Freitag, 10. Februar 2012

KW 30 – Giftiger Dornfinger in Gündelbach?


Das könnte der Ammen-Dornfinger sein. Foto: Thalhäuser
Das könnte der Ammen-Dornfinger sein. Foto: Thalhäuser

Liebe Leser,
haben Sie Probleme mit Spinnen? Also nicht mit Spinnern, die ebenfalls Phobien auslösen können, sondern mit den achtbeinigen Krabblern. Falls das so ist, dann lesen Sie nicht weiter. Es würde nur Ihren Blutdruck in die Höhe treiben. Ein Leser aus Gündelbach hat gemeldet, „die einzige Spinne, die in Deutschland zu den Giftspinnen zählt“, gesehen zu haben.

Da hat mir Rudi Thalhäuser aus Gündelbach ein ganz schönes Ei ins Nest gelegt. Per E-Mail flatterte seine Meldung ins Haus, er habe die Giftspinne am 30. Juni in Gündelbach am Wachtkopf fotografiert. „Ihr Biss ist gefährlich und darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden“, fügt Thalhäuser samt einer Liste der Symptome noch hinzu. Das Foto zeigt ein achtbeiniges Prachtexemplar, das Thalhäuser als Dornfingerspinne identifiziert hat. Im Prinzip eine tolle Sache, wenn die Themen samt Bild frei Haus geliefert werden. Nur: Ist das Tier auf dem Bild wirklich die besagte Spinne?
Um es vorwegzunehmen: Ich bin kein Spinnenexperte. Natürlich hätte ich die Bestimmung der Tierart gerne niet- und nagelfest gehabt. Doch auch das Wälzen von Büchern und das Blättern in Internetseiten brachte keine eindeutige Klärung. Denn bei Spinnen ist es ähnlich schrecklich wie bei Insekten: Häufig sieht eine Art wie die andere aus und eine eindeutige Bestimmung ist nur von Experten oder/und durch das Präparieren irgendwelcher Sexualorgane möglich. Oder aber man müsste das Tierchen direkt vor Augen haben und ein wenig drehen und wenden. Was in diesem Falle nicht unbedingt ratsam wäre.
Insgesamt könnte Rudi Thalhäuser mit seiner Einschätzung der Lage durchaus richtig liegen. Die Spinne ist möglicherweise besagte Ammen-Dornfingerspinne, wissenschaftlich Cheiracanthium punctorium. Und diese Spinne hat in den Medien schon ihre Spuren hinterlassen.
„In der Notaufnahme des Allgemeinen Krankenhauses in Linz seien am Mittwoch 190 Personen mit vermeintlichen Spinnenbissen aufgetaucht“, schrieb „Spiegel-Online“ vor drei Jahren. Österreich war einer Hysterie nahe und auch in der deutschen Presse kursierten Schlagzeilen wie: „Die Invasion der Todesspinnen“. Keine Panik! Jetzt erst mal der Reihe nach. Dieses Tier gehört in der zoologischen Systematik zu den Webspinnen, also zu dem, was der Volksmund als Spinnen bezeichnet. Diese Webspinnen haben üblicherweise eine Giftdrüse an ihren Kieferklauen. Der Knackpunkt ist nun in erster Linie, ob die Spinne mit ihren Beißwerkzeugen die menschliche Haut durchdringen kann. Das gelingt in Deutschland beispielsweise der Wasserspinne, großen Exemplaren der Kreuzspinne und eben einigen Vertretern aus der Gattung Dornfinger.
 Während dem Biss der Kreuzspinne eher die Wirkung von einem Mückenstich habe, besitzt die Wehrhaftigkeit des Ammen-Dornfingers schon eher medizinische Relevanz. Denn der Biss der aufgeschreckten Spinne kann unter anderem folgende Symptome nach sich ziehen: einen Schmerz wie bei einem Bienenstich, Schwellungen, Ausstrahlen der Schmerzen sowie bei kleinen Kindern und Senioren Kreislaufstörungen, im schlimmsten Fall das Absterben von Gewebe.
Was tun beim Biss? Ruhe bewahren. Manche Quellen schreiben kühlen, andere raten davon ab. Auf keinen Fall an der betroffenen Stellen herumschneiden oder -saugen. Ein Besuch beim Arzt kann nicht schaden, sei aber bei Menschen mit einer guten körperlichen Verfassung nicht unbedingt nötig. Wer unsicher ist oder zu allergischen Reaktionen neigt sollte dagegen einen Arzt aufsuchen. Gleiches gilt, wenn die Beschwerden nicht innerhalb von drei Tagen nachlassen. Dauerhafte Schäden oder gar Todesfälle sind laut mehrerer Quellen, zumindest in Deutschland, nicht dokumentiert.
Der Ammen-Dornfinger ist in Baden-Württemberg heimisch. Mittlerweile konnte er von der Roten Liste der bedrohten Tierarten genommen werden und gilt im Ländle als ungefährdet. Besonders die mit ihren 15 Millimetern Körperlänge beeindruckenden Weibchen reagieren gereizt, wenn sie im Juli und August ihre Brut bewachen. In ihrem sogenannten Brutgespinst wacht sie über bis zu 300 Eier mit der Inbrunst einer Übermutter – oder eben einer emsigen Amme, was den Namen erklärt. Selbst die geschlüpften Kleinen werden noch gehütet. Die wärmeliebende Art, die von der Klimaerwärmung profitiert, fühlt sich an sonnigen Standorten besonders wohl. Vor allem in Gräsern und Stauden baut sie in rund 50 Zentimeter Höhe ihre taubeneigroßen Gespinste. Keinesfalls sollte man versuchen, ein solches zu zerstören.
Im Frühherbst stirbt schließlich die Dornfinger-Mutter. Die kleinen Waisen bauen in Bodennähe Überwinterungsgespinste und harren dort bis zum Frühling aus. Beim Heranwachsen häuten sich die Spinnen in eigens gefertigten Ruhegespinsten, in denen sie auch den Tag verbringen. Denn Dornspinnen jagen nachts aktiv ihre Beute. Sie bauen folglich keine Netze, um ihrer Nahrung habhaft zu werden. Im Juli ist es soweit, die Spinnen haben ihre Geschlechtsreife erlangt. Männchen und Weibchen leben nun in einem gemeinsamen Paarungsgespinst, das anfangs durch eine Wand getrennt ist.
Durch die Wand schlüpfen, das Weibchen begatten und sterben
 Dann durchbricht das Männchen die Wand. Es kommt zur Paarung, die in einer Bauch-an-Bauch-Stellung (!) erfolgt, allerdings um 180 Grad versetzt. Mit einem Taster seines Kopfbereichs befüllt das Männchen die Geschlechtsöffnung des Weibchens mit Sperma, nur um kurz darauf zu sterben. Was für ein Tod! Das Weibchen hat noch einige Wochen länger zu leben, aber nach rund einem Jahr ist für beide Geschlechter das irdische Dasein beendet.
Die Aufregung vor rund drei Jahren haben möglicherweise ähnlich aussehende Arten, die Heide-Dornfingerspinne oder Mildes Dornfingerspinne ausgelöst. Das Niederösterreichische Landesmuseum schreibt hierzu: „Die Spinnenhysterie des Jahres 2006 wurde aber mit hoher Wahrscheinlichkeit von Linz ausgehend durch eine andere Art ausgelöst: Cheiracanthium mildei. (...) Die Spinne ist keineswegs milde, sondern nach einem Herrn Milde benannt.“ Auch diese Art soll die Menschenhaut durchbeissen können, was sich ebenfalls wie ein Bienenstich anfühlen kann.
Erstaunlich, was selbst bei uns so kreucht und fleucht. Es schadet nicht, die paar giftigen Arten zu kennen, die bei uns vorkommen. In Zeiten der Urlaubsvorbereitung könnte sich der Reisende mit den Gifttieren des Feriendomizils auseinandersetzen. Dabei daran denken, dass nicht nur an Land, sondern auch im Meer Gefahren lauern. Ich sage nur Portugiesische Galeere, eine quallenähnliche Kolonie von Nesseltieren, die ohne Hirn aber mit viel Gift im Salzwasser unterwegs ist. Bei ihrer Sichtung empfiehlt es sich, das Wasser weiträumig zu meiden. Denn ihr Nesselgift lauert an bis zu 30 Meter langen Fangfäden. Eine zarte Berührung genügt und Atem- oder Herzstillstand drohen. Da sind unsere Spinnen doch vergleichsweise harmlos. Es ist eben doch alles relativ.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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