KW 20 – Zum Kuckuck nochmal!
Liebe Leser,
„Geldbeutel schütteln“ , ruft die Kollegin, als der virtuelle Kuckucksruf aus dem Computer durch die Redaktion schallt. Im Bartenberg-Wald in Kleinglattbach legte sich neulich ein echtes Exemplar mächtig ins Zeug.
Fast lautlos bewegen sich die Läufer durch den Wald im Bartenberg. Genau so, wie Trainer Heiner Bayha es der Gruppe beigebracht hat: Auf dem Ballen aufkommen, leise, locker und lächelnd. „Kuckuck...Kuckuck...Kuckuck“, ruft’s aus der Höhe, als Bayha die Läufer mit Dehnungsübungen quält. „KuckuckKuckuckKuckuck.“ Der Vogel im Geäst gerät in Rage. Sinngemäß entfährt Bayha etwas wie „der verlebt’s nimmer lang“. Dies geschah letzte Woche.
Bei der aufdringlichen Beschallung drängen sich Fragen auf: Rufen nur die Männchen oder auch die Weibchen des Kuckucks? Wurden schon Eier gelegt? Seit wann ist der Kuckuck wieder im Lande? Den bis zu 36 Zentimeter großen Kuckuck kennt zwar jeder, aber bei den Details sieht’s dagegen finster aus. Eins wird aber an diesem Abend deutlich: der Kuckuck, wissenschaftlich Cuculus canorus, hat einen hohen Unterhaltungswert.
Ja, ja, der Kuckuck. Im letzten Jahr war er Vogel des Jahres und das bedeutet meistens nichts Gutes. In der Regel werden gefährdete Arten mit dem Titel des Jahreswesens gekürt. Unser Kuckuck aus der gleichnamigen Familie mit rund 130 Vertretern weltweit ist der einzige Vertreter seiner Sippe in Mitteleuropa. Die anderen Vögel der Familie der Kuckucke heißen beispielsweise Hopfkuckuck, Häherkuckuck oder Gelbschnabelkuckuck. Unser Kuckuck heißt nur Kuckuck. Er hat es nicht leicht bei uns. Seit den 60er Jahren ist in Deutschland ein Bestandsrückgang zu verzeichnen. Die Ursachen hierfür sind mannigfaltig und gehen von der Intensivierung der Landwirtschaft, über einen Rückgang der Wirtsvögel bis hin zu Verlusten auf seinem Flug ins Überwinterungsgebiet. Rund um Vaihingen lässt er sich hier und da noch hören. Es sind die Kuckucksmännchen, die mit dem lauten Ruf auf sich aufmerksam machen. Ab Ende April, Anfang Mai ist der Sommervogel aus seinem Winterquartier im tropischen Afrika zu uns zurückgekehrt. Die Strecke wird größtenteils nachts überwunden.
Nach der Ankunft werden die lockeren Reviere von mehreren Kuckucken besetzt. Der einprägsame Kuckucksruf der Männchen dient in erster Linie dazu, ein flottes Weibchen zu beeindrucken. Bei Annäherung einer Kuckucksdame kann sich der Vogel dabei durchaus in Ekstase rufen, die Abfolge der Rufe wird immer schneller. Ist die Angebetete in Sicht, legt sich das Männchen mächtig ins Zeug. Mitunter werden Mitbringsel wie Zweige und Raupen präsentiert. Sobald die Liebste ganz nahe ist, wiegt sich das Männchen mit stolz erhobenem Schwanz hin und her. Das beeindruckt Weibchen sicherlich ungemein. Nach der Kopulation ist dann aber auch schon Schluss mit romantischen Einlagen. Bei dieser Vogelart geht es nicht um ein lebenslanges Beziehungsgeflecht, sondern um schnellen Sex und anschließenden Betrug. Das Pärchen macht sich nämlich nicht die Mühe, selbst ein Nest zu bauen. Vielmehr handelt es sich bei unserem Kuckuck um einen Brutparasiten, der seine Eier arglosen Singvögeln unterjubelt.
Dabei arbeiten die Kuckuckseltern als Team. Trotz eifriger Recherche konnte aber leider nicht ganz geklärt werden, wie sich das Geschehen genau abspielt. Dass die rund 100 Wirts-Vogelarten in der Regel wesentlich kleiner sind als der Schmarotzer scheint dagegen klar. Rotschwänze, Teichrohrsänger, Grasmücken und sogar die kleinen Zaunkönige, alle werden vom Kuckuck als Adoptiveltern missbraucht. In einigen Quellen wird behauptet, dass die Kuckuckseier den Eiern ihrer Wirte ausgesprochen ähnlich sehen. Die Funktionsweise dieser Ei-Mimikry sei erst seit wenigen Jahren bekannt: Eine Kombination aus Prägung des Jungvogels an den Wirtsvogel und Vererbung. Das Gen, das für die Ausprägung der Eier, werde vom Männchen vererbt. Andere Quellen tendieren eher zu der Meinung, nach der die Kuckuckseier mit ihrem Aussehen den Eiern mehrerer Singvogelarten ähnlich seien. Wie dem auch sei: Nicht alle Wirtseltern fallen auf den Bluff herein. Einige verlassen die Brut und bauen ein neues Nest. Andere schmeißen den Fremdkörper einfach raus. Tschechische Wissenschaftler fanden heraus, dass die Eier für Menschenaugen zwar relativ gleich aussehen. Im ultravioletten Licht unterscheiden sie sich aber voneinander, die Vögel können das sehen und den Übeltäter entfernen.
Die Kuckucksdame sorgt vor und legt mehr Wert auf Masse statt Klasse. Sie vagabundiert in der Gegend herum, paart sich hier und dort mit diversen Kuckucks-Männchen. Bis zu 25 Eier verteilt sie mit dieser Taktik in verschiedene Nester. Und zwar nachdem ihr Kurzzeitpartner bei einem geeigneten Nest eine Scheinattacke auf die fleißigen Eltern startet.
Spätestens in diesem Moment zahlt es sich aus, das der Kuckuck einem Greifvogel nicht unähnlich ist. Währenddessen legt das Kuckucksweibchen innerhalb von Sekunden ein Ei in das fremde Nest und verleibt sich gerne noch ein Ei der Wirtsvögel ein.
Richtig gemein wird’s, sobald der Kuckucks-Nachwuchs nach rund zwölf Tagen schlüpft. Er schaufelt mit brachialer Gewalt die anderen Eier und Jungvögel aus dem Nest, indem er sie mit dem Rücken über Bord hievt. Füttern lässt sich der junge Schmarotzer von seinen viel kleineren Pflegeeltern. Diese lassen sich durch Schlüsselreize wie den leuchtend orangeroten Rachen des jungen Kuckucks über dessen merkwürdiges Aussehen hinwegtäuschen. Durch einen zarten Gesang, der noch einige Geschwister vermuten lässt, foppt das Kuckucksküken seine Zieheltern zusätzlich. Es kommt so in den Genuss zusätzlicher tierischer Nahrung. Vor allem Raupen stehen auf dem Speiseplan des Kuckucks. Ein Grund für ihn, im Winter ins ferne Afrika zu ziehen. Doch wenn er zurückkommt, erwischen ihn die Auswirkungen des Klimawandels kalt. Denn die Singvögel, auf die er für sein Brutgeschäft angewiesen ist, brüten immer früher. Der Langstreckenzieher verpasst dadurch oft den richtigen Zeitpunkt für sein Täuschungsmanöver und guckt in die Röhre.
Der Kuckuck braucht artenreiche und vielfältige Lebensräume. Wo diese verschwinden, wird auch der Kuckuck über kurz oder lang nicht mehr rufen. Auch der Einsatz von Pestiziden wirkt sich negativ auf den Bestand des Insektenfressers aus. Dabei ist er im Volksglauben schon lange allgegenwärtig. „Hol’s der Kuckuck“, oder „scher dich zum Kuckuck“ ist seit dem 16. Jahrhundert geläufig und zielt auf die Verbindung des Vogels mit dem Teufel. Dass der Geldbeutel nie leer wird, sobald man ihn schüttelt wenn der Kuckuck ruft, versteht sich von selbst. Ob der Vogel im Bartenberg seine Ekstase überlebt hat, ist nicht bekannt. Aber in Aurich habe ich ihn dieses Jahr noch nicht gehört. Traurig, traurig – nicht zuletzt für meinen Geldbeutel.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker @vkz.de.
