KW 34 – Kopf ins Wasser und "Flipper" rufen
Liebe Leser,
das Unglaubliche ist geschehen: Ich habe einen Delfin gesehen. In freier Wildbahn und nur wenige Meter entfernt. Das Unausweichliche ist ebenfalls geschehen: Blöde Menschen haben ihn vertrieben.
Palmen wedeln im Wind, als sich der Delfin kraftvoll aus dem türkisblauen Meer katapultiert und uns mit seiner Flosse zuwinkt.
Das ist natürlich erstunken und erlogen. Bis auf das türkisblaue Wasser und die Anwesenheit des Meeressäugers. Der Strand, an dem ich mich herumfläze, besteht aus Kies und Fels. Keine Palmen, sondern Strommasten recken sich an der kroatischen Küste in die Höhe – was der Schönheit der Landschaft keinen Abbruch tut. Süßwasser, das von den Bergen ins Meer stürzt, wird von einer Turbine in unserer kleinen Bucht in Strom verwandelt. Zusätzlich verwässern unterirdische Quellen das salzige Nass und sorgen für knackig kalte Temperaturen beim Badespaß.
An der Grenze zwischen einströmendem Bergwasser aus der Turbine und dem Salzwasser, so scheint es, liegt das Jagdrevier unseres Delfins. Zuerst herrscht ein wenig Verwirrung, ob es sich tatsächlich um einen solchen handelt. So oft sieht man die in Vaihingen nicht. Das erste Mal als er sich zeigt sieht der Rücken des Tieres schwarz aus. Mit dem Handy des Liebsten wird abends stundenlang im Internet nach einer passenden Tierart gesurft. Die Telefonrechnung steht noch aus – Spenden werden gerne entgegengenommen.
Wenige Tage später ist er wieder da, diesmal bei anderen Lichtverhältnissen. Der Körper sieht bei weitem nicht mehr so dunkel aus, eher wie ein schönes Mittelgrau. Und in der Tat könnte es sich um den Delfin gehandelt haben, der laut Recherche am Wahrscheinlichsten für diese Region ist: den Großen Tümmler. „Jeder kennt ihn, den klugen Delfin“, unseren Serienfreund Flipper. Er wurde in den 60er/70er Jahren von diversen Weibchen dieser Tierart gespielt.
Die Serie muss damals auch in Frankreich gelaufen sein. Denn kaum hat ein französisches Elternpärchen den Delfin entdeckt, stürzt zuerst die Frau und dann der Mann ins Wasser, um dem lieben Flipper ganz nahe zu kommen. Das hat zur Folge, dass der graue Bursche an dieser Stelle nicht mehr auftaucht und bei mir die Adrenalinwerte stetig steigen. Blöde Menschen.
Wie reiht sich der Große Tümmler nun ins zoologische System ein? Er gehört, wie wir auch, zur Klasse der Säugetiere. Darin zur Ordnung der Wale, wissenschaftlich Cetacea. Das heißt alle Delfine sind Wale, aber nicht alle Wale sind auch Delfine. Die Gruppierung der Wale spaltet sich in zwei Unterordnungen auf, die Barten- und die Zahnwale. Zu den Bartenwale zählen die größten Lebewesen, die unseren Planeten bevölkern. Der Blauwal beispielsweise bricht mit seinen über 30 Metern Länge und bis zu 200 Tonnen Lebendgewicht alle Rekorde. Mit den Barten filtert er Kleinstgetier aus dem Meer, von dem er sich ernährt.
Die Zahnwale tragen, wer hätte das gedacht, Zähne im Maul und sind Räuber. Zu ihnen gehören große Arten wie der Pottwal und auch die Familie der Delfine, wissenschaftlich Delphinidae. Mit 40 Arten stellen sie die größte Sippschaft unter den Walen. Zu den Delfinen wiederum zählt – Überraschung! – auch der Große Schwertwal.
Delfine haben eine Melone und ein großes Gehirn im Kopf. Bei der Melone handelt es sich um ein fetthaltiges Organ, das eine nicht näher bekannte Funktion bei der Echoortung inne hat. Mit Hilfe von Ultraschallwellen lokalisiert der Räuber vor allem Fische und Tintenfische, die er am reflektierten Schall erkennt. Delfine können aber auch gut sehen.
Die Größe des Gehirns und das pfiffige Verhalten veranlasste viele Forscher dazu, den Tieren eine außerordentliche Intelligenz zu bescheinigen. Andere wiederum vermuten, dass das große Gehirn mit seiner relativ geringen Anzahl von Nervenzellen dem Wärmeverlust im Wasser vorbeugt. Im Klartext: Flipper wäre dann nicht der Prachtkerl unserer Kindertage, sondern vielleicht sogar ein wenig minderbemittelt. Das will doch keiner hören! Denn die Meeressäuger faszinieren die Menschheit schon seit ewigen Zeiten. In der griechischen Mythologie halfen Delfine Menschen und Göttern oder rettete ihnen gar das Leben. Nach wie vor sorgt der Mythos Delfin für leuchtende Augen.
Da nehme ich mich nicht aus. Beim Blick auf die Finne, die Rückenflosse, die sich an der kroatischen Küste zeigt, kriecht allerdings auch das Wort Hai ins Bewusstsein. Aber es war eindeutig, dass das Tier in regelmäßigen Abständen Luft holen muss. Also ein Delfin. Hurra, hurra, hurra! Etwas außergewöhnlich, dieser Einzelgänger, sind Delfine doch in der Regel soziale Wesen, die sich gerne in großen Schulen zusammenfinden. Schon bei der Geburt leisten die eleganten Schwimmer ein kleines Wunder. Nach rund zwölf Monaten kommt ein Junges auf die Welt und zwar mit dem Schwanz zuerst. Dann wird es umgehend von der Mutter an die Wasseroberfläche geschubst, damit der erste Atemzug gelingt. Gruppenmitglieder wachen darüber, dass weder Mutter noch Kind von Raubfischen belästigt werden. Die Kleinen erwartet beim Großen Tümmler, wissenschaftlich Tursiops truncatus, eine durchschnittliche Lebensdauer von 25 Jahren. Die Größe variiert zwischen 1,9 und 4 Meter. Der Bursche in unserer Bucht war recht klein. Geschlafen wird bei den Delfinen sozusagen einseitig.
Delfinmütter schlafen nach der Niederkunft wochenlang gar nicht
Es legt sich immer nur eine Hirnhälfte zur Ruhe, die andere schiebt Wache und sorgt für einen ausreichenden Atemrhythmus. Nach der Geburt ihres Jungen verzichtet die Mutter rund einen Monat lang sogar gänzlich auf den Schlaf, da das Kleine alle Nase lang Luft schnappen muss. Dieser Schlafentzug schadet anscheinend weder Mutter noch Kind.
Die Gefahren für Meeressäuger sind vielfältig und oft vom Menschen verursacht. Plastikmüll, Fischerei und Lärmverseuchung sind Beispiele dafür. Gut ein Viertel der bekannten Wal- und Delfinarten sind laut einer 2008 veröffentlichten Roten Liste der bedrohten Arten vom Aussterben bedroht. In der kroatischen Adria wurde 2006 zwischen den Inseln Cres und Losinj ein Delfinschutzgebiet ausgerufen.
Wir mussten Abschied nehmen von der grauen Attraktion im blauen Meer. In einem Augenblick der Zweisamkeit hat der Delfin mir eine besondere Freude gemacht. Er ist tatsächlich aus dem Wasser gesprungen und mit einem überraschend plumpen Platsch rückwärts wieder darin gelandet. Wie das kam? Ganz einfach: Kopf ins Wasser stecken und „Flipper, Flipper“ rufen – gleich wird er kommen...
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
