Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 16 – Was macht die Kirsche im Wald?


Verheißungsvolle Kirschblüte. Foto: Rücker
Verheißungsvolle Kirschblüte. Foto: Rücker

Liebe Leser,
gemein ist das, hundsgemein. Da ringt man den Winter über um Naturthemen. Der Kopf ist leer, die Gegend dröge. Und dann bricht der Frühling aus. Eine Blüte jagt die nächste. Einmal Zwinkern und Billionen von Blumen sind aufgegangen. Ein Beispiel ist der Kirschbaum, der in den letzten Tagen geradezu explodiert ist.

Der Huflattich, das ist ein ganz Schlimmer. Der schafft es jedes Jahr, sich zu drücken. Erst ist er nicht zu sehen, dann schießen die gelben Blüten aus dem Boden. Kaum hat man ihn bemerkt, ist er auch schon wieder weg. Naja, dann halt im nächsten Jahr.
Ebenso dramatisch verläuft die Entwicklung bei vielen Gehölzen. Eben noch öde und kahl platzen die Pflanzen jetzt aus allen Nähten. Besonders beim Anblick der Kirsche kann es einem schwindlig werden, so schnell findet die Verwandlung vom nackten Baum zum Blütenwunder statt. Und – schwupps – ist das dann auch schon wieder vorbei. Aber noch sind sie da. Die weißen Tupfen in der Landschaft gehörten bis vor Kurzem fast alle zur botanischen Gattung Prunus aus der Familie der Rosengewächse. Inzwischen gesellen sich auch andere wie Apfel und Birne dazu. Kirschen, Pflaumen, Mandelbäumchen und Schlehen tummeln sich unter anderem in der Gattung Prunus. Besondere Freude bereitete jetzt ein Kirschbaum seinem stolzen Besitzer. „Aus purer Zuneigung“ darüber, dass er plötzlich derart schön blüht , habe der Hobby-Gärtner aus Aurich den Baum sogar gegossen. Obwohl der das gar nicht mehr nötig hat, der Baum.
Die Wildform unserer Süßkirsche, die mit ihrem Fruchtfleisch dem Gaumen schmeichelt, ist die Wilde Vogelkirsche. Wissenschaftlich heißen die beiden gleich: Prunus avium. Eine nahe Verwandte ist die Sauerkirsche, Prunus cerasus. Die Wildform unserer süßen Kulturkirsche lässt sich an kleinen Früchten und Blättern erkennen. Allerdings bastardisieren wilde und gezüchtete Exemplare auch gerne mal miteinander. Schon vier Jahrhunderte vor Christus pflanzten die Griechen Kirschbäume an. 64 v. Chr. brachte der römische Feldherr Lucius Lucullus die Kirsche als „rote Beute“ nach Rom. Von dort aus fand die Verbreitung in Mitteleuropa statt. Vermutlich hatten aber auch die Kelten in der Jung-Steinzeit schon mit den heimischen Wildkirschen experimentiert. Der deutsche Name Kirsche leitet sich aus dem lateinischen Cerasus ab.
Während bei den Süßkirschen inzwischen global Tausende von Sorten zur Auswahl stehen, bleibt die Sauerkirsche bescheiden. Bei ihr sind bis zu 90 Prozent des Anbaus durch die Sorte Schattenmorelle abgedeckt.
Die momentane Blütenpracht lässt Vorfreude auf den Süßkirschengenuss aufkommen. In Backwaren, Marmeladen und Kompott, als Hochprozentiges oder einfach nur roh sind die roten Steinfrüchte eine Verlockung. „Süßkirschen werden bundesweit auf einer Fläche von gut 5400 Hektar angebaut, wobei sich mit gut 2100 Hektar fast 40 Prozent in Baden-Württemberg befinden“, meldete der „Tagesspiegel“ im letzten Jahr. Von einer schlechten Ernte war da die Rede, denn der Frost hatte den Kirschblüten an Ostern nochmal richtig zugesetzt. Im Durchschnitt werden in Deutschland rund 30000 Tonnen Süßkirschen pro Jahr geerntet.
Um die 20 Meter hoch kann ein ordentlicher Kirschbaum werden. Typisch für ältere Bäume ist eine Ringelborke, die von vielen Korkwarzen durchsetzt ist. Die Wilde Vogelkirsche wächst als wärmeliebende Art gerne in verschiedenen Waldgesellschaften. Laut einem Artikel der Eidgenössichen Technischen Hochschule Zürich erträgt die Wilde Vogelkirsche „Winterkälte gut. Spätfrostgefährdet ist nur die Blüte“. Das natürliche Verbreitungsgebiet lasse sich nicht zuverlässig angeben, da der Mensch seit Jahrtausenden seine Finger im Spiel habe. Auch in unseren Wäldern blitzen gerade die Kirschbäume als weiße Tupfen auf. Die schweizer Spezialisten: „Viele Forstleute meinen, die meisten Kirschbäume im Wald seien aus Absaat von Kultursorten und deren Transport durch Vögel entstanden.“ Zum Erstaunen der Autoren scheint die Vermehrung über die Kerne gar nicht so wirksam zu sein. Zwar fressen Vögel die Früchte sehr gerne, worauf auch der wissenschaftliche Name hindeutet: Prunus avium, lateinisch: avis = Vogel. Allerdings landen die meisten Kirschkerne in einem Umkreis von 50 Metern um den Baum herum und sind außerdem eine beliebte Speise bei Mäusen. Dafür vermehren sich die Exemplare im Wald umso besser durch Wurzelbrut und Stockausschlag.
Kirschbaumbesitzer, die mit Leckereien aus dem Garten rechnen, kämpfen vielfach mit Enttäuschungen. Denn die Krankheiten, die der Frucht den Garaus machen, sind vielzählig. Pilze, Bakterien, Viren und Insekten setzen den Bäumen zu. Nicht zuletzt der Regen, der die fast reifen Früchte zu allem Überfluss noch zum Platzen bringen kann, treibt dem Kirschenfreund die Tränen in die Augen. Da hilft im schlimmsten Fall nur noch der Griff zu den Kirschen in Nachbars Garten.
 Am besten sollte die gesamte Nachbarschaft verschiedene Kirschbäume gepflanzt haben. Denn die meisten Kirschen sind selbststeril. Das bedeutet, dass der eigene Pollen die weibliche Blüte am Baum auch trotz Bieneneinsatz nicht bestäuben kann. Da muss in der Regel schon Fremdpollen angeflogen werden. Am besten setzen sich die Bewohner einer Neubausiedlung frühzeitig mit einem Experten zusammen, um die beste Kirschsortenmischung für ihr Areal auszubaldowern. Dann ist mit allen später gut Kirschen essen. Und ein gesundes Leben ist ebenfalls in Aussicht. Gilt doch die Kirschfrucht als Lieferant von Vitaminen und wichtigen sekundären Pflanzenstoffen.
Früher spielten Kirschbäume in der Volksmedizin eine wichtige Rolle: Kirschstiele und -blätter wurden zur Teebereitung verwendet.
Das bernsteinfarbene Harz mit dem hübschen Namen Katzengold wurde in Wein aufgelöst als Hustenmittel verabreicht. Kirschkernsäckchen als wärmende Auflage auf schmerzende Körperteile erfuhren in den letzten Jahren eine Renaissance. Dagegen war das Kirschwasser nie aus der Mode gekommen. In Maßen (nicht Massen!) getrunken soll es den Magen stärken und die Verdauung fördern. Auch zum Einreiben von Gelenken kann der Schnaps eingesetzt werden.
Ach ja, und das Holz! Wunderschön und vor allem im Biedermeier geschätzt. Die Eidgenossen von der Technischen Hochschule wittern im Kirschbaum Potenzial. Er wäre mit seiner „kurzen Umtriebszeit von 60 bis 80 Jahren besonders auch im Privatwald ein wirtschaftlich interessantes Wertholz.“ Und schön ist er außerdem, der Kirschbaum. Dann könnten sich auch wieder mehr heiratswillige Mädchen Rat holen beim Baum im Wald. So wie früher, als den jungen Damen geraten wurde, sich für jeden Heiratskandidaten einen Kirschzweig auszusuchen. Der Zweig, an dem zuerst die Blüten aufbrechen, bezeichne den Richtigen, „Mr. Right“, den Mann fürs Leben! Was aber, wenn alles auf einmal zu blühen beginnt?
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de.


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