Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 36 – Mönchspfeffer verwirrt


Eine Wucht: der Mönchspfeffer. Foto: Rücker
Eine Wucht: der Mönchspfeffer. Foto: Rücker

Liebe Leser,
da hatte ich doch tatsächlich meine Nachbarn in Verdacht. Über die Mauer ihres Gartens reckte eine Pflanze ihre Blätter, die irgendwie an Hanf erinnerte. Falscher Alarm. Im Garten der Auricher wächst kein illegales Drogenkraut, sondern Mönchspfeffer, eine Heilpflanze mediterranenen Ursprungs.

Stellen Sie sich vor, in Nachbars Garten wächst Hanf. Zumindest sieht es irgendwie danach aus. Das kann man ignorieren. Gehört man allerdings dem naseweisen Typ an, so wie ich, fällt das ungemein schwer. Jahr für Jahr lief ich an den Pflanzen vorbei und stutzte. Finger- oder handförmig sehen die Blätter aus, typisch für die Hanfpflanze. Meine Nachbarn werden doch nicht etwa...? Die Blüten wiederum passen überhaupt nicht ins Cannabis-Bild.
 Es bestünde nun theoretisch die Möglichkeit, den Nachbarn in vertraulicher Art den Ellbogen in die Rippen zu rammen und zu sagen: „Na, was machen eure Drogen?“ Im günstigsten Fall hat das schlechte nachbarliche Beziehungen zur Folge. Doch bevor ich derartig bedeutungsschwangere Worte verlor, kam mir der Zufall zu Hilfe. Eines Tages suchte ich ein Bild des Mönchspfeffers und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Kein Cannabiskraut, aus dem irgendwelche Drogenstoffe entstehen können zeigt, sich an der hohen Trockenmauer. Es sind die tief eingeschlitzten Blätter des Mönchspfeffers, auch als Keuschbaum oder Keuschlamm bekannt. Endlich traue ich mich die Nachbarin zu fragen und, na klar, ein Busch, bar jeder Illegalität, rein der Schönheit wegen, wächst in ihrem Garten. Zwei bis vier Meter hoch wird der Strauch, der neuerdings der Familie der Lippenblütler zugeordnet wird. Ursprünglich ist er im Mittelmeergebiet zuhause. Der Zierstrauch mag es warm und feucht. Typisches Rebbauklima behagt ihm sehr. Offensichtlich kann er ausgepflanzt bei uns sogar im Freien überwintern, am Südhang in Aurich schafft er das seit 13 Jahren. Er ist ein Spätblüher, an dem die Insekten ihre Freude haben. Unzählige kleine Blütchen in Weiß, Rosa oder Violett sitzen in endständigen Blütenständen zusammen und zeigen ab Juli/August ihre Pracht.
Vor allem Frauen, die mit ihren Hormonen zu kämpfen haben, kennen ihn. Aus den reifen, getrockneten Früchten wird ein pflanzliches Arzneimittel hergestellt, das bei Menstruations- und Wechseljahrbeschwerden zum Einsatz kommt.
Einen besonders gruseligen Auftritt hatte die Arzneipflanze angeblich im Horrorfilm. Im Jahr 1968 erschienenen Streifen „Rosemaries Baby“ bekam die von Mia Farrow gespielte, schwangere Hauptdarstellerin von einer widerlichen Nachbarin Mönchspfeffer verabreicht. Einen Einblick in die Geschichte erlangt, wer sich für die Verwendung des Mönchspfeffers interessiert. Der wissenschaftliche Name ist hierbei schon vielsagend: Vitex agnus-castus, Vitex (griech. biegsamer Zweig, Gerte), agnus (lat. für Lamm), castus (lat. für keusch). Schon bei den alten Griechen wurden die Zweige zum Anbinden der Weinstöcke benutzt.
Den Blättern wurde eine anaphrodisiakische Wirkung zugeschrieben, sie sollten den Geschlechtstrieb schwächen. Daher wurden sie bei den Demeter-Festen im antiken Griechenland eingesetzt. Demeter war die Göttin der Fruchtbarkeit. Ihr zu Ehren wurde jedes Jahr ein drei Tage dauerndes Fest, die Thesmophorien, gefeiert. Die Frauen, die an dem Fest teilnahmen, benutzten den Strauch anscheinend als Lager, um ihre Keuschheit zu bewahren. Ebenso soll Hera, die Gattin des Zeus, des obersten Gottes der griechischen Mythologie, unter dem Mönchspfeffer geboren worden sein. Hera galt als Hüterin der Ehe.
Die Pflanze geriet auch im Mittelalter nicht in Vergessenheit. Mönche und Nonnen brachten das Heilkraut nach Mitteleuropa in die Klostergärten. In den Klöstern schlug man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen wurde mit dem scharfen, zerstoßenen Früchten gewürzt, zum anderen sollen diese Gewürzanteile die Fleischeslust gezügelt haben. Außerdem soll ein Umschlag mit Blatt und Blüte gegen Kopfscherzen und „Unsinn“ verabreicht worden sein. Ebenso wurde der Pflanze eine Wirkung gegen den Biss von giftigen Tieren zugeschrieben.
Einsatz gegen den bösen Blick
 und Regelbeschwerden
Wie ein Autor auf der Internetseite „Klostermedizin“ berichtet, wurde und wird teilweise heute noch in Griechenland und der Türkei auf den Keuschlamm als Mittel gegen den bösen Blick gesetzt. An ihrem Hochzeitstag tragen die Frischvermählten dann Kränze aus den Blütenständen der Pflanze.
In der Medizin findet Mönchspfeffer nach wie vor Verwendung. Die Apotheken-Umschau schreibt hierzu: „Extrakte aus Mönchspfefferfrüchten können die Freisetzung des Hormons Prolaktin vermindern.
Auszüge können daher bei Schmerzen in der Brust (Mastodynie), unregelmäßiger Regelblutung und Beschwerden vor der Regel (Prämenstruelles Syndrom) helfen, wenn diese mit einer Überproduktion an Prolaktin einhergehen.“ Die Früchte enthalten unter anderem ätherische Öle und Bitterstoffe. Im Mittelalter wurde Mönchspfeffer außerdem noch gegen das Vergessen und die Schlafsucht verabreicht.
Alles in allem gute Argumente für die Pflanzung eines Mönchspfeffers im eigenen Garten. Davon profitiert die ganze Familie: der Papa bekommt ein paar Blätter unters Bett gelegt, schad’ ja nicht. Die Kinder können für Mama Sträußchen zupfen. Und die Mutter, die sich stark auf die Wechseljahre zubewegt, gerät dank der Frücht wieder ins Lot. Die Nachbarn sollten sicherheitshalber vor der Anschaffung informiert werden.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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