Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 37 – Pflaumen en masse


Lecker und gesund, die blauen Früchte. Foto: Rücker
Lecker und gesund, die blauen Früchte. Foto: Rücker

Liebe Leser,
Wahnsinn, diese Zwetschgen. Die Bäume hängen voll mit der blauen Steinfrucht. Sogar an der Tankstelle ist sie Thema. Was aber hat die Zwetschge mit Pflaume und Reneklode zu tun?
Neulich an der Tankstelle in Vaihingen wollte mir jemand etwas schenken. Es war ein Mann mit Zopf und Karohemd. Er sah aus wie eine Mischung aus kanadischem Holzfäller und Harley-Davidson-Fahrer, wahrscheinlich ein harley-fahrender kanadischer Holzfäller. Wie ich so an der Kasse steh’ und zahlen will, dreht er sich um und spricht mich an. Also, es ist ja nicht so, dass ich von Vorurteilen übermäßig geplagt bin. Aber sein freundlich-verzweifeltes „möchten Sie Zwetschgen haben?“ kam doch überraschend.
Soundsoviel Bäume hätte er, pratzelvoll mit den Früchten und er wisse nicht mehr wohin damit. Da musste ich leider passen, denn im Garten meines Vaters herrscht das gleiche Bild. Zwetschgen so weit das Auge reicht. Na ja, das ist übertrieben, aber genug, um beim Zupfen und Verarbeiten in Schweiß auszubrechen.
Zwetschgenkuchen löst bei meiner Familie mittlerweile Aversionsverhalten aus. Der Kuchen, so der Tenor des Jungvolks, wäre nicht schlecht – wenn die Früchte nicht wären. Der Liebste beäugt die dunkle Farbe des Backwerks. Vollkornmehl und Rohrzucker lassen sich nicht verheimlichen. Frohen Mutes ruft er aus : „Das ist meine ideale Ernährung“, nimmt sich aber kein Stück und schwebt von dannen. Es macht immer wieder Freude, seine Lieben zu bekochen.
Vor dem Futtern könnte sich mancher fragen, ob er denn nun Zwetschgen oder Pflaumen verdrückt und was eigentlich der Unterschied ist. Der Schwabe macht sich’s leicht, da gibt’s halt Zwetschgen.
Dabei ist es rein botanisch gesehen gerade anders herum. Wer eine außergewöhnliche Frucht entdeckt und diese als Pflaume tituliert, liegt in vielen Fällen richtig. Denn die Pflanzenart Pflaume, wissenschaftlich Prunus domestica, teilt sich in mehrere Unterarten auf. Dazu zählen, man höre und staune, beispielsweise die Mirabelle, die Zwetschge und die Reneklode.
Bei den Unterarten der Pflaume handelt es sich um Gehölze, die eine Höhe von bis zu zehn Meter erreichen können. Die Früchte besitzen einen Steinkern und können doch überraschend unterschiedlich aussehen. Von Blauschwarz über Blau zu Rot, Gelb und Gelbgrün reicht die Farbpalette. In der Regel sind die Früchte bereift, das heißt, sie besitzen einen feinen Wachsüberzug an der Außenhaut. Bei Pflaumen, die noch wenige Tage gelagert werden sollen, kann diese Schicht als Schutz vor Verdunstung dienen. Vor dem Verzehr sollte dieses Wachs allerdings entfernt werden, da sich dort auch Giftstoffe aus der Umwelt anhäufen können.
Schon im alten Ägypten stand die Zwetschge hoch im Kurs. „Gedörrte Zwetschgen befanden sich bereits im Grab eines berühmten Architekten der Hauptstadt Theben“, schreibt hierzu der Schweizerische Obstverband.
Schon vor 2000 Jahren sollen die Ärzte im alten Griechenland die abführende Wirkung der Pflaume geschätzt und römische Dichter die Früchte als Wohltat für einen gestressten Magen gepriesen haben.
Um das 12. Jahrhundert soll Damaskus, die heutige Hauptstadt Syriens, das Zentrum des Pflaumenhandels gewesen sein. Der Name Zwetschge könnte eine Verballhornung von Damaszener sein, vermuten Sprachforscher. Anscheinend soll schon Karl der Große um 800 herum dafür gesorgt haben, dass Pflaumen und Zwetschgen bei uns angebaut wurden. Weiterhin wird von mittelalterlichen Kreuzfahrern berichtet, die 1148 nach einer verlorenen Schlacht aus Damaskus zurückkehrten, und sich sich damit trösteten, wenigstens eine neue Zwetschgensorte heimzubringen.
Über 2000 Pflaumensorten gibt es inzwischen. Dazu gehören wie schon erwähnt die Zwetschge, Prunus domestica subspecies domestica, die Reneklode mit ihren großen, grün-gelben, zuckerreichen runden Früchten und die kirschgroßen Mirabellen, Prunus domestica subspecies syriaca, die in verschiedenen Farben gedeihen.
 Pflaumen und Zwetschgen sind zwar ziemlich ähnlich, lassen sich aber in der Regel doch unterscheiden. Beispielsweise löst sich der Kern von Zwetschgen normalerweise leichter vom Fruchtfleisch. Außerdem sind Zwetschgen eher länglich, haben eine weniger ausgeprägte Naht und sind meistens dunkelblau gefärbt. Das Fruchtfleisch von Zwetschgen ist saftig und angenehm süß-säuerlich.
 Die Ernte der blauen Verführer dauert noch bis Ende September. Bundesweit gilt Baden als das Zwetschgenzentrum. Es werden je nach Entwicklung zwischen 25 und 40 Prozent der deutschen Obsternte hier erzeugt. Insgesamt wachsen in Baden-Württemberg Zwetschgen an 1,05 Millionen Bäumen auf einer Fläche von 1870 Hektar. Vor rund 100 Jahren sollen 41 Prozent aller Obstbäume Deutschlands Pflaumen und Zwetschgen gewesen sein.
Nachdem die schlechte Witterung zur Pflaumenblüte im letzten Jahr die Ernte vermasselt hatte, quellen die Bäume in diesem Jahr über. Pflaumen und Zwetschgen sind nach wie vor das mengenmäßig bedeutendsten heimischen Steinobst. Für Baden-Württemberg wird eine Erntemenge von 252600 Dezitonnen erwartet.
Pflaumen sind gesund, Zwetschgenwasser eher nicht
Die durchschlagende Wirkung der Pflaume bei Verdauungsproblemen dürfte jedem bekannt sein. Frische Pflaumen besitzen eine harntreibende Wirkung. Sie sind außerdem gut gegen Arterienverkalkung und rheumatische Erkrankungen.
Pflaumen enthalten Kalzium, Eisen, Magnesium, Phosphat, reichlich Kalium und Fruchtzucker sowie krebshemmende Stoffe und besonders viel Apfelsäure, reichlich Provitamin A und fast alle B-Vitamine.
Wenn mich mein Erinnerungsvermögen nicht trügt sind es auch die Vertreter der Pflaumen, insbesondere die Mirabelle, die im zeitigen Frühjahr mit ihrem unglaublichen Blütenduft betören. Nicht zu vergessen Hochprozentiges, das wiederum aus den Früchten gebrannt wird und ebenfalls die Sinne benebeln kann. Der Schwabe bezeichnet das verniedlichend als Zwetschgawässerle. Als Verdauungshelfer macht übrigens nur Kräuterschnaps Sinn, dessen verdauungsfördernde Wirkung auf den Kräutern beruht. Ein Kräutertee hätte laut Ernährungswissenschaftlerin Hella Thomas die gleiche Wirkung. Aber: Wer will das schon?
Doch vor dem Schnaps da steht die Frucht am Baum. Während früher vor allem Hochstämme mit ihrem großen Platzbedarf dominierten, stehen im Handel heute Zwergformen sogar im Kübel zum Kauf bereit. Erst seit knapp 30 Jahren bemühen sich die Züchter um neue Pflaumensorten, bei denen auch Krankheitsresitenzen eine große Rolle spielen.
So steht dem Pflaumenspaß selbst in der kleinsten Hütte nichts im Wege. Ihre Lieben können sie dann mit Zwetschgendatschi, Pflaumenmus und Mirabellenwasser beglücken. Ich weiß, dass meine Familie für einen Pflaumenblättertee oder eine Zwetschgenterrine alles geben würde. Ich persönlich würde ein Zwetschgenärschle bevorzugen...
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de



Seitenanfang