Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 22 – Ich wollt', ich wär' ein Molch


Prächtiger Bursche: ein Teichmolchmännchen. Foto: Spaans
Prächtiger Bursche: ein Teichmolchmännchen. Foto: Spaans

Liebe Leser,
ich wollt', ich wär' ein Molch. Ja, ehrlich! Männchen würden sich um mich scharen und wilde Balztänze vollführen. Ich könnte meinen Nachwuchs an Pflanzen platzieren und mich dann aus dem Staub machen. Und falls mir mal irgendwelche Körperteile abhanden kommen, könnte ich die einfach nachwachsen lassen.

Möglich, dass ich diese Episode schon einmal erwähnt habe. Dann müssen Sie mir verzeihen, aber es war einfach zu schön: In einer Fahrrinne im dunklen Wald hatte sich Wasser gesammelt. Jungstudentin Rücker wandelte vor vielen, vielen, vielen Jahren durch den Frühlingswald, als ihr Blick auf den Tümpel neben dem Waldweg fällt. Und was sieht sie da? Liebestolle Molche! Ein Spektakel erster Güte. Schon damals fasste ich insgeheim den Entschluss, ein Molch zu werden...
Ich glaube, es handelte sich um Teichmolche. Die Männchen dieser Schwanzlurche schachern ab März um die Gunst der Weibchen. Die zu den Amphibien gehörenden Wesen befinden sich dann den Sommer über in ihrer aquatischen Phase, in der sie sich im Gewässer tummeln. Und sie tragen in dieser Zeit dick mit ihrem Aussehen auf: Die bis zu elf Zentimeter langen Tiere legen eine Wassertracht an, in der besonders die Männchen richtig was hermachen. Sie entwickeln einen gewellten Kamm, der vom   Rücken  bis über  den Schwanz  verläuft. Auch die Farben werden knalliger. Bauch und der untere Schwanzsaum färben sich orange, die dunklen Tupfen des Körpers sind ausgeprägter als in der Landtracht. Wie so oft verblassen die Weibchen neben den Herren in ihrem eher erdfarbenen Körperkleid.
Hat nun ein derart aufgebrezeltes Männchen im Wasser ein Weibchen entdeckt, legt es sich richtig ins Zeug. Zunächst wird die Auserwählte ausgiebig beschnüffelt, dann baut sich der Molch auf Freiersfüßen quer vor seiner Liebsten auf. Zeigt diese sich nicht ganz abgeneigt, klappt der Molchmann seinen Schwanz ein und fächelt Duftstoffe in Richtung Weibchen. Es wird eine Weile gewedelt und gebalzt, bis das Weibchen mit einem Nasenstupser seine Einwilligung gibt. Daraufhin setzt der Molch ein Spermienpaket am Gewässergrund ab und geleitet die Dame zu selbigem. Die Molchfrau nimmt die Spermien mit ihrer Kloake auf, die Befruchtung der Eier findet im Körperinneren statt. Einige Tage nach dieser Hochzeit legt das Weibchen bis zu 300 Eier in die nasse Kinderstube ab. Dabei gibt sie sich beachtlich viel Mühe, denn die Eier werden mit den Hinterfüßen einzeln an Pflanzen eingewickelt. Danach ist der Nachwuchs allerdings sich selbst überlassen.
Je nach Wassertemperatur schlüpfen die kleinen Larven nach Tagen oder Wochen und entwickeln recht schnell Vorderbeine und Kiemen, die nach außen ragen. Die Miniatur-Räuber durchlaufen nach ungefähr drei Monaten eine Metamorphose. Durch diese Umwandlung rüsten sie sich für den Landgang. Die Atmung der Molche erfolgt zu einem großen Teil über die Haut und nach dem „Einschmelzen“ der Kiemen auch über Mundschleimhaut und Lunge. Im Normalfall ziehen die Jungtiere mit den Erwachsenen ab Juli an Land, wo sie sich als Kulturfolger auch in naturnahen Gärten wohlfühlen. Übrigens nicht nur an Land leisten die Tierchen uns Gesellschaft. Leser Albrecht Hüeber aus Vaihingen kann sich beispielsweise über die unterhaltsamen Amphibien im Gartenteich freuen. Insgesamt sind Teichmolche nicht sonderlich anspruchsvoll: ein Tümpel oder Weiher, ein wenig Sonne hier und da und hübsche Verstecke für den Landgang lassen das Amphibienherz schon höher schlagen. Sobald sie sich auf terrestrisches Gebiet wagen, rüsten sie ihren Köper dafür um, beispielsweise mit einer derben Haut.
Teichmolche ernähren im Wasser und an Land von tierischer Kost. An Land sind sie hauptsächlich nachts zugange, dann müssen Regenwürmer, Insekten und andere Krabbler dran glauben. Im Alter von zirka drei Jahren sind die Tiere in der Regel geschlechtsreif. Manche bleiben aber auch Zeit ihres Lebens in der Larvalphase stecken und können sich trotzdem fortpflanzen. Ein weiterer Grund dafür, ein Molch werden zu wollen: die ewige Jugend! Dieses als Neotenie bezeichnete Phänomen hat den mexikanischen Schwanzlurch Axolotl berühmt gemacht.
Den Winter verbringen die Teichmolche, die fast ganz Europa und Vorderasien besiedeln, in unseren Breiten in frostsicheren Verstecken. Einige scheinen aber auch im Gewässer zu bleiben. Als Molch ist eben nichts unmöglich. Er soll sogar eine Stimme haben: Wenn er unsanft gepackt wird, stößt der Molch quakende Laute aus.
Wie alle Amphibien ist der Teichmolch, wissenschaftlich Triturus vulgaris, geschützt und steht in Baden-Württemberg auf der Vorwarnliste der Roten Liste der gefährdeten Tierarten. Denn der kleine Molch hat viele Feinde. Obwohl er in Gefangenschaft zehn Jahre oder sogar deutlich älter werden kann, haucht er in der Natur häufig vorzeitig sein Leben aus. Schon die Larven sind bei anderen Fleischfressern beliebt und auch die adulten Tiere lassen vielen Jägern das Wasser im Mund zusammenlaufen. Nicht zuletzt sorgt der Mensch für eine Dezimierung: Straßenverkehr, Ausräumung der Landschaft, Fischbesatz in Gewässern, Umweltverschmutzung, all das mag der Molch gar nicht.

Da hilft ihm auch die sagenhafte Regenerationsfähigkeit nicht weiter. So fragte die Zeitschrift Geo kürzlich in einer Ausgabe, ob der Molch wohl als Leitbild der Medizin von morgen dienen könnte. Beine, den Schwanz und sogar Teile des Auges oder Kiefers lassen die Amphibien bei Verlust einfach wieder wachsen. Nach einer schweren Schädigung des Herzens fackelt der Molch nicht lange und bildet Herzgewebe nach. Ursache dafür scheinen keine Stammzellen zu sein, sondern eine Dedifferenzierung von Körperzellen, fanden Forscher vom Max-Planck-Institut in Bad Nauheim heraus. Eine feine Sache, die auch höheren Wirbeltieren nicht schaden würde. Stellen Sie sich doch mal vor, was man damit alles anfangen könnte. Mal abgesehen vom medizinischen Bereich, rein kosmetisch betrachtet. Faltencremes ade! In Deutschland tummeln sich, außer dem Teichmolch, noch drei weitere Molcharten: der Kamm-, der Faden- und der Bergmolch.
Wie gesagt: Das Leben als Molch-Frau hätte etwas Verlockendes. Diese balzenden Männchen und so... Betrachtet man allerdings die Lebenserwartung der Molche, dann wäre ich schon mehrfach tot. Auch irgendwie blöd. Also hoffe ich lieber auf ein paar Molche für meinen Mini-Teich.
 Bis diese dorthin einwandern übe ich im Enztalbad, um in meine aquatische Phase zu kommen. Das kann ja nicht schaden. Frei nach dem Motto:
Schwimm lustig wie der Molch im Teich,
denn du bist schon an Falten reich,
der Sport, der wird die Haut schön glätten,
und dich womöglich auch entfetten.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


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