KW 29 – Wachtelschlag in Aurich gehört
Liebe Leser,
unsere heutige Folge ist ein wenig gewagt. Denn das Tier, um das es jetzt geht, wurde nicht gesehen, sondern lediglich gehört. Die Wachtel bereitet einem selten das Vergnügen, sich zu zeigen. Doch der Ruf des Männchen, der berühmte Wachtelschlag, schallte neulich über Aurichs Dächer.
Raucher haben von ihrem Laster nur einen erkennbaren Vorteil und das auch nur, falls sie auf dem Balkon rauchen: Sie bekommen das eine oder andere Spektakel mit. Im Auricher Sträßle, in dem die Schreiberin draußen kokelt, sind spektakuläre Dinge eher selten. Mal abgesehen von der Beschallung, die aufgrund der topografischen Lage ihren Weg zum heimischen Balkon findet. Abi- und 10er-Feste vom Roy Eagle tragen ebenso unentgeltlich zur Unterhaltung bei wie Rock am Stall in Nussdorf. Je nachdem, woher der Wind weht.
Neulich aber, da mussten die Lasterhaften die Ohren ganz schön spitzen. In der späten Abenddämmerung kam ein merkwürdiger Ruf durch die Lüfte geschwebt. Dass es sich um die Lautäußerung eines Vogels handelte, war eindeutig. Aber welcher, das war die große Frage. An dieser Stelle muss das Internet einmal ausdrücklich gelobt werden. Dort ist es nämlich möglich, Vogelstimmen anzuhören, beispielsweise auf den Seiten der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. Auf diese Weise konnte der Urheber der Strophen identifiziert werden. Es war die Wachtel. Genauer gesagt: Es war ein Wachtelhahn, der seine Existenz in typischer Weise kundtat. Mit einem gurgelnden „pick-bi-bick“, frei übersetzt als „bück’ den Rück’“ überliefert, versucht er, ein Weib zu locken. Die Bauernweisheit, die am vergangenen Samstag unsere zweite Lokalseite zierte, handelte auch von der Wachtel und ihrem Ruf: „Im Juli ruft die Wachtel die Schnitter in das Feld.“ Soll heißen: die Erntezeit hat begonnen.
Mit nur rund 18 Zentimeter ist das Hühnervögelchen nicht einmal so groß wie eine Amsel. Mit diesen Ausmaßen gilt die Wachtel als kleinster mitteleuropäischer Vertreter der Hühnervögel und ist eng mit dem Rebhuhn verwandt. Wissenschaftlich heißt die Wachtel Coturnix coturnix, was irgendwie an die geliebten Asterix-Hefte der Jugend erinnert. Und es scheint, als hüte die Wachtel ihren Lebenswandel nahezu perfekt. Besonders über die kleine Henne ist nicht viel mehr bekannt als über die Lebewelt der Tiefsee. Vorausgesetzt wir reden hier von wildlebenden Tieren. Denn verschiedene Arten der Wachtel werden gezüchtet, beispielsweise die Japan Wachtel. Unterschiedliche Zuchtformen legen dabei wert auf Fleischproduktion oder das Liefern vieler Eier. Wachteleier gelten mancherorts sogar als Heilmittel. Leider scheint auch bei Zucht-Wachteln die Haltung in engen Käfig nicht unüblich zu sein.
Nun aber wieder zu unserer heimischen Wachtel und dazu nochmal eine gewagte Aussage. Vor vielen Jahren habe ich sie vermutlich schon einmal gesehen. Nur ganz kurz. Beim Spaziergang erhob sich plötzlich ein kleiner, runder Federball, um dann mit schnellem Schlag der dreieckig wirkenden Flügeln zu verschwinden.
Die wilde Wachtel könnte als Steppenvogel bezeichnet werden, der in weiten Teilen Europas, Afrikas und Asien beheimatet ist. „Die Wachtel ist ein Vogel mit eigentümlichen Partnerschafts- und Zugverhältnissen“, schreibt die Schweizerische Vogelwarte. Unter diesen kleinen Hühnervögeln gibt es Kurz-, Mittel- und Langstreckenzieher. Der plumpe Körperbau darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die Wachtel auf ihren weiten Reisen ins afrikanische Winterquartier nonstop das Mittelmeer überfliegen könne, schreibt der Arbeitskreis Göttinger Ornithologen. Wachteln überwintern im Mittelmeerraum oder südlich der Sahelzone. In Sachen Fortpflanzung lassen sich die Vögel ebenfalls in kein Schema pressen. Paare können sich anscheinend im Überwinterungsgebiet zusammentun oder erst bei der Wanderung finden.
Wachteln scheinen ein liberales Völkchen zu sein. Während manche in monogamer Einehe leben, scharen andere viele Partner um sich. Vom Hahn mit vielen Hennen wird ebenso berichtet wie von der Henne mit vielen Hähnen. Doch wenn’s ernst wird, sind die Weibchen anscheinend auf sich gestellt: Brüten und die Aufzucht der Jungen fällt in ihre Pflichten. Da das Brutgeschäft vermutlich häufig schon bei der Wanderung in nördliche Gefilde beginnt, „hinken“ die Weibchen den Männchen hinterher. „Wenn ein Männchen bei uns aus einem etwas verunkrauteten Acker oder aus einer Blumenwiese seinen typischen, dreisilbigen pick-bi-bick-Ruf erschallen lässt, bedeutet dies deshalb noch keinesfalls, dass dort auch tatsächlich eine Brut stattfinden wird“, schlussfolgern daher die Schweizer Vogelkundler.
Von Mai bis September ist die Wachtel bei uns in Baden-Württemberg zu Gast. Hier liebt sie die extensiv genutzte Kulturlandschaft, Getreide- und Kleefelder und brachliegende Wiesen. Samen der Wildkräuter und der Ackerpflanzen sind ihre Hauptnahrung, zur Brutzeit verschmäht sie auch kleine Krabbeltiere nicht. Für ihr Nest scharrt die Mini-Henne eine Kuhle in den Boden, polstert diese ein wenig mit Pflanzenmaterial aus und legt dann bis zu 14 Eier. Nun rehabilitiert folgende Aussage den Wachtelhahn wiederum: Die Henne brüte eisern, „während der Hahn in der Nähe wacht“. Das schreibt das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg in der Broschüre „Im Porträt – die Arten der EU-Vogelschutzrichtlinie“. Die Schätzungen des Bestands seien wegen der starken Schwankungen schwierig, dürften im Ländle aber bei 1000 bis 3000 Revierhähnen liegen.
Die Wachtel hat es bei uns nicht leicht. Intensivierung der Landwirtschaft, starke Düngung und Biozideinsatz machen ihr das Leben schwer. Zu allem Überfluss wittern die Göttinger Ornithologen neue Gefahren für die Bodenbrüter: Das Zweikulturen-Nutzungssystem, bei dem bereits ab Ende Mai Grünroggen abgeerntet und für Biogasanlagen siliert wird. Danach erfolgt die Aussaat von Mais. „Das Zweikulturen-Nutzungssystem verursacht das komplette Scheitern aller Bruten von Agrarvögeln“, mahnt der Arbeitskreis der Göttinger Ornithologen.
Stilisierte Wachtelküken als Schriftzeichen der alten Ägypter
Besonders bedauerlich ist zudem, dass der Wachtel in Mittelmeerländern nach wie vor von Jägern nachgestellt wird. In Deutschland zählt der Vogel zwar zu den jagdbaren Arten, hat allerdings keine Jagdzeit. Der Erhalt kleinstrukturierter Kulturlandschaft, die Wiederherstellung größerer Ackerrandstreifen und Ruderalflächen könnten der Wachtel in deutschen Gefilden schon erheblich helfen, heißt es in oben genannter Broschüre des Ministeriums. Wenn es ganz traurig kommt, erfüllt nur Ludwig van Beethovens Wachtelschlag noch die Luft:
„Ach! mir schallt's dorten so lieblich
hervor: Fürchte Gott, fürchte Gott!
Ruft mir die Wachtel ins Ohr.
Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt,
Mahnt sie dem Horcher am Saatengefild:
Liebe Gott, liebe Gott!
Er ist so gütig, so mild...“
Schon im alten Ägypten wurden Wachteln und ihre Eier als Delikatesse geschätzt. Dem Wachtelküken wurde eine Hieroglyphe widmeten. Der Jungvogel mit dem hochgereckten Kopf steht für die Laute W und U im ägyptischen Alphabet. Neben der Wachtel und dem Rebhuhn huscht noch der ebenfalls sehr ähnlich aussehende Wachtelkönig durch die Vegetation am Boden. Allerdings ist dieser Bursche in seinem Bestand sehr gefährdet und systematisch nicht näher mit der Wachtel verwandt.
Die Spinatwachtel dagegen ist als Kulturfolger nicht vom Aussterben bedroht und mitunter durchaus gesellig. Sie sollte aber aus Gründen des Selbstschutzes gemieden werden.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail unter s.ruecker@vkz.de