KW 17 – Baby-Schrecke und Schöllkraut
Liebe Leser,
die Phänomene sind aufgeblüht. Alles neu macht der April. Grün, gelb, rot strahlt unser neuer Serienkopf in der Zeitung. An dieser Stelle keine Grüße ans Schallarchiv, sondern an die Kollegin von der Technik: gut gemacht! Es bietet sich an, das Bild von oben unter die Lupe zu nehmen. Eine alte Heilpflanze und ein junger Hüpfer vereinen sich dort zum Stillleben.
Also, wenn es nach mir gehen würde, dann hätte das Tierchen auf dem Bild schon lange einen Schönheitswettbewerb gewonnen. Der Winzling ist einfach zum Anbeißen. Frisch, wie der junge Frühling, vergnügt sich das Wesen und schaut seinen Fühlerspitzen nach. Das muss ihm erst mal einer nachmachen. Dass es sich bei dem Zwerg um einen jungen Hüpfer handelt, steht außer Frage. Und das sogar in zweierlei Hinsicht. Einerseits ist das Mini-Insekt vom Erwachsensein noch weit entfernt und in der Tat jung. Andererseits handelt es sich um einen Vertreter aus der Ordnung der Heuschrecken und ist somit auch zoologisch ein Hüpfer.
Nicht zu übersehen ist ein weiteres Körpermerkmal: die überlangen Fühler. Der grüne Schreck ist also eine Langfühlerschrecke. Nun guckt da ein Jungspund in die Linse, weshalb es nicht leicht ist, die Art zu bestimmen. Aber ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte forsch, dass da ein Jungtier der Punktierten Zartschrecke auf der Blüte weilt. Die Larve sieht den Erwachsenen durchaus schon ein bisschen ähnlich. Grund dafür ist, dass Heuschrecken eine unvollständige Umwandlung durchlaufen, die sogenannte Hemimetabolie. Bei ihnen kommt kein Puppenstadium vor. Die Jungtiere häuten sich während des Wachstums einfach einige Male. Im Gegensatz dazu legen beispielsweise Schmetterlinge und Käfer ein Puppenstadium ein.
Jedenfalls hat die Punktierte Zartschrecke einen umwerfenden wissenschaftlichen Namen: Leptophyes punctatissima. Punktatissima! Das klingt nach Zauberei und tatsächlich wird das Tierchen gerne übersehen. Mit ihren eineinhalb Zentimetern Körpergröße und der grünen Tarnfarbe fällt sogar die erwachsene Heuschrecke in den Gehölzen von Gärten und Parks nicht unbedingt ins Auge. Sie ist ein Kulturfolger, der sich rein vegetarisch ernährt. Zum Schädling reicht ihr Fraßpotenzial aber anscheinend nicht aus. Eine Vorliebe für Brom- und Himbeerblättern sowie Löwenzahn wird ihr nachgesagt. Das Männchen setzt hin und wieder zu einem zarten Gesang an. Im Osten Deutschlands ist sie selten, ansonsten ungefährdet. Ab Juli bis November sind die erwachsenen Tiere unterwegs. Das Weibchen legt mit einem Legesäbel die befruchteten Eier ab, aus denen im nächsten Frühjahr die knuffigen Larven schlüpfen.
Möglicherweise hat sich die zarte Punktschrecke an der Pflanze unter ihren Füßen zu schaffen gemacht. Es handelt sich um das Schöllkraut, wissenschaftlich Chelidonium majus. Die mehrjährige krautige Pflanze gehört einer Familie an, die in unseren Breiten eigentlich mit einer roten Blütenfarbe assoziiert wird, den Mohngewächsen. Das Schöllkraut dürfte besonders Menschen bekannt sein, die von Warzen geplagt werden. Denn der orangefarbene Milchsaft, der beim Abbrechen von Pflanzenteilen hervortritt, soll die unliebsamen Hautwucherungen verschwinden lassen. Kräuterfrau Rosemarie Bog schreibt bei SWR-Grünzeug: „Auch heute noch Anwendung findet der Schöllkraut-Saft bei Warzen und Hühneraugen. Wenn man ihn regelmäßig über mehrere Tage hinweg auf die befallenen Stellen tröpfelt, verschwinden die hässlichen Beulen. Der Vorgang soll besonders wirkungsvoll sein, wenn abnehmender Mond ist. Es ist aber wichtig, den Saft sehr exakt aufzutragen, damit man nicht gesunde Haut in Mitleidenschaft zieht.“ Ob nun der Milchsaft hilft oder die Autosuggestion ist wohl nicht wissenschaftlich bewiesen. Ein Besprechen der Warzen mit etwas Hokuspokus soll zumindest bei Kindern ebenfalls erfolgreich sein – und ist garantiert nebenwirkungsfrei.
Das Schöllkraut hält sich als stickstoffliebendes Geschöpf gerne in menschlicher Nähe auf. Von April bis Oktober erfreut die Pflanze den Naturliebhaber mit ihren gelben Blüten.
Schöllkraut enthält etliche Alkaloide und gilt sowohl als Heil-, als auch als Giftpflanze. Im Frühjahr 2008 wurde vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Zulassung für hochdosierte Schöllkrautpräparate widerrufen. Dem Institut lagen Fälle von Nebenwirkungen an Galle und Leber vor. Während die Kräuterfrau vom SWR noch ein Tee-Rezept zum Besten gibt, schreiben die Pharmazeuten von der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt: „Die innerliche Anwendung selbst hergestellter Teeaufgüsse ist nicht mehr zu vertreten. Laien, die Schöllkraut-haltige Zubereitungen gegen Galle- und Lebererkrankungen einnehmen, werden lebertoxische Effekte in der Regel nicht erkennen, sondern Verschlimmerungen ihres Leidens auf die Grunderkrankung zurückführen.“
Ich persönlich werde mir die Pflanze einfach optisch einverleiben. Das ist garantiert ungefährlich und hübsch ist sie allemal, die Blume. Manch Gartenbesitzer empfindet die Wildpflanze aber auch als Unkraut. Kein Wunder, denn sie hat starke Helfer bei der Vermehrung: Die Samen sind mit Leckereien für Ameisen, den Elaiosomen, versehen, wodurch die kleinen Krabbler die Pflanzenart ganz aus Versehen vermehren.
Der wissenschaftliche Name Chelidonium entstand vermutlich, weil im Altertum gedacht wurde, dass der Milchsaft die Augen junger Schwalben (griechisch: chelidon) öffnet. Möglich ist auch, dass die Blütezeit mit dem Hin- und Wegzug der Schwalben in Verbindung gebracht wurde.
Eine Anwendung ist allerdings gerade jetzt, in Zeiten der Krise, interessant: Mittelalterliche Alchemisten versuchten, aus dem Milchsaft Gold herzustellen. Das könnte man doch wieder aufgreifen. Aber dann mit Handschuhen und Schutzbrille ausgestattet. Bei Gelingen bitte umgehend an die Redaktion ein paar Unzen Gold schicken. Dankeschön.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de.
