Freitag, 10. Februar 2012

KW 18 – Bitterling und Teichmuschel haben ein Verhältnis


Bitterlinge umschwirren eine Muschel. Foto: Wikipedia/Ostjan
Bitterlinge umschwirren eine Muschel. Foto: Wikipedia/Ostjan

Liebe Leser,
jetzt gibt’s Butter bei die Fische. Soll heißen: jetzt wird Klartext geredet. Ohne Skrupel betrachten wir heute intimste Details einer außergewöhnlichen Beziehung zwischen kleinen Fischen und großen Muscheln. Das beste an dem Verhältnis ist, dass es im Gartenteich beobachtet werden kann.

Haben Sie einen Gartenteich? Dann wissen Sie wie leicht es ist, sein sauer verdientes Geld im wahrsten Sinn des Wortes darin zu versenken. Obwohl: Die Freude über das Leben im Teich ist genau betrachtet doch unbezahlbar. Mein Gartenteich ist ziemlich klein. Das tut dem Spektakel, das sich darin abspielt, keinen Abbruch. Selbst Dramen haben ihren Platz in dem winzigen Habitat. In diesem Winter segneten, vermutlich aufgrund der bitterkalten Temperaturen, viele der Organismen das Zeitliche. Erfreulich war, dass zwei Teichmuscheln die Kältewelle überlebt haben.
Das hartschalige Äußere einer Muschel legt irgendwie nahe, dass das Weichtier ein langweiliges Leben fristet. Weit gefehlt. Die Große Teichmuschel, wissenschaftlich Anodonta cygnea, war neulich der heiß umschwärmte Star im Tümpel. Im Zoohandel hatte ich nochmal eine der Muscheln erstanden. Der Neuzugang pflügte sich, kaum im neuen Reich angekommen, durch das Substrat. Mit ihrem ausstülpbaren Fuß bekommt die Muschel dabei einen erstaunlichen Zacken drauf. Sobald sie ein lauschiges Plätzchen gefunden hat, gräbt sie sich ein und es ist fast nichts mehr von ihr zu sehen. Nur die Ein- und Ausströmöffnungen ragen ins freie Wasser, der Rest steckt im Sand. Und wie sie da so rumhockt und vor sich hin filtriert, geraten einige Neuzugänge unter den Fischen völlig aus dem Häuschen.
 Bitterlinge heißen die Kleinfische, die die Muschel umschwärmen. Der Name Bitterling kommt nicht von ungefähr – das Fleisch der Grätenträger soll widerlich bitter schmeckt. Früher waren sie derart häufig in unseren Gewässern zu finden, dass sie mit Netzen gefischt und den Schweinen zum Fraß vorgeworfen worden sind. Die ebenfalls eingesetzten Moderlieschen, auch eine heimische Mini-Fischart, interessieren sich nicht die Bohne für die Teichmuschel. Das hat einen ganz einfachen, phantastisch klingenden Grund: Die Muschel und der Bitterling, die haben was miteinander. Die hüten sich gegenseitig den Nachwuchs.
Unser kleinster heimischer Karpfenfisch Bitterling, (wissenschaftlich Rhodeus amarus), inspiziert die Muschel im Gartenteich sofort nach der Ankunft im neuen Refugium. Die Fischchen, die ich für erstaunlich viel Geld erstanden habe, sind noch jung und gerade mal ungefähr vier Zentimeter groß. Maximal erreichen sie eine Länge von neun Zentimetern. Im Aquarium des Zoofachgeschäfts sahen alle sechs Fische gleich aus. Aber jetzt ist alles anders. Die Bitterlings-Männchen haben sich in ihr Prachtkleid geschmissen. Sobald eine geeignete Muschel in der Nähe ist und in den Dunstkreis der Bitterlinge rückt, mutieren die Männchen zu bunten Gockeln. Ihre Schuppen werden in der Laichzeit zum Hochzeitskleid. Die Kehle der Männchen schimmert rot, ebenso Flossen und Augen, Rücken und Hinterkörper schillern blaugrün. Das Weibchen bleibt äußerlich eher schlicht und konzentriert sich auf das Wesentliche: die praktischen Vorkehrungen für die Eiablage. Ihm wächst hinter der Afteröffnung eine fünf Zentimeter lange Legeröhre. Mit ihr wird die Fischdame ihre Eier in – halten Sie sich fest – das Atemloch der Muschel setzen. Zu allem Überfluss spritzt das Männchen seinen Samen bald hinterher. Ein Kollege aus der Technik spricht in diesem Fall von „freudlosem Sex“. Da hat er aus Sicht der Fische gesehen nicht ganz unrecht. Über den Zustand der Muschel bei dieser Befruchtungsaktion mag man sich schon gar keine Gedanken machen. Doch die Große Teichmuschel zeigt wirklich Größe. Als gute Amme hütet sie geraume Zeit den schuppigen Nachwuchs.
Aber zunächst zum Auftakt des Liebesspiels der Fische, wie es sich im Gartenteich zutrug. Die Bitterlinge gruppierten sich um die Muschel, hielten abwechselnd ihren Kopf in deren Atemstrom um dann heftig mit dem Hinterleib zu peitschen. Kurz darauf begann ein Gerangel, bei dem jeder Fisch den anderen von der Muschel fortzujagen schien. Offensichtlich vertreiben die Männchen anfangs neben den Rivalen sogar die Weibchen von der Muschel. Wie schon erwähnt: Inzwischen sind die Bitterlinge ausgefärbt und es scheint zwei Weibchen zu geben. Hurra! Fischbabys in Sicht!
Bis zu 100 Eier können die Weibchen in verschiedene Muscheln ablegen, wobei jede nur wenige abbekommt. Die Männchen folgen ihrer Angetrauten und versprühen Spermien über der zweischaligen Wiege. Verschiedene Pärchen bunkern in verschiedene Muscheln ihre Geschlechtszellen. Dadurch kann eine Muschel viele Fischbabys verschiedener Eltern „bebrüten“. Nach zwei bis vier Wochen verlassen die kleinen Bitterlinge ihre zweiklappige Amme.
Im Herbst holt die Große Teichmuschel dann zum Gegenschlag aus. Sie wird zwar nicht handgreiflich, hängt den Fischen aber ebenfalls ihren Nachwuchs an. Mit einer Maximalgröße von 26 Zentimetern ist sie die größte einheimische Süßwassermuschel. Bis zu 40 Liter Wasser filtriert das Weichtier pro Tag zur Freude des Teichbesitzers. Bei der Recherche in Sachen Vermehrung sorgte die Muschel für Verwirrung: einige Quellen behaupten, dass es sich um Zwitter handelt, andere sprechen der Tierart zwei getrennte Geschlechter zu. Es scheint wohl so zu sein, dass die Teichmuscheln bei zu starker Isolation, sobald also keine flotten Geschlechtspartner in Sicht sind, kurzerhand zu Zwittern werden. Das ist eine elegante Lösung des Problems. Wäre für die große Schar einsamer Singles mit Kinderwunsch vielleicht auch eine Variante.
Jedenfalls hütet die Muschel ihre eigenen befruchteten Muscheleier zwischen ihren Kiemenlamellen. Es schlüpfen schließlich Larven, die Glochidien genannt werden. Sie bleiben noch bis zum Frühjahr in den Kiemen der Mutter, der man ihre „Schwangerschaft“ anscheinend ansehen kann.

 Dann werden die nur 0,35 Millimeter großen Winzlinge in die Freiheit entlassen. Viele Hunderttausende Glochidien produziert die Muschel, denn die weitere Entwicklung ist verlustreich. Jedes Glochidium versucht nun, einen Fisch zu entern. An dessen Kiemen oder Haut kapseln sich die Glochidien mehrere Tage bis Wochen ein. In dieser Phase ernähren sich die Muschellarven vom Gewebe ihres Wirts, schädigen ihn aber nicht. Anschließend erfolgt eine Metamorphose und kleine Baby-Muscheln gelangen endlich in die Freiheit. Nun suchen sie sich einen Platz, an dem sie viele Jahre gesund und munter vor sich hin strudeln können. Das wäre zumindest die Idealvorstellung. Leider leidet die Muschel unter der Gewässerverschmutzung und auch die Bisamratte knuspert das eine oder andere Exemplar weg.
Beide Organismen, die Große Teichmuschel und der Bitterling, sind in der freien Natur gefährdet und stehen unter Schutz. Der Bitterling war im letzten Jahr zum Fisch des Jahres gekürt worden. „Mit dieser Wahl soll zum einen auf eine äußerst interessante Kleinfischart aufmerksam gemacht werden, die seit einiger Zeit auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten steht“, schreibt der Verband deutscher Sportfischer. Zum anderen solle auf die Gefährdung der Gewässer-Ökosysteme hingewiesen und verdeutlicht werden, dass Tiere, Pflanzen und deren Lebensraum unter dem Gesichtspunkt Natur- und Umweltschutz nicht isoliert voneinander betrachtet werden können.
Gerne würde ich noch mehr über die Unterwasserwelt in meinem Kleinteich berichten. Aber ich muss jetzt erst mal dringend nach Hause. Gucken, was die Bitterlinge treiben. Ob die Muscheln noch filtrieren. Und ob die Moderlieschen noch schwimmen. Nicht, dass der Hund aus Versehen einen mit herausgeschlabbert hat.
 Ach, wie wäre das doch schön, wenn’s in meinem Teich mal Nachwuchs geben würde. Aber die einzigen Larven, die dort im Moment zucken, sind Mückenlarven. Die haben, den Fischen sei Dank, hoffentlich bald ausgezuckt.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-mail an s.ruecker@vkz.de



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