KW 25 – Schöne Frühe Adonislibelle
Liebe Leser,
die Wesen, um die es heute geht, fallen nicht besonders auf. Sie sind zwar knallrot und fliegen mitunter recht zahlreich in unseren Gärten herum. Trotzdem bleibt die Frühe Adonislibelle häufig unentdeckt.
„Die Paarung bietet keine Besonderheiten“, heißt es im Kosmos-Libellenführer zur Frühen Adonislibelle. Was für eine Untertreibung! Immerhin greift das Männchen sein Libellenweibchen bei der Paarung mit den Hinterleibszangen hinter dessen Kopf. In Libellenkreisen ist diese sogenannte Tandemstellung aber in der Tat nichts Außergewöhnliches. Die Weibchen zeigen sodann ihr akrobatisches Können beim Liebesspiel. Sie biegen ihren Hinterleib weit nach vorne zum Samenbehälter ihres Männchens. In dieser Stellung, dem Paarungsrad, können die Liebenden sogar herumfliegen.
Die Frühe Adonislibelle, wissenschaftlich Pyrrhosoma nymphula, hat als erwachsenes, flugfähiges Tier nur einige Wochen Lebenszeit vor sich. Diese widmet sie vor allem der Fleischeslust und der Eiablage. Nach der Paarung bleiben die Partner noch zusammen und das Männchen wacht in Tandemstellung eifersüchtig über sein Weibchen. Die hinterm Kopf Gepackte taucht beim Ablegen der Eier an Pflanzen im Gewässer teilweise ganz in das kühle Nass ein. Genauer gesagt sticht die rote Kleinlibelle mit einem kurzen Legestachel die Pflanze an und legt dann ihre Eier in diese Wunde.
Erstaunlich an dieser Libelle ist, dass sie häufig einfach übersehen wird. Obwohl sie ein leuchtend rotes Flugobjekt ist - wenn man sie einmal wahrgenommen hat. Sie ist aber auch ausgesprochen zart gebaut und weilt gerne in der Vegetation. Immerhin gehört die Frühe Adonislibelle zur Familie der Schlanklibellen und macht ihrer Sippe somit alle Ehre. Zur zoologischen Ordnung der Libellen gehören durchaus auch große Brummer, zum Beispiel ein Insekt mit dem faszinierenden wissenschaftlichen Namen Anax imperator. Klingt das nicht sagenhaft? Nach Kraft und Sieg, nach römischem Imperium und Stolz. Wie gut, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, seinen Sohn Anax imperator zu nennen. Obwohl...
Jedenfalls ist auch der deutsche Name dieser feisten Libelle beeindruckend: Große Königslibelle. Sie macht ihrem Namen alle Ehre, wenn sie wie ein blauer Blitz über das Gewässer saust. Unübersehbar, schnell und ein grandioser, kaum zu bremsender Jäger der Lüfte. Diese Königslibelle gehört zur Unterordnung der Großlibellen. Die zarte Adonislibelle und ihre Familie, die Schlanklibellen, reihen sich in die Unterordnung der Kleinlibellen ein. Und diese sind nun einmal zart, zerbrechlich und meistens blau – farblich betrachtet. Ihre Schönheit erschließt sich nur bei genauer Betrachtung.
Leider haben Libellen, egal ob groß oder klein, bei manchen Menschen keinen guten Ruf. Die Angst vor einem Stich sitzt bei einigen noch tief. Völlig zu unrecht. Libellen stechen nicht.
Bei der Sichtung von Libellen kann der Mensch also in hemmungslose Freude ausbrechen. Libellen gelten als Indikatororganismen. Viele Arten sind an gewisse Gewässertypen gebunden. Ändern sich die Parameter des Biotoptyps, dann verschwinden auch die Spezialisten unter den Tieren auf Nimmerwiedersehen. Es gibt beispielsweise die Liebhaber saurer Moorgewässer, sauberer Quell- oder dynamischer Fließgewässer. Und in Allerweltstümpel finden sich ebenfalls allerlei Arten der agilen Insekten. 81 Libellen-Arten fliegen noch in Deutschland, allesamt besonders geschützt und die meisten davon gefährdet. Allen gemeinsam ist die feuchte Kinderstube, denn für die Eiablage und das Larvenstadium ist Wasser unabdingbar.
Die Frühe Adonislibelle ist nicht ganz so heikel in Sachen Gewässer, findet sich sogar an meinem kleinen Gartenteich ein und gilt in ihrem Bestand als nicht gefährdet. Sie ist, wie ihr Name schon andeutet, eine der frühen Arten. Sie gehört zu den wenigen Libellen, die sich ab April aus ihrer kalten Wiege wagen und in die Lüfte schwingen. Doch zuvor hat die Libellenlarve zwischen einem und drei Jahren Entwicklungszeit im Gewässer hinter sich. Drei Blättchen am Hinterleib, die von einem feinen Röhrensystem durchzogen sind, unterstützen die Atmung und Fortbewegung der Larve. Doch den Löwenanteil des nötigen Sauerstoffs atmen die Libellenlarven mit ihrem Darm.
Ich finde das toll. Stellen Sie sich vor, in einem unpassenden Augenblick entfleucht Ihrem Darm ein Wind. Womöglich mit Ton. Schauen Sie Zeugen dieser Peinlichkeit direkt ins Gesicht und sagen Sie laut und deutlich: „Ich bin ein Darm-Atmer.“ Das hat einen Touch von John F. Kennedys: „Ich bin ein Berliner“ und klingt wichtig. Zweiflern tragen Sie sodann den Lebenszyklus der Odonata (Libellen) vor, am besten gespickt mit vielen Fremdwörtern. Denken Sie aber daran, ihre Zuhörer bei dieser Verschleierungsaktion aus dem Dunstkreis ihres Pupses zu locken. Dann kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen. Eingelullt von wissenschaftlichem Gefasel hat Ihr Publikum die Ursache des Vortrags schon längst vergessen.
Jedenfalls krabbelt die Larve der Frühen Adonislibelle, die wie das geflügelte Insekt ein gewiefter Jäger ist, irgendwann in Richtung Luft. Die Atemlöcher der Brust, die in die Tracheen führen, haben sich dann geöffnet und spätestens jetzt würde bei dem Tier auch die Ausrede mit der Darmatmung nicht mehr greifen. Die Larve pumpt nun ihre Körperflüssigkeit in die Brust. Die Außenhülle reißt und bleibt letztendlich als so genannte Exuvie an dem Schlupfort zurück. Das Insekt quält sich aus der zu klein gewordenen Chitinhaut und lässt sich „aushärten“. Bald danach beginnt die Suche nach einem attraktiven Partner.
Der Name Adonislibelle zielt übrigens nicht auf die Schönheit des Männchens, sondern auf die Farbe der Libellen ab: leuchtend rot wie ein Sommer-Adonisröschen.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
