KW 24 – Keine Angst vorm Wollschweber
Liebe Leser,
heute geht’s um Insekten, die einigen Menschen Schweißperlen auf die Stirn treiben. Schuld daran: Lautes Gebrumm und ein langer Rüssel, der bedrohlich aus dem behaarten Körper ragt. Dabei sind die fetten Brummer ganz harmlos. Für uns jedenfalls.
Verfolgt, um nicht zu sagen bedroht, fühlte sich eine Auricherin, als laut brummende Insekten ihre Terrasse bevölkerten. Dabei stellte sich nach einem kurzen Gespräch heraus, dass sie sich vor Wollschwebern gefürchtet hatte. Völlig harmlos – für uns Menschen.
Wollschweber werden auch Hummelfliegen, Hummelschweber oder Trauerschweber genannt. Sie gehören, trotz ihres wolligen Aussehens, nicht zur näheren Verwandtschaft von Hummel, Biene und Co. Vielmehr reiht sich die Familie Wollschweber in die Ordnung der Zweiflügler ein, zu denen beispielsweise auch die Schmeißfliegen gehören. Weltweit sind mehrere Tausend Arten der skurrilen Geschöpfe bekannt, in Deutschland dagegen nur knapp über 30. Mit ihrem unter Umständen langen Rüssel saugen die adulten Fliegen Nektar. Sie stellen folglich keine Gefahr dar. Bedrohlich sind die Wollschweber allerdings für andere Insekten. Denn die Vermehrung der Fliegen mit dem tollen Haarwuchs erfolgt häufig parasitisch, wobei die Kinderstube anderer Insekten ausgeräubert wird.
Das Bild unten war ein Glückstreffer. Es war noch früh im Jahr und das Insekt schon aktiv. An jenem Morgen war es aber lausig kalt. Folglich saß der außergewöhnliche Brummer mangels Außenwärme bewegungslos herum. Hervorragende Bedingungen für ein Porträt. Im Grunde handelt es sich bei den Schwebern aber um Kinder der Wärme. Sobald ihnen die Sonne auf den Pelz scheint, brummen sie los. Laut hörbar fegen sie durch die Luft, die Vorder- und Mittelbeine nach vorne, die Hinterbeine nach hinten geklappt. Abrupt machen sie vor einer einladenden Blüte Halt. Dann stehen sie wie ein Kolibri in der Luft, den langen Rüssel in den süßen Nektar getaucht, um alsbald mit eckigen Flugmanövern wieder das Weite zu suchen.
Der wissenschaftliche Name der Familie, Bombyliidae, erinnert ebenso wie der Trivialname an die Gattung der Hummeln, wissenschaftlich Bombus. In der Tat sehen viele Vertreter des Clans aus wie eine Art Kolibri-Hummeln. Beispielsweise das Exemplar auf dem Bild, bei dem es sich vermutlich um den Großen Wollschweber, Bombylius major, handelt. Sie saugen mit dem langen Rüssel im Flug stehend an Blüten Nektar. Den Männchen wird nachgesagt, dass sie ihre Lieblingssitzplätze verteidigen, an denen sie Ausschau nach Weibchen halten. Nach der Paarung wird aus dem harmlosen Flieger ein durchtriebenes Biest. Denn das Weibchen nimmt zunächst ein Sandbad. Dadurch bleiben Sandkörner am Hinterkörper haften. Danach lässt die werdende Mutter ihre Eier im Rüttelflug fallen – ein todbringendes Bombardement für die Wirtstiere, an denen sich der Hummelschweber-Nachwuchs bald laben wird. Der Ablageort befindet sich vorzugsweise in unmittelbarer Nähe zur Kinderstube von Solitärbienen und Grabwespen. Nach dem Schlupf aus dem Ei dringen die Larven aktiv in die Wirtsnester ein, vertilgen dort zunächst die Vorräte, um anschließend die fremden Larven zu vespern. Die Überwinterung erfolgt als Puppe, ab März schlüpfen die jungen Wollschweber. Die Elterngeneration hat dann schon das Zeitliche gesegnet. Der Große Wollschweber gilt als häufig, die Flugzeit reicht bis in den Juni.
Schon allein der Namen rechtfertigt die Erwähnung einer anderen Art der Wollschweber. Sie heißt Hottentottenfliege, wissenschaftliche ähnlich spektakulär: Villa hottentotta. Hottentotten war eine abwertende Bezeichnung für einen afrikanischen Volksstamm. Wieso der braunbehaarte Schweber mit dem eher kurzen Rüssel und der neckischen Ringelung so heißt, bleibt ein Rätsel. Vielleicht weil sie bei ihren Opfern Chaos und Verderben verbreitet. Der Nachwuchs der Hottentottenfliege entwickelt sich in Schmetterlings-Raupen und verlässt diese bei deren Verpuppung. Statt knackig frischer Schmetterlinge hinterlassen die Hottentottenfliegen ein Bild des Schreckens. Leergefressene, zerstörte Puppen.
Einen ebenso spektakulären Namen hat Anthrax anthrax. „Da war doch was...?“, werden Sie nun vielleicht denken. Richtig. Anthrax bezeichnet auch den gefürchteten Milzbrand. Anthrax ist aber auch die griechische Bezeichnung für Kohle. Dann wiederum passt sie auch zum Insekt. Es handelt sich nämlich um einen Trauerschweber, der fast komplett schwarz ist wie Kohle. Hier behält das Weibchen Stellen im Auge, an denen der Wirt, die Rote Mauerbiene, ihre Eier ablegen könnte. Kleine Gänge im Holz sind gerne die Kinderstube dieser Biene. Stellt der weibliche Trauerschweber fest, dass Eier in einem Holzgang liegen, so tupft auch er den Hinterleib in Bohrmehl oder Sand, bevor die Eier im Flug abgeworfen werden. Ob dieses Verhalten der Tarnung oder dem UV-Schutz der Eier dient, ist nicht geklärt. Die Larven suchen wieder aktiv ihre Opfer. Zunächst ernährt sich die Larve des Trauerschwebers vom Futterkuchen der Bienenlarve und häutet sich zu einer fußlosen Made.
Nach dieser vegetarischen Phase parasitiert sie die Bienenlarve auf die übliche Weise: Zunächst wird diese nur leicht verletzt und der Parasit ernährt sich von den austretenden Körpersäften. Wirt und Parasit überwintern in derselben Zelle. Trotz ihrer Schwächung spinnt die Bienenlarve noch einen Kokon und hat auch noch die Chance, sich zu verpuppen. Welch grausig Schicksal. Der Bienennachwuchs sitzt mit seinem Peiniger auf Gedeih und Verderb fest.
Schließlich saugt die Trauerschweber-Larve die Bienenpuppe vollständig aus und verpuppt sich nun selbst im Bienenkokon. Pfui, wie gemein aber auch. Mehr dazu auf den Internetseiten von www.arthopods.de.
Fast schon wieder versöhnlich wirkt dagegen, wenn Wollschweber als sogenannte Hyperparasiten auftreten. Dann machen sie nämlich Primärparasiten den Garaus, also Organismen, die ihrerseits an anderen Arten parasitieren. Das klingt nicht ganz so wüst. Außerdem sollen Wollschweber eine wichtige Rolle bei der Begrenzung von Wüstenheuschrecken-Populationen in Afrika spielen.
Wer das Flugspekatkel im Internet bewundern möchte, kann unter Youtube beispielsweise „Wollschweber“ eingeben. Dann heißt’s: zurücklehnen und die Flugshow genießen. Oder, noch besser: einfach mal rausgehen und Wollschweber suchen.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de.
