Liebe Leser,
wer sich ihr zur richtigen Zeit und mit wachen Sinnen nähert, wird große Augen machen. Zur Blütezeit zeugt das Summen unzähliger Insekten und ein typischer Blütenduft von der Attraktivität der Linde. Gibt es überhaupt etwas Schöneres als einen Lindenbaum? Schon seit Jahrhunderten ist besonders die Geschichte der Deutschen eng mit dem Laubbaum verwoben.
Damit es bei den Phänomenen der Natur mal nicht bei grauer Theorie bleibt, hier der Vorschlag für einen Selbstversuch: Stellen Sie sich an einem sonnigen Tag unter eine blühende Linde, sperren Sie Ohren und Nase auf und erleben Sie Ihr blaues Wunder.
Die Laubbäume aus der Gattung Tilia, Linden, geizen offensichtlich weder mit Leckereien für die Insekten noch mit ätherischen Ölen für einen betörenden Duft. Alte Lindenbäume sind für Baumliebhaber allein durch ihren spektakulären Wuchs eine Attraktion. Auch auf Vaihinger Markung finden sich glücklicherweise einige Hochbetagte dieser Gattung. Das Exemplar an der Franckstraße in der Kernstadt trägt sogar den Titel Naturdenkmal.
Zur Gattung Tilia zählen rund 50 Arten, die in Nordamerika und Eurasien beheimatet sind. In deutschen Wälder und Städten sind hier und da Sommer- und Winterlinde zu finden. Geschlechtsreif werden die Bäume im „Babyalter“ von 20 bis 30 Jahren. Richtig alt sind die Gehölze erst viel später. Anscheinend können sie um die 1000 Jahre alt werden. Der Volksmund sagt, dass die Linde „300 Jahr komme, 300 Jahre stehe und 300 Jahre vergehe“. Das Höhenwachstum der Bäume ist nach rund 180 Jahren abgeschlossen. Doch in die Breite können die Riesen nach wie vor gehen. Auch bei mir hat das Höhenwachstum schon lange aufgehört. Beim Dickenwachstum sieht die Sache anders aus...
Der Baum macht es dem botanisch Interessierten nicht immer leicht, denn die Arten neigen zur Bastardisierung, sind formenreich und bilden geografische Rassen. Beide Lindenarten sind fest verankert in der Erde, sie gelten aufgrund ihres kräftigen Wurzelwerkes als sturmfest.
Die Sommerlinde, wissenschaftlich Tilia platyphyllos, blüht in unseren Breiten als erste der Lindenarten ab Juni. Bis zu 40 Meter kann sie sich in Richtung Himmel recken. Die Blüten der Sommerlinde bilden üppig Nektar und enthalten Schleimstoffe und das ätherische Öl Farnesol. Dessen maiglöckchenartiger Duft betört, die Substanz findet unter anderem Anwendung in der Kosmetikindustrie. Ihre Blätter sind größer als die der Winterlinde und sie besitzt unten an den Blattnerven eine helle Behaarung, auch Achselbärte genannt. Achselbärte gibt es auch beim Menschen. Seit einigen Jahren fallen diese häufig dem Rasierer zu Opfer. In der ihnen eigenen, stoischen Ruhe kennen die Linden derlei Anwandlungen nicht. Sollen doch sogar winzige Milben in den Härchen leben, die die Linde vor so manchem Schädling schützt. Auch die Winterlinde, Tilia cordata, lässt ihre Härchen sprießen. Dort sind die Achselbärte an der Blattunterseite, passend zur dunklen Jahreszeit des Namens, bräunlich. Die Winterlinde blüht von Juli bis August.
Die Tierwelt schätzt die Bäume außerordentlich, gibt es dort doch allerhand zu holen. Ein reichliches Nektarangebot freut Bienen ebenso wie Imker und landet als Lindenblütenhonig auf unserem Tisch. Läuse laben sich ebenfalls an der Linde. Sie saugen den Pflanzensaft und scheiden eine süße, klebrige Flüssigkeit aus. Autofahrer kennen die klebrige Masse meist als winzige Tropfen von der Oberfläche ihres Fahrzeugs. Dieses „Läusepippi“, Honigtau genannt, wird ebenfalls von Bienen gesammelt. Honig, der Honigtauanteile enthält, heißt Lindenhonig.
Er ist eine „sehr süße Honigsorte mit einem fruchtigen Geschmack. Die Farbe ist grünlich-weiß bis gelblich oder dunkelbraun je nach dem Verhältnis der Nektar- und Honigtauanteile. Reiner Lindennektarhonig ist weiß. Der Geruch kann kräftig sein und an Menthol erinnern“, schreiben hierzu die „Honigmacher“ auf ihrer Internetseite.
Eine Vielzahl weiterer Insekten tummelt sich am und im Baum, was wiederum deren Jäger entzückt – allen voran Vögel und hier und da mal eine Fledermaus.
In manchen Jahren kann der aufmerksame Spaziergänger im Hochsommer durch einen Haufen Hummel-Leichen unter Linden aufgeschreckt werden. Der Verdacht, die Ursache für das Massensterben zu sein, fiel zunächst auf die Bäume. Es handelte sich ausschließlich um Silber- und Krimlinden. Diese beiden Lindenarten sind bei uns nicht heimisch, wurden aber gerne aufgrund ihrer Robustheit als Straßen- und Alleenbäume gepflanzt. Das Hummelsterben führte dazu, dass sogar die Forderung laut wurde, die vermeintlich tötlichen Bäume abzuholzen. Es wurde vermutet, dass diese spätblühenden Linden eine für die Hummeln giftige Zuckerart enthalte. Doch Experimente bestätigten diese Hypothese nicht. Mittlerweile geht man davon aus, dass die Hummeln sozusagen vor dem gedeckten Tisch der Linden den Hungertod sterben. Die beiden Lindenarten blühen zwei bis vier Wochen nach Sommer- und Winterlinde.
„Zum Blühzeitpunkt der Silberlinde ist das sonstige Nektarangebot sehr gering. Man kann also annehmen, dass viele Hummeln während dieses Nektarlochs bereits so stark geschwächt sind, dass sie bei Entdeckung der Linden bereits für die Nahrungsaufnahme zu schwach sind“, schreibt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu).
Hauptgrund für das Hummelsterben sei also der Nektarmangel im Hochsommer, ausgelöst durch immer steriler werdende Gärten und Grünanlagen und die weitere Ausräumung der freien Landschaft, so der Nabu weiter. Nektarreiche, wilde Blütenpflanzen, häufig als Unkraut abgetan, sollten daher wieder in unseren Gärten und Parks Einzug erhalten, fordert der Nabu.
Und nicht nur die Tierwelt, auch der Mensch ist der Linde von Alters her zugetan. Kaum ein Dorf, das nicht schon im Mittelalter seine Linde im Zentrum hatte. Die Linde war Treffpunkt für Jung und Alt. Dort wurde gefeiert, getanzt und Gericht gehalten. In mittelalterlichen Urkunden als „judicum sub tilia“ bezeichnet.
Die Tanzlinde dagegen war ein starker Baum, dessen Hauptäste in Jahrzehnten zu waagerechten Astkränzen geformt wurden. Auf diese Astkränze legte man Bretter, brachte Geländer und Leitern an und stützte das Ganze mit Pfosten ab. Dort wurde der Tanzboden montiert. Die Menschen stellten sich vor, dass sich unten Dämone und Unholde tummeln, während über ihnen die Götter residieren. Rund 70 Prozent aller alten Linden Europas seien in Deutschland zu finden, sagt Michel Brunner. Der Fotograf und Lindenexperte hat jetzt ein Buch mit Bildern der 400 ältesten und schönsten Linden zusammengestellt. In 1100 Ortsnamen hat er den Namen Linde entdeckt. Um sehr alte Bäume ranken sich tolle Geschichten. Bei betagten Exemplaren verfaule das Kernholz, der Stamm wird hohl. Diese Hohlräume sollen schon Räubern und unwilligen Bräuten auf der Flucht Unterschlupf gewährt haben.
Auch in Liedern wie vom Minnesänger Walther von der Vogelweide und in zahlreichen Gedichten wird die Verbindung zwischen Liebe und Linde immer wieder deutlich.
Und Goethe verbrachte Überlieferungen zufolge selige Stunden unter einem jungen Lindenbaum mit Friederike Brion, einer Pfarrerstochter aus Sessenheim. Ihnen wünsche ich, gelinde gesagt, etliche schöne Stunden in Gasthäusern „Zur Linde“, im Lindenhof, beim Lindenfest, womöglich mit Lindenbräu. Falls Sie den Lindwurm sichten, ein schlangenähnliches Fabelwesen, sollten Sie sich nach Hause begeben. Dort verspricht Lindenblütentee die erhoffte Linderung.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de