Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 31 – Das Weidenröschen


31/07 2009

Das Weidenröschen

Robuste Schönheit: das Weidenröschen. Foto: Rücker
Robuste Schönheit: das Weidenröschen. Foto: Rücker

Liebe Leser,
dieses Pflänzchen verfolgt mich. Jedes Jahr raunt es: „Los jetzt, schreib was über mich!“ Nun ist es an der Zeit, genau das zu tun. Denn dem Weidenröschen gebührt mehr Aufmerksamkeit, als ihm wohl häufig am Wegesrand zukommt.

Falls Pflanzen eingebildet werden könnten, müsste man beim Schmalblättrigen Weidenröschen eine besondere Vorsicht walten lassen. Denn dieses Wildkraut hätte optisch das Zeug zum Vorgartenstar. Mit seinen knalligen, ausgefallenen Blütenständen in luftiger Höhe von bis zu 1,80 Metern fällt es beim Spaziergang auf jeden Fall ins Auge. Also sagen wir mal so. Jeder, der ein wenig Sinn für die Schönheiten der Natur hat, sollte das Weidenröschen schon bewusst wahrgenommen haben.

Fast 200 Arten der Gattung Weidenröschen, wissenschaftlich Epilobium, wurzeln über den Globus verteilt. In unseren Gärten, Wäldern und auf Schutthalden macht sich vor allem das Schmalblättrige Weidenröschen, Epilobium angustifolium, bemerkbar. Weidenröschen gehören botanisch gesehen zur Familie der Nachtkerzengewächse. Zu denen zählen auch unsere gelb blühenden, spektakulär großen Nachtkerzen. Auch die in Balkonkästen beliebten Fuchsien haben den gleichen Familienstammbaum.

Nun aber zurück zum Exemplar auf dem Bild, dem Schmalblättrigen Weidenröschen. Es ist nicht gerade bescheiden, wie es so dasteht in voller Pracht. Mannshoch entfaltet es sich in seiner Blütezeit von Juni bis August. Pinkfarbene Blüten drängen sich an der hochgereckten Traube und locken das Insektenheer. Trotz seiner Herrlichkeit ist es gar nicht wählerisch, dieses Weidenröschen. Hat ein Sturm gewütet oder ein Feuer die Widersacher verbrannt, packt es die Gelegenheit beim Schopf und macht sich auf den kahlen Stellen breit. In Fachkreise wird daher schnörkellos von einem Rohbodenpionier, der sich Ruderalstellen erschließt, gesprochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg eroberte die Pflanze zerbombte Städte, was ihr den Beinamen Trümmerblume einbrachte. Und in Alaska und Kanada heißt sie Fireweed, Feuerkraut, was ihre Vorliebe für unbewachsene, verbrannte Erde hervorhebt. Besonders in Alaska scheint dem Erfindungsgeist des Menschen mit diesem Kraut keine Grenzen gesetzt. Dort gibt es Sirup, Süßigkeiten und sogar Eiscreme mit Fireweed-Geschmack.

Dieses Weidenröschen ziert sogar das Wappen von Yukon im Nordwesten Kanadas, dessen Imker ebenfalls gerne ihre Bienen auf die Nektarpflanze ansetzen. Der Pollen kann anscheinend von blauer Farbe sein.

Beim Weidenröschen handelt es sich um eine mehrjährige Staude, deren Erneuerungsknospen dicht unter der Erde liegen. Um während der Blütezeit eine Selbstbefruchtung zu vermeiden, greift die Blume in die Trickkiste. Sie ist proterandrisch, was bedeutet, dass an einer Blüte zunächst die männlichen Blütenorgane reifen und dann erst die weiblichen. Es war das Weidenröschen, an dem ein gewisser Christian Konrad Sprengel eine aufsehenerregende Entdeckung machte. Man schrieb das Jahr 1790 als Sprengel sich das Schmalblättrige Weidenröschen näher betrachtete. Dabei fiel ihm genau die Tatsache auf, dass die beiden Geschlechter einer Blüte sich nicht gemeinsam entwickeln. Der Gymnasiallehrer und spätere Stadtschuldirektor aus Spandau hatte außerdem beobachtet, dass Zeichen und Farbtupfer, Nektar und Düfte durchweg einem Sinn und Zweck dienten: die Insekten anzulocken und zur Bestäubung zu bewegen. Sprengel veröffentlichte im Jahr 1793 sein Werk „Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen“. Allerdings erntete der Gelehrte zur damaligen Zeit überhaupt keinen Beifall für seine Entdeckungen. Eine derartig zielgerichtete Entwicklung wollte man weder Pflanzen noch Insekten zutrauen. Anscheinend kostete die Liebe zur Botanik den Naturkundler sogar den Posten. Wegen Pflichtvergessenheit entließ man ihn. Im Jahr 1816 starb Sprengel im Alter von 66 Jahren nach wie vor verkannt. Erst Charles Darwin griff das Thema viele Jahre später wieder auf.

Ab August ist es mit der Blütenpracht bei unserem Weidenröschen vorbei und es bildet sich eine Kapselfrucht. In ihr sind winzige Samen mit spektakulären Härchen enthalten. Die Fasern wurden teilweise zur Dochtherstellung benutzt. Die Pflanze profitiert von den Härchen, weil diese den Samen im Wind weit davon tragen können. Außerdem sieht die weiße Faserpracht sehr neckisch aus.

Weidenröschen: Schon lange als Heilkräuter und Nahrungsmittel bekannt

Das Schmalblättrige Weidenröschen und andere Epilobium-Arten sind altbekannte Heilkräuter. Die jungen Blätter finden als Tee oder Rohkost beispielsweise in Salaten Anwendung. Auch junge Triebe und Wurzelausläufer scheinen nicht allzu schlecht zu schmecken, wenn sie als Salat oder Gemüse auf dem Esstisch landen. Bei Prostata- und Nierenleiden findet die Pflanze in der Volksheilkunde Anwendung. „Die chemische Analyse erbrachte eine Fülle von interessanten Inhaltsstoffen ganz unterschiedlicher Struktur“, schreibt Maria Lachinger in ihrer Diplomarbeit mit dem Thema über Inhaltsstoffe von Epilobium-Arten.

Am besten sollte das Kraut in der Apotheke gekauft werden, da die Weidenröschen-Arten gerne auch bastardieren.

Glücklicherweise gilt das Schmalblättrige Weidenröschen in Deutschland als nicht gefährdet und es gibt sogar spezielle Züchtungen, mit denen sich der Hobby-Gärtner seinen Liebling direkt in den Garten holen kann. Der Pflanzenfreund kann auch einfach die Augen aufhalten. Denn irgendein Weidenröschen, und sei es das Kleinblütige, wächst immer irgendwo.

Wer es ganz schlau machen will, der fackelt erst einen Teil seines Grundstückes ab und kann dann auf der verbrannten Erde wunderbar selbst die tolle Pflanze aussäen. Mich trifft dann jedenfalls keine Schuld, denn die Phänomene und ich suchen das Weite und verabschieden uns hiermit in die Sommerpause. Bis in zwei Wochen wieder in alter Frische!

Sabine Rücker


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