makaken sind mittelgroße Affen, die gerne in gemischten Gruppen herumziehen. Weibchen und Männchen, Junge und Alte sind dabei. Dass sie mehrheitliche Entscheidungen treffen, hat ein französischen Forscherduo beobachtet. Der Trupp bewegt sich in jene Richtung, die von den meisten Tieren bevorzugt wird.
Die Forscher aus Frankreich beobachteten das Treiben von Tonkeamakaken (Macaca tonkeana) auf der Insel Sulawesi. Die Affen lebten in zwei Gruppen, bestehend aus zehn und 22 Tieren. Da wird gesellig gelaust, gedöst und gefuttert. Irgendwann packt ein Gruppenmitglied aber der Drang weiterzugehen. Der Aktive bewegt sich dann einige Schritte von der Gruppe weg. Dabei schaut er immer wieder zurück, ob der Rest der Affen folgt. Manchmal übermannt der Bewegungsdrang aber auch mehrere Affen gleichzeitig, wobei jeder in eine andere Richtung strebt. Was nun?
Es kommt zu einer Abstimmung. Die übrigen Tiere streben ihrerseits in die jeweils favorisierte Richtung. Derjenige, der am meisten Tiere hinter sich vereinigen kann, führt die Truppe in seine Richtung. Unabhängig von Alter oder sozialer Rangfolge. Der Zusammenhalt in der Gruppe ist so stark, dass sich alle „Andersdenkenden“ der größten Fraktion anschließen. Erst jetzt setzte sich der Trupp als Ganzes in Bewegung, beobachteten die Forscher.
Das ist richtig gut. Probieren Sie das mal mit Ihrer Familie, wenn es um die Entscheidungsfindung fürs Urlaubsziel geht. Und zwar ohne Geschrei und Tränen.
Ähnliche Gemeinschaftsentscheidungen konnten auch bei Gänsen, Przewalski-Pferden und bei Rhesusaffen beobachtet werden. Bei letzteren mit ihrer hierarchischen Rangordnung seien die Entscheidungen allerdings von dominanten Gruppenmitgliedern beherrscht worden.
Die Vorteile des demokratischen Handelns in der Tierwelt lassen sich sogar mit einem mathematischen Modell belegen. Beispielsweise scheint es beim Rothirsch so, dass der prächtigste Hirsch, das Alpha-Männchen, der Chef ist. Das stimme zwar in Sachen Fressen oder Paarung. Bei Entscheidungen, die alle betreffen, sei dem aber nicht so, fanden Dr. Timothy Roper von der Universität Sussex in Brighton und seine Mitarbeiter heraus.
Beispielsweise gibt es für jedes Tier im Rotwild-Rudel eine optimale Länge der Ruhephase. Während einer der Hirsche eine relativ lange Pause braucht, ist der andere völlig unausgelastet. Sobald einer allein über den Zeitpunkt des Aufbruchs entscheidet, fällt die Bilanz für den Großteil des Rudels schlecht aus. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die Nachteile bei mehrheitlich getroffenen Entscheidungen relativ gering sind. Abgestimmt wird, wie bei den Affen, mit den Beinen. Erst dann, wenn sich die Hälfte der Tiere erhebt, steht auch der Rest auf und trabt weiter. Es sei wahrscheinlich, dass sich das Verhalten durchgesetzt hat, das für alle am besten ist, so Roper.
Streit und Kompromiss, keine Unbekannten auch für Politiker. Politik sei immer mit Streit verbunden, sagt beispielsweise die Berliner Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen bei einer Einbürgerungsfeier. „Aber dieser Streit ist das Grundelement der Demokratie. Und wenn dieser Streit mit guten Argumenten ausgetragen wird, dann führt er meistens zu einem Kompromiss. Mit dem Kompromiss sind zwar oft beide Seiten nicht mehr ganz zufrieden. Aber am Ende sind Kompromisse fast immer die besseren Lösungen.“
Leider nimmt sich der Mensch oft genug die falschen Vorbilder im Tierreich. Beispielsweise, so schreibt „Focus online“, bedienen sich Chefs der Verhaltensweise von Pavian-Männchen. In einer Pavian-Gruppe können zwei Führungsstile beobachtet werden: Entweder attackiert der Alpha-Affe nur Männchen, die tatsächlich Konkurrenten sind, oder er terrorisiert alle Hordenmitglieder mit plötzlichen, grundlosen Angriffen.
Zu der Psycho-Strategie, absichtlich Angst und Schrecken zu verbreiten, habe sich etwa der frühere Intel-Chef Andy Grove bekannt. Derart malträtierte Mitarbeiter können diverse Krankheiten entwickeln. Außerdem bestünde die Gefahr, dass eingeschüchterte Angestellte nicht mehr nach oben kommunizieren. So sollen sogar die Space-Shuttle-Katastrophen von 1986 und 2003 ein Resultat davon sein, dass Untergebene es nicht wagten, ihre Bedenken nach oben weiterzumelden.
Da lobe ich mir doch die demokratische Abstimmung. Haustierbesitzer kennen jedoch mitunter den diktatorischen Führungsstil nur zu gut. Natürlich gibt sich der Hunde-, Katzen- oder sonstiger Kleintierbesitzer in der Öffentlichkeit souverän und hat Fiffi und Minka im Griff. Schließen sich allerdings die Türen zur Außenwelt, schwingen sich die tierischen Hausgenossen auf den Thron und zelebrieren aristokratisches Machtgehabe.
Die Katze lässt ihre Menschen an der Terrassentür zappeln – rein, raus, rein oder doch lieber raus. Pure Machtausübung, von Demokratie und Kompromiss keine Spur. Der Sittich und der Hoppelhase zernagen die Wohnung und die Besitzer ertragen es klaglos. Und der Hund setzt seinen Willen mit einem treuen Augenaufschlag durch. Der Mensch als unterjochtes Wesen. Aber das rechtfertigt natürlich nicht das Anstimmen von Klagegesängen, denn auch hier haben wir ja die Wahl, ob wir uns Tiere zulegen möchten oder eben nicht.
Vielmehr ist die Zeit reif für Wahlgesänge. Im Rahmen des Forschungsprojekts „SonEnvir“ haben Forscher aus Graz die Ergebnisse der letzten steirischen Landtagswahlen vertont. „Ziel des Projekts war es, wissenschaftliche Daten in Klänge umzusetzen, um sie dadurch besser darstellen und analysieren zu können“, erklärt Christian Dayé vom Institut für Soziologie der Karl-Franzens-Universität Graz.
Was wohl Wale dazu sagen würden? Möglicherweise rotten sich die Meeressäuger in diesen Minuten in Wallokalen zusammen. Buckelwal Walter und Orca Waltraud Gedenken der Opfer von Walfängern und rufen zum Walkampf auf. Nach einem Abstecher zum einem Wallfahrtsort erreichen die Wale über die Walachei den Walchensee in den bayerischen Voralpen. Dort fassen sie demokratisch den Beschluss, deutsche Wahlurnen im Walsertal niederzuwalzen.
Ihr Kampfgeschrei „hoch leben die Wale“ schallt über die Alpen. Vielleicht heißt es aber auch „hoch leben die Wahlen“. Eine gute Wahl morgen!
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
