KW 26 – Das Große Mausohr hängt in Maulbronn
Liebe Leser,
alte Gemäuer haben’s in sich. Huschen längst verstorbene Burgfräulein und Ritter durch die Gänge? Verbergen sich Gebeine von Gepeinigten im Verließ? Dass im Kloster Maulbronn eine Wochenstube mit 800 Fledermäusen existiert – das zumindest ist Fakt.
Toc – toc – toc – toc, toc, toctoctoc. Ein Grüppchen steht im Dunkeln des Klosterhofs und lauscht. Noch eine Stunde bis Mitternacht. Prominent erheben sich die historischen Gebäude in den Maulbronner Nachthimmel. Bald wird das Objekt der Begierde zu sehen sein. „Achtung“, raunt Klaus Timmerberg, Anführer der Gruppe. Alle Blicke schnellen nach oben. Wolken ziehen über die Kulisse hinweg. Und dann, für den Bruchteil einer Sekunde, zeigt sie sich. Die Fledermaus, Jäger der Nacht. Mit schnellem Flügelschlag schwirrt sie ihrer Beute entgegen. Selten zu hören, kaum zu sehen.
Nur der „Bat-Detektor“, den Timmerberg in den Händen hält, hilft den menschlichen Ohren mit seinem „Toctoctoc“ auf die Sprünge. Das Gerät wandelt Ultraschalllaute der Flieger in hörbare Töne um. Bei der Fledermaus, die soeben über die Köpfe flitzt, handelt es sich um das Große Mausohr, wissenschaftlich Myotis myotis. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 43 Zentimetern unsere größte heimische Fledermaus.
Es ist die erste Schicht der Tiere aus einem großen Dachstock, die sich in dieser Nacht blicken lässt. Denn die Weibchen der Fledermäuse, wissenschaftlich Microchiroptera – „kleine Handflügler“ – haben eine besondere Strategie entwickelt. Sie gründen Wochenstuben, in denen sie dicht an dicht ihre Jungen gebären. In Maulbronn befindet sich mit rund 800 Weibchen eine der großen Wochenstuben. Beim Großen Mausohr fliegen die Mütter im Schichtbetrieb aus, erläutert Diplom-Geograph Timmerberg. Als Naturparkführer im Stromberg-Heuchelberg bietet der Fledermausexperte regelmäßig Wanderungen rund um das alte Zisterzienserkloster an. In der Wochenstube geht es sehr sozial zu: Die geflügelten Mütter, die sich als erste im Dunkel der Nacht auf den Weg machen, schieben ihr Junges ihrer Nachbarin zu. Diese hütet so lange, bis nach einigen Stunden Schichtwechsel ist. Dann geben sie das Kind wieder zurück und ihr eigenes für die Zeit der Jagd dazu. „Die Tiere erkennen sich am Geruch“, sagt Timmerberg. In Maulbronn finden die Fleischfresser noch das, was sie brauchen: Alte Gebäude, die Platz für die Wochenstuben bieten. Eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, in der die Jagd stattfindet. Die kalte Jahreszeit verbringen die Tiere in Winterquartieren wie Höhlen, möglicherweise auf der Schwäbischen Alb.
Die Geburt eines kleinen Großen Mausohrs Anfang Juni ist für die Mutter ein „echter Trapezakt“, schreibt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Normalerweise hängen sich die Tiere locker und lässig mit den Füßen auf, der Kopf baumelt nach unten. Auch tote Fledermäuse bleiben in die Stellung hängen, da es sich hierbei um ein passives Festhalten ohne Muskelanspannung handelt. Kurz vor der Niederkunft sucht die Gebärende einen etwas von der Kolonie abgelegen Ort auf und hängt sich hier mit ihren Daumenkrallen, die sich am Flügel befindet, fest. Die Neugeborenen gleiten sanft in die Schwanzflughaut und sind nur durch die Nabelschnur gesichert. Die Jungen sind zunächst nackt und blind. Sofort krabbeln sie am Bauchfell der Mutter nach oben, um zu den Milchzitzen zu gelangen. Die Männchen des Großen Mausohrs treiben sich während der Sommermonate als Einzelgänger herum und suchen in Baumhöhlen oder anderen Dachböden ein Quartier.
Bei der Jagd zeigt das Große Mausohr eine ausgesprochene Vorliebe für dicke, fette Käfer. „Schon im 19. Jahrhundert erkannten Forstleute die Bedeutung der Mausohren im biologischen Gleichgewicht“ , schreibt der Nabu. Rund 40 Eichenwickler oder Maikäfer kann ein Mausohr pro Nacht verspeisen. Mausohren kriechen mit Hilfe der Daumenkralle sogar behände am Boden, wenn sie einem Laufkäfer nachstellen.
Fledermäuse sind neben den Flughunden die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können. Die Augen der Fledermaus sind ja bekanntlich ihre Ohren und die Hände ihre Flügel. Zwar können Fledermäuse, die mit rund 900 Arten auf dem Globus vertreten sind, sehen. Die Orientierung im Raum und das Finden der Beute wird allerdings mit Ultraschallortung bewältigt. Im Kehlkopf erzeugt das Tier dabei den hochfrequenten Laut, dessen Echo in den Fledermausohren landet. Timmerberg: „Um zu sehen, müssen sie schreien.“ Wie gut, dass der Lärm, der mitunter die Lautstärke eines Presslufthammers annehmen kann, normalerweise oberhalb unseres Hörbereichs liegt. Aber vor allem junge Leute können die eine oder andere Fledermausfrequenz auch ohne technische Hilfe hören. Anhand des Echos macht sich die Fledermaus schließlich ein Bild ihrer Umwelt.
Rund zehn Arten schwirren in und um das Kloster Maulbronn, berichtet Naturparkführer Timmerberg. In Deutschland sind es laut Nabu 23. Alle Arten sind streng geschützt. Und gerade dieser strenge Schutz und die Sorge um quasi jedes einzelne Tier lässt einige Lücken im Wissen um die nächtlichen Jäger klaffen. Eine Beringung sei nicht so einfach wie bei Vögeln und die Forscher seien daher auch recht zurückhaltend, sagt Timmerberg. Daher sei vieles im Leben der Flattermänner noch unbekannt. Vor kurzem ist Klaus Timmerberg mit einem Kollegen wieder in den Dachstock gestiegen, um die Mausohren zu zählen (ein Bild der Maulbronner Wochestube finden Sie in der Internet-Ausgabe der VKZ unter Serien/Phänomene der Natur). Einige der Weibchen hätten auch schon ihr meist einziges Junges geboren. Aber insgesamt treibt die diesjährige Situation dem Maulbronner Fledermausfreund Kummerfalten auf die Stirn. „Es gibt in diesem Jahr zu wenig Insekten“, sagt Timmerberg. Eine Folge des kalten Winters. Das führt dazu, dass einige Fledermäuse sogar tagsüber jagen.
Im Herbst werden die Maulbronner Mausohren das Klosterareal verlassen und in Richtung Winterquartier ziehen. Dort fallen sie in eine Winterschlaflethargie, bei der die Vitalfunktionen auf ein Minimum reduziert sind.
Fledermausweibchen sind erst mal nur fast schwanger
Die Paarung findet vom Spätsommer bis in den Winter hinein statt, doch das Weibchen ist anschließend noch nicht ganz aber fast schwanger. Denn sie bunkert das Sperma in ihrem Körper bis die Zeit reif für die Befruchtung im Frühjahr ist. Nach rund 60 Tagen Tragzeit flutscht anschließend wieder ein kleiner Flieger in die Schwanzflughaut. Der Zeitpunkt der Befruchtung hängt unter anderem von den Außenbedingungen wie Klima und Nahrungsangebot ab. Im Frühjahr fliegen die Mausohren wieder zu ihren Sommerquartieren.
Fledermäuse können in Gefangenschaft über 20 Jahre alt werden. In der freien Natur liegt die Lebenserwartung im Durchschnitt bei vier bis fünf Jahren. „Fledermäuse brauchen Freunde“, sagt Klaus Timmerberg eindringlich zum Grüppchen Fledermausinteressierter. Geeignete Dachböden werden immer seltener. Ebenso alte Baume mit Höhlen und Nachtinsekten. Die Gefahren, die der moderne Mensch mit sich bringt, sind zahlreich. Teilweise leiden Fledermäuse immer noch unter ihrem schlechten Ruf: Dracula und der Teufel wurden seit jeher mit ihnen in Verbindung gebracht. Doch Timmerberg weiß auch Erfreuliches zu berichten. Bei der Königsegger Walder-Bräu AG hatten sich Fledermäuse zum Überwintern im Braukeller eingefunden. Die Brauer überließen den abseits gelegenen Bierkeller den Tieren und hatten eine zündende Idee für eine ganz besondere Biersorte: das „Flattermann Spezial“ war geboren. Ein „kräftiges Spezialbier, bei der mit jeder verkauften Flasche die Fledermausgruppe des BUND Ravensburg unterstützt wird“. Trinken für den guten Zweck, sozusagen. 330 Milliliter pro Mehrwegtransfusion.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
