Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 21 – Invasion der Distelfalter


Ein Distelfalter unter vielen. Foto: Molthan
Ein Distelfalter unter vielen. Foto: Molthan

Liebe Leser,
in den letzten Tagen konnte es einem draußen manchmal  unheimlich werden. Unmengen von Schmetterlingen umschwirrten den irritierten Spaziergänger im Vaihinger Raum. Auch die Naturschutzverbände Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sind aus dem Häuschen. Grund für die Euphorie ist der Distelfalter. Also nicht ein Distelfalter, sondern Massen von Faltern. Eine Falter-invasion.

Da drehe ich doch neulich in Aurich meine Runde und sehe mich plötzlich von Faltern umringt. Die Schmetterlinge vollführen wilde Jagden, gaukeln hier- und dorthin und drängeln sich auf einem Hundehaufen am Wegesrand. An Fäkalien, egal von wem, tanken Schmetterlinge gerne auf. Mit ihrem Rüssel saugen sie salzhaltige Flüssigkeit aus der Masse. Eine willkommene Ergänzung zur sonstigen Nahrung, dem Blütennektar.
Sie sehen nicht sonderlich spektakulär aus, diese Distelfalter. Mit einer Flügelspannweite von rund fünf Zentimetern sind sie weder besonders groß noch extrem klein. Ihre Zeichnung ist ein Mix aus Schwarz, Orange und Weiß und ebenfalls nicht extraordinär. Viele Exemplare sind, wenn wir sie zu Gesicht bekommen, sogar schon richtig abgenutzt. Im Fachjargon „abgeflogen“ genannt. Und das hat seinen guten Grund: Die zarten Insekten wandern, was das Zeug hält. Zwar nicht auf Schusters Rappen, dafür aber mit ihren kleinen Flügelchen. Einzelne Tiere sollen es auf eine zurückgelegte Strecke von 2000 Kilometern bringen. Da darf man schon mal bissle zerrupft aussehen.
Auch diese Tatsache dürfte die Naturschützer an und für sich noch nicht aus der Fassung bringen, da sich die Wanderung jedes Jahr wiederholt. Was BUND und Nabu nahezu ekstatisch werden lässt, sind die Massen, die gerade einfliegen. Immer wieder einmal können solche Massenwanderungen beobachtet werden. Tagfalter-Beobachter Volker Molthan vom BUND im Enzkreis spricht von „ungewöhnlich großen Schwärmen von Millionen von Distelfaltern, die aus ihren Überwinterunsgebieten in Nordafrika und Spanien“ auf ihrem Weg in die Sommerhabitate in Mittel- und Nordeuropa sind.
Falterfreunde aus Spanien und Südfrankreich hätten erstmals vor vier bis fünf Wochen unübersehbare Schwärme aus Marokko registriert. Mitte April hätten sich Hunderttausende der Falter in Katalonien auf einer Autobahn niedergelassen. Ausruhen und Wärme tanken wollten die Schmetterlinge, verwirrten dabei aber die Autofahrer nicht unerheblich und fanden massenweise den Tod unter den Rädern und an Windschutzscheiben.
Wieso die Distelfalter überhaupt wandern, erklärt Jürgen Hensle, Deutschland-Koordinator des europaweiten Wanderfaltermonitorings: „Der Distelfalter ist ein Saisonwanderer erster Ordnung. Er ist der Wanderfalter schlechthin. Er verträgt fast keinen Frost und kann auch nicht inaktiv überwintern. Daher zieht er sich im Herbst in südlichere Breiten zurück. Im für Europa relevanten Bereich, in die Regionen im äußersten Süden Europas und nach Nordafrika nördlich und südlich der Sahara. Da nördlich der Sahara schon im Frühjahr die Nahrungspflanzen der Falter wie der Raupen vertrocknen, wandert er von hier aus ab Februar oder März nordwärts, erreicht erst das Mittelmeergebiet und, meist ab etwa Ende April, auch Mitteleuropa. Falter, die zu uns einfliegen, sind oftmals total abgeflogen, das sind dann Tiere, die direkt aus Nordafrika oder auch den Kanarischen Inseln eingewandert sind.
Besser erhaltene, zuweilen scheinbar fast frische Tiere, kamen aus Südfrankreich, Norditalien und Nordwestkroatien. Andere Falter fliegen weiter nordwärts bis Skandinavien und Island. Die Einwanderung ist jahrweise sehr unterschiedlich stark. In manchen Jahren bleibt sie fast vollständig aus, beziehungsweise erreicht nur noch Südeuropa, in anderen fliegt der Falter in ungeheuren Massen bis weit in den Norden. Die Einwanderung ist Ende Juni größtenteils abgeschlossen. Der Distelfalter bildet dann hier eine ab etwa Ende Juni bis Mitte August schlüpfende Generation aus, die sich bereits wieder zum größten Teil aus Norddeutschland und Skandinavien zurückzieht. Soweit bekannt ist, erreicht die Südwanderung in diesem Zeitraum nur das südliche Mitteleuropa, eventuell auch noch die Gebirge des nördlichen Südeuropas.
In warmen Jahren wandern auch aus den wärmeren Lagen des südlichen Mitteleuropas im Juli viele Falter in etwas höher gelegene und/oder feuchtere Regionen ab. Ab Ende August schlüpft die zweite Nachfolgegeneration der Einwanderer, die dann fast vollständig nach Südeuropa abwandert. Schon Anfang Oktober sind meist nur noch wenige Einzelfalter zu sehen. Ganz vereinzelt können Ende Oktober noch einmal einzelne frische Exemplare beobachtet werden. Möglich, dass dies Nachkommen skandinavischer Tiere sind, welche im August nur bis Mitteleuropa zurückgeflogen waren. In Jahren mit besonders warmem Herbst wie 2006 können aber auch Falter der zweiten Nachkommensgeneration der Einwanderer in Mitteleuropa noch einmal Eier ablegen. Dann sieht man deren Nachkommen zuweilen noch im November oder gar Dezember.“
Wanderung als Schutz vor todbringenden Schmarotzern?
Wahrscheinlich, so Hensle weiter, dient die ständige Abwanderung auch dem Schutz vor Parasitoiden. Über die genauen Details des Wanderverhaltens sei insgesamt jedoch noch sehr wenig bekannt. „Durch genaue Beobachtung des Verhaltens kann hier gerade auch der Laie noch viel zur Erforschung des Distelfalters beitragen!“, ermuntert Jürgen Hensle. Im Internet unter www.falterfunde.de können Sichtungen gemeldet werden.
Die Raupen des Distelfalters, wissenschaftlich Vanessa cardui, finden sich in Mitteleuropa von Mai bis August, selten bis Oktober. Die Raupe ist nicht wählerisch. Neben Disteln frisst sie auch an Brennnesseln, Flockenblume, und einer Fülle anderer Pflanzen. „Wenn sich die Raupen bei Massenvermehrungen gegenseitig die Nahrungspflanzen wegfressen, können sie zuweilen in Gärten und auf Feldern schädlich werden. Sie fressen dann notfalls auch an völlig untypischen Nahrungspflanzen, wie beispielsweise Möhren, Klee oder gar Bohnen“, so Hensle weiter.
Der Distelfalter ist ein Bewohner offener Landstriche. Im Frühjahr legen die Einwanderer ihre Eier vorzugsweise im offenen Gelände ab. Im Sommer werden hingegen gerne etwas kühlere, feuchtere und schattigere Stellen bevorzugt. Dies können Waldränder oder sehr breite Waldwege sein, wie auch Feuchtwiesen und Hochstaudenfluren.
Auch die Mitarbeiter des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung sind von den Wanderlfaltermassen angetan: „Spannend ist es für die Beobachter in diesem Jahr, die weitere Entwicklung des Distelfalters, aber auch anderer Arten, mitzuverfolgen: Werden sich die geschwächten Bestände des Kleinen Fuchses wieder erholen oder registrieren wir gerade einen generellen Rückgang dieser Art, die doch eigentlich in jedem Garten anzutreffen war? Konnten Arten wie der Trauermantel, der es kühl und feucht bevorzugt, von dem letzten kalten Winter profitieren? Werden sich die Nachfahren der eingewanderten Distelfalter bei uns gut entwickeln können und werden wir dann zum Ende des Sommers wieder einen Massenflug dieser nächsten Generation zurück Richtung Süden beobachten?“
 Freuen wir uns über diese tierische Invasion und hoffen, dass sich die anderen Schmetterlinge auch bald aus der Deckung wagen.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail unter s.ruecker@vkz.de



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