KW 35 – Nicht schlecht, Herr Grünspecht!
Liebe Leser,
wer hat die dreckigste Lache im heimischen Tierreich? Ich behaupte mal, dass es der Grünspecht ist. Seine Lachsalve ist Grund zur Freude, denn die Vogelart zeigt eine strukturreiche Landschaft an.
Der Grünspecht ist nicht unbedingt eine Schönheit, trotzdem aber recht spektakulär. Mit rund 50 Zentimetern Spannweite ist seine Erscheinung durchaus imposant. Er hat einen eher plumpen, um nicht zu sagen feisten, Körper mit relativ bunter Befiederung. Die Grundfarbe ist Grün in verschiedenen Variationen. Mit seiner schwarzen Gesichtsmaske erinnert er mit gutem Willen ein wenig an Zorro. Der Oberkopf und der Nacken leuchten in knalligem Rot. Die Geschlechter sehen nahezu gleich aus.
Vor allem aber ist es seine Stimme, die ihn so unverwechselbar macht. „Wie schallendes Lachen klingender, lauter Ruf“, umschreibt die Schweizerische Vogelwarte die Lautäußerung. Ein geschmettertes Klü-klü-klü-klü-klü, bis zu 20-mal kann diese Silbe hintereinander ertönen. Spaziergänger können der Vermutung erliegen, der Spott gelte ihrer Person. Das ist aber nicht der Fall, denn die unmelodiöse Strophe dient vor allem der akustischen Absteckung des Reviers. Derart lachen kann sowohl das Weibchen, wie auch das Männchen. Der Revierherr hat dabei die etwas größere Klappe.
Durch Stimme und Körperbau derart typisch charakterisiert, kann der Grünspecht bei uns eigentlich nur mit dem nahe verwandten Grauspecht verwechselt werden. Dieser ist allerdings kleiner und seine Lachstrophe fällt in der Tonhöhe nach hinten ab.
Der massige Vogel fliegt, wie sich das für einen Specht gehört, im typischen Wellenflug. Eher untypisch ist dagegen, dass er häufig am Boden unterwegs ist. Der Grund dafür liegt in seiner Ernährungsweise. Denn Picus viridis, so sein wissenschaftlicher Name, liebt Ameisen. Um an diese Leckerei zu kommen, steht ihm seine bis zu zehn Zentimeter lange Zunge zur Verfügung. Sie ist mit klebrigem Speichel überzogen, womit er wie mit einer Leimrute die kleinen Krabbler angeln kann. Wie die meisten anderen Spechte kann sich der Grünspecht beim Klettern und Hämmern auf die Unterstützung seines Stützschwanzes verlassen, der als eine Art drittes Bein fungiert. Gerne klettert er bis in den Wipfel eines Baumes und lässt sich dann im Sinkflug bis zur Basis des nächsten gleiten, den er dann wiederum hinaufklettert. Hierzu schreibt Alfred Brehm (1829-1884) in „Brehms Thierleben“ sehr treffend: „Die Bäume sucht er stets von unten nach oben ab; auf die Aeste hinaus versteigt er sich seltener. Nähert man sich einem Baume, auf welchem er gerade beschäftigt ist, so rutscht er schnell auf die dem Beobachter abgekehrte Seite, schaut zuweilen, eben den Kopf vorsteckend, hinter dem Stamme hervor, klettert höher aufwärts und verläßt plötzlich unbemerkt den Baum, pflegt dann aber seine Freude über die glücklich gelungene Flucht durch lautes, frohlockendes Geschrei kundzugeben.“
Als Lebensraum bevorzugt der Grünspecht, der nahezu in ganz Europa vorkommt, halboffene Landschaften. Sehr gerne mag er Streuobstwiesen mit altem Baumbestand. In die Hochstämme zimmert der Vogel seine Höhlen mit Vorliebe in weiches, fauliges Holz. Aber auch etliche anderen Baumarten können das Zuhause des Spechts beherbergen. Behausungen von Vorgängern werden gerne angenommen.
Eine Bruthöhle wird in der Regel ab Februar/März von beiden Geschlechtern gemeinsam ausgehöhlt. Während der Vogel normalerweise ein Einzelgänger ist, überkommt ihn im Frühjahr der Wunsch nach Zweisamkeit. Besonders das Männchen tut mit lautem Geschrei seiner Freude über die Partnerin, die nicht jedes Jahr die gleiche sein muss, kund. In einer Art Ringelpiez wird die Erwählte von Baum zu Baum gejagt. Nach der Paarung legt das Weibchen sechs bis acht weiße Eier in die Bruthöhle. Gemeinschaftlich wird auch beim Brüten und Füttern geschafft. „Beide Gatten brüten wechselweise 16 bis 18 Tage lang, das Männchen von zehn Uhr morgens bis drei oder vier Uhr nachmittags, das Weibchen während der übrigen Zeit des Tages; beide erwärmen die zarten Jungen abwechselnd, und beide tragen denselben eifrig Nahrung zu“ , schreibt dazu Brehm. Und weiter: „Die Jungen sind ebenso häßlich wie anderer Spechte Kinder...“ Autsch. Das tut weh und klingt gemein, trifft aber den Nagel auf den Kopf. Denn Nesthocker sind in der Regel keine Schönheiten. Ab Oktober gehen die Jungen eigene Wege, sie haben sich gemausert und sehen inzwischen aus wie die Alten.
Der kräftige Meißelschnabel der Grünspechte ist ein weiteres Multifunktionswerkzeug, mit dem gestochert, gegraben, gehämmert und gepiekst werden kann. Wie bei seinen Verwandten ist der Schnabel mit einer Art Stoßdämpfer versehen, damit der Specht beim Hämmern kein Kopfweh bekommt.
Nur mit Ameisen ist der Grünspecht richtig glücklich
Allerdings klopft der Grünspecht bei weitem nicht so häufig wie der Rest der Familie. Der Grünspecht frisst Würmer, Spinnen und sogar hier und da eine Frucht, doch sein Wohl und Wehe hängt mehr oder weniger an der Verfügbarkeit von Ameisen. Die ist nicht immer gegeben, denn der Vogel bleibt in der Regel auch in der kalten Jahreszeit bei uns.
Nach strengen Wintern, wenn an Ameisen kaum heranzukommen ist, wurden schon Bestandseinbrüche bei den Grünspechten verzeichnet. Liegt der Schnee nicht allzu hoch, dann wühlt und hackt der Vogel sich mehrere Dezimeter durch den harten Boden zu Ameisen vor und räubert. Dann kann er vom Hunger und vom Fieber der Jagd derart gefesselt sein, dass es wohl schon einem Jäger gelungen ist, ihn mit der Hand zu fangen. Das wird zumindest in „Brehms Thierleben“ so geschildert. Rund sieben Jahre kann der Specht alt werden. Das Federkleid der Jungen ist nicht so farbenprächtig wie das der Eltern (Bild).
Ein ausgestopfter Grünspecht soll bei einem bekannten Biologen durchschlagenden Eindruck hinterlassen haben. Das schreibt Dr. Wolfgang Kuhn über den berühmten Naturwissenschaftler Otto Schmeil. Der Name klingt Naturliebhabern in den Ohren, die mit ihrem Bestimmungsbuch „Schmeil-Fitschen“ schon durchs Unterholz gerobbt sind. Anscheinend musste der junge Schmeil seinem Lehrer etwas bringen, wobei sein Blick in dessen überfrachtetem Wohnzimmer auf jenen ausgestopften Vogel fiel. Die Vollkommenheit des Tieres, die perfekte Anpassung an die Lebensweise, die sich in der Anatomie zeigt, prägte demnach Otto Schmeils weiteren Lebensweg.
Der Bestand der Tiere lässt sich nicht einfach erfassen und noch weniger einfach interpretieren. Während in den 90er Jahre einige Bundesländer drastische Abnahmen von bis zu 50 Prozent meldeten, konnten sich wenige andere über eine Zunahme der Anzahl an Grünspechten freuen. Zu schaffen macht den Vögeln unter anderem der Verlust geeigneter Lebensräume. In Deutschland steht die Art daher auf der Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Tierarten.
Tja, da müssen wir uns freuen, solange wir das freche Lachen von Picus viridis noch hören. Und wenn er mich das nächste Mal verspottet kreische ich ihm hinterher: „Nicht schlecht, Herr Specht!“
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
