Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 38 – Weißlinge und Kohlweißling


Auch schön, der Kohlweißling. Foto: Rücker
Auch schön, der Kohlweißling. Foto: Rücker

Liebe Leser,
bei all dem Kummer über verschwindende Tierarten ist er es, der die Fahne hochhält. Während der Schmetterlingsfreund verzweifelt Raritäten sucht, gibt es einen, der uns treu bleibt: den Kohlweißling.
Ach, welch’ Schmerz in meinem Herzen. Gähnende Leere hängt über den Wiesen. Der Naturfreund schaut betrübt: Wo sind all die Schmetterlinge? Nur einer, der gaukelt lustig weiter. Er ist der Flattermann schlechthin. Er fliegt durch Häuserschluchten und saugt in Hinterhöfen. Er ist der anspruchslose, blasse Typ, der gerne übersehen wird.
Der Kohlweißling ist allgegenwärtig und öfters auch verhasst. Denn seine Raupen nagen gerne an Kulturpflanzen, die sie bei ihren Fressattacken verstümmeln können. Der Kohlweißling, besser gesagt die Kohlweißlinge, gehören zur Familie der Weißlinge. Dabei ist der Name etwas irreführend. Zwar ist die Grundfarbe der meisten Vertreter weiß, einige haben aber durchaus bunte Anteile am Körper oder sind eher gelb, wie der Zitronenfalter oder der Aurorafalter. Ist die Rede vom Kohlweißling, so können korrekterweise zwei Tierarten gemeint sein: der Große und der Kleine Kohlweißling.
In ganz Mitteleuropa gilt der Kleine Kohlweißling, wissenschaftlich Pieris rapae, als der häufigste Tagfalter. Mit seinen bis zu 50 Millimetern Spannweite ist er kleiner als sein großer Bruder. Die Oberseite der Flügel ist weiß, mit mehr oder weniger dunklen Punkten und Flecken an den Vorderflügeln. Die Unterseite schimmert gelbgrünlich oder cremefarben. Männchen und Weibchen sehen nahezu gleich aus.
Insgesamt ist er gar nicht so leicht zu identifizieren, da es einige Schmetterlinge gibt, die ihm ziemlich ähnlich sehen. Darunter den Rapsweißling und den Senfweißling. Um die Sache zusätzlich zu erschweren, ist die Art an sich recht variabel und sieht je nach Jahreszeit und Heimat ein wenig anders aus.
Unser Kleiner Kohlweißling ist lange präsent, er kann von den ersten warmen Tagen im März bis in den November hinein bewundert werden. Der einzelne Falter lebt zwar nicht allzu lange, die Jahres-Flugzeit ist aber durch bis zu vier Generationen enorm erweitert. Die Überwinterung erfolgt als Gürtelpuppe.
Wie viele seiner Verwandten unternimmt der Kleine Kohlweißling Wanderungen über Land. Oft sieht man die weißen Schmetterlinge in einem neckisch anmutenden Schwirrflug umeinander herum turteln, vermutlich dann, wenn sie in Hochzeitslaune sind. Nach der Paarung verpassen die Männchen der Weißlinge ihrer Braut in Weiß einen duftenden Verlobungsring. Mit der selbst produzierten Substanz Mehylsalicylat kennzeichnen die werdenden Väter ihr Weibchen. Das Aroma soll Rivalen in die Flucht schlagen. Forscher denken, dass die Substanz als Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen könnte, da den männlichen Weißlingen dann schlichtweg die Lust vergeht. Und bei dieser Tierart gilt nunmal: kein Sex, keine Nachkommen.
Doch nicht nur der schädlingsgeplagte Mensch kann aus der Duftwolke der „Schwangeren“ einen Nutzen ziehen. Die winzige Schlupfwespenart Trichogramma brassicae sucht sich anhand der Duftwolke gezielt Schmetterlingsweibchen, die kurz vor der Eiablage stehen. Dann schwingt sich das nur 0,5 Millimeter große Insekt auf die Schmetterlingsdame und lässt sich an den Ort der Niederkunft mitnehmen.
Das tut die kleine Schlupfwespe nicht, um Frau Schmetterling anschließend zu gratulieren, sondern um selbst für Nachwuchs zu sorgen. Und zwar, indem der Parasit Eier in die Eier des Schmetterlings legt. Damit wird dem Kohlweißlingsnachwuchs der Garaus gemacht. Die parasitierende Schlupfwespe erfreut sich daher als Helfer gegen unliebsame Schadinsekten wachsender Beliebtheit. Unter den rund 150 Schmetterlingsarten, die zu den Opfern der Trichogramma zählen, finden sich genügend Schädlinge.
 Wer die Lebensmittelmotte zu seinen Mitbewohnern zählt, kann sich beispielsweise Trichogramma evanescens ins Haus holen. Die gibt's zu vielen auf kleinen Kartonkärtchen, noch im Wirts-Ei versteckt, zu kaufen. Im Schrank schlüpft der Parasit und bringt die lästigen Motten zur Strecke.
Der Kleine Kohlweißling legt seine Eier einzeln an Kreuzblütler, darunter auch alle Kohlarten, ab. Die grünlichen Raupen fressen gerne im Verborgenen, zum Beispiel im Kohlkopf-Innern und sorgen dadurch hin und wieder für Überraschungen. Auch die Raupen des Großen Kohlweißlings können den Kohlarten zusetzen. Hier legt das Weibchen die Eier in Grüppchen oder großen Haufen ab. Die Raupen sind schwarz mit gelben Streifen. Zur Verpuppung robben die Raupen gerne an Gebäuden empor und überstehen dann als Gürtelpuppe die kalte Jahreszeit.

 Das bietet mitunter einen merkwürdigen Anblick. Erz- oder Brackwespennachwuchs, auch Weißlingstöter genannt, lebt als Parasit in den meisten dieser Schmetterlingsraupen. Kurz vor deren Tod schlüpfen die kleinen Nützlinge und verpuppen sich in dessen Nähe. Die gelben Puppengespinste heißen im Volksmund irrtümlicherweise „Raupeneier“. Wer sie absammelt und tötet, bringt somit die Helfer des Gärtners, die Nützlinge, um. Im Gegensatz zum Kleinen Kohlweißling, der immer und fast überall in großer Zahl flattert, handelt es sich beim Großen Kohlweißling laut Naturschutzbund Deutschland um eine „durchaus rückläufige Art, welcher in Privatgärten geholfen werden kann“.
Der SWR hingegen rät, bei Befall der Gartenpflanzen mit Kohlweißlingsraupen „schon bei wenigen Löchern die gut erkennbaren Raupen abzusammeln. Die ebenfalls leicht zu findenden Eier können Sie einfach zerquetschen“.
Die Larven der weißen Schmetterlinge beschäftigen folglich den Hobby-Gärtner aber auch Wissenschaftler. An der Technischen Universität Braunschweig kamen die Forscher einem Entgiftungstrick der Raupen auf die Schliche. Die Fraßpflanzen, in der Regel Kreuzblütler, schützen sich vor hungrigen Insekten mit chemischen Substanzen. Eine Art Senföl-Bombe, deren Substanzen für Menschen den speziellen Geschmack von Kreuzblütlern wie Senf oder Kohl ausmachen. Kreuzblütler produzieren diese Stoffe, um sich gegen Insektenfraß zu schützen, denn diese Glycoside sind giftig für die Fressfeinde. Die Kohlweißlingsraupen wiederum haben in ihrem Darm einen Entgiftungsweg entwickelt und können unbeschadet lustig weitermümmeln. Was denkt wohl der Kohl darüber? – „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, so Altkanzler Dr. Helmut.
Und noch ein Kohl-Zitat, das den Naturwissenschaftler immer begleiten solltel: „Die Wirklichkeit ist leider anders als die Realität.“
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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