KW 19 – Schöner Plagegeist Blauregen
Liebe Leser,
sie ist eine teuflische Schönheit. Sie zickt und strahlt, würgt und umgarnt. Die Pflanze mit der blauen Blütenpracht, der Blauregen, verschlägt einem zurzeit mit ihrem Aussehen die Sprache. Auch dem Hobby-Gärtner bleibt hin und wieder die Spucke weg, wenn er an die Liane denkt – sowohl aus Freude als auch aus Wut.
Der Blauregen erzieht den Gärtner zu Geduld, soll ein geplagter Blumenliebhaber einmal gesagt haben. Bei dem ostasiatischen Blühwunder handelt es sich um eine sehr eigenwillige Pflanze. Viele treibt sie in den Wahnsinn, weil sie jahrelang nicht blüht. Andere quält sie mit ihrer Unbändigkeit. Alles wird umschlungen, zerquetscht und gesprengt. Sie braucht eine starke Hand, die ihrem wuchernden Grün entgegentritt. Der Glückliche wird für seine Mühen entschädigt: Zu Tausenden hängen blau-violette, rosa oder auch weiße Blüten an dem Gehölz. Wie dicke Regentropfen, die der Schwerkraft gerade noch trotzen. Der Blauregen, auch Wisteria, Glyzine oder Glyzinie genannt, ist nicht unbedingt etwas für unsere Phänomene der Natur, in denen vor allem heimische Wesen beleuchtet werden. Aber das Rankgewächs ist in diesem Jahr derart schön, dass man bei seinem Anblick fast weinen muss.
Der wissenschaftliche Name Wisteria der Pflanzen ist eine Hommage an den amerikanischen Arzt Caspar Wistar (1761-1818). Sein Freund, der Botaniker Thomas Nuttall, benannte 1818 die Pflanzengattung nach ihm. Hätte sich nicht irgendwann einmal ein Schreibfehler in die botanische Nomenklatur eingeschlichen, würde der Gattungsname Wistaria lauten. Zehn Arten der Wisteria gibt es weltweit, sind in Ostasien und im Osten der USA verbreitet. Ihre typischen Blüten mit großer Fahne und dem Schiffchen zeichnen sie als Vertreter der großen Familie der Hülsenfrüchtler bzw. Schmetterlingsblütler aus. An unseren Häusern und Carports hangeln sich vor allem die asiatischen Vertreter empor. Der Japanische Blauregen, Wisteria floribunda, erreichte im Jahr 1830 Europa. In ihrer Heimat wächst die Liane an Flussufern und in feuchten Wäldern. Manche Quellen geben für den Japanischen Blauregen ein Alter von 1000 Jahren an, andere nur ein Höchstalter von 50 Jahren. Der Japanische Blauregen kann von seiner chinesischen Schwester mit dem Namen Wisteria sinensis an der Winderichtung unterschieden werden. Von oben betrachtet schlingt der Japaner rechtsherum, also im Uhrzeigersinn. Die chinesische Verwandtschaft umschlingt ihre Kletterhilfe gegen den Uhrzeigersinn.
Der Japanische Blauregen kann bis zu zwölf Meter hoch klettern. Im Mai/Juni öffnet er seine violettblauen, duftenden Blüten an bis zu 30 Zentimeter langen Trauben. Dem Liebhaber stehen einige Sorten zur Auswahl, zum Beispiel die stark duftende „Caroline“. Was das Herz des Gartenbesitzers hierzulande höher schlagen lässt, ruft im Südosten der USA die Behörden auf den Plan. Denn dort gilt der Exot inzwischen als invasive Art, die Bäume würgt und das Land erobert. Das Southeast Exotic Pest Plant Council beklagt, dass der japanische Einwanderer mit dichten Beständen die dort heimische Flora und Fauna verdrängen kann. Die Bekämpfung wird erschwert, weil die im Südosten Amerikas heimische Arten der Wisteria dem Eindringling ähnlich sehen und sich zu allem Überfluss noch mit ihm verbastardisieren.
Der Chinesische Blauregen erreichte im Jahr 1816 zum ersten Mal europäischen Boden. Anscheinend wurde ein englischer Kapitän namens Welbank von einem wohlhabenden chinesischen Händler zum Essen eingeladen. Das Mahl fand unter einem blühenden Chinesischen Blauregen statt. Der beeindruckte Kapitän ließ sich Sämlinge mitgeben, die er nach seiner Rückkehr seinem Freund Charles Hampden Turner überreichte. In dessen Gärten trieb die Aufzucht und Pflege der Pflanze wohl auch schon den Gärtner in den Wahnsinn. Zunächst wurde die Pflanze im Gewächshaus für die Pfirsiche kultiviert. Dort war es ihr zu warm, die Temperatur wurde reduziert. Später wurde sie umgesetzt und verlor alle Blätter. Letztendlich, nach langem Hin und Her, hatte es die Pflanze aber geschafft und eroberte von England aus Europa.
Auch heute noch strapaziert der Blauregen gerne mal die Nerven seiner Menschen. Besonders aus Samen gezogene Wisterien lassen mitunter viele Jahre auf die erste Blüte warten. Am verlässlichsten erfreuen veredelte Pflanzen, die im Ballen gekauft werden, ihren neuen Besitzer. Die Wuchskraft der Lianen ist berüchtigt. An einem sonnigen Plätzchen in neutraler Erde kann es zu einem explosionsartigen Wachstum kommen.
„Grüne Krake“ kann die Regenrinne zerquetschen
Die Triebe der „grünen Krake“ suchen in einem Umkreis von rund einem Meter nach einer Rankhilfe. Regenrinnen oder zarte Bäumchen, die ihr in die Quere kommen, werden vom Dickenwachstum des Gehölzes zerquetscht. Wer Glück hat, dessen Blauregen blüht üppig und nicht erst nach Jahren. Und dessen Exemplar begnügt sich mit „nur“ einem bis zwei Rückschnitten pro Jahr. Möglicherweise zeigen sich sogar im Sommer nochmals Blüten. Wer Pech hat, der kämpft mit seiner Wisteria, um deren Zerstörungskraft einzudämmen, ohne dafür mit Blüten belohnt zu werden.
Auch die Experten der Sendung Grünzeug des SWR wissen um die Problematik: „Wenn man den Blauregen zu wenig schneidet, dann blüht er kaum und verliert vollkommen seine Form.“ Beste Zeit für einen solchen Rückschnitt ist etwa zwei Monate nach der Hauptblüte, also mitten im Sommer. Die zu langen Triebe sollen auf 30 bis 40 Zentimeter zurückgeschnitten werden, im Winter wird nochmals auf vier bis fünf Augen nachgekürzt.
Zahllose Blüten werden nicht nur vom Gärtner, sondern auch von Insekten begrüßt. Diese sorgen für die Bestäubung, wodurch schließlich bohnenähnliche Hülsenfrüchte entstehen. Deren Samen sind, wie die gesamte Pflanze, giftig. Besondere Vorsicht gilt daher, wenn Kinder in die Nähe der verlockenden Pflanze kommen. Gleiches gilt übrigens für den Goldregen, der der gleichen Pflanzenfamilie angehört und momentan seine Blütenpracht entfaltet.
Also, jetzt mal ganz ehrlich unter uns: Ich besitze keinen Blauregen. Und wenn ich mir das so anschaue, dann wäre mir die Pflege viel zu nervig. Höchstens als Stämmchen oder Bonsai könnte die Pflanze mein Gärtnerherz erobern. Aber vermutlich wird einfach heillos übertrieben, wenn vom Wachstum der Pflanze die Rede ist. Ich würde mal behaupten, dass das g r nicht so schlimm sein k nn. Oh, hoppl , irgendetw s ist in die T st tur hineingewuchert. Sieht us wie ein Trieb von einem Bl uregen. Huch. D s Ding umschließt meine Finger. Nichts für ungut, ber ich bin d nn m l weg.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de.
