Freitag, 10. Februar 2012

KW 15 – Schafe und Württemberg sind eng verbunden


Die zwei Schafe scheinen glücklich. Foto: Rücker
Die zwei Schafe scheinen glücklich. Foto: Rücker

Liebe Leser,
das Schaf ist einer der treuesten Begleiter der Menschheit. Trotzdem ist sein Ansehen nicht besonders hoch. „Du dummes Schaf“, oder „alter Bock“ zeugen von keiner allzu großen Wertschätzung. Das ist gemein und noch nicht einmal zutreffend, denn Schafe sind nicht blöd.

Falls Sie mal an ein paar Schafen vorbeikommen: Erliegen Sie nicht der Versuchung, die Tiere zu necken oder zu beleidigen. Seien Sie immer nett. Denn Schafe können sich Gesichter merken. Britische Forscher berichten, dass Schafe ein gutes Gedächtnis haben. Bis zu 50 Artgenossen können sie am Gesicht erkennen - und das sogar noch nach zwei Jahren. Auch das Aussehen von Menschen prägen sich die Wiederkäuer ein. Nicht auszudenken, wenn so ein richtiger Bock sich an eine Beleidigung erinnern würde...
 Schafe und Ziegen gelten als unsere ältesten Haustiere. Schon vor rund 12000 Jahren wurde in Bergregionen Vorderasiens mit der Domestikation der genügsamen Pflanzenfresser begonnen. Die Urform unseres Hausschafes ist der Europäische Mufflon, wissenschaftlich Ovis ammon musimon. Die männlichen Tiere haben beeindruckende, schneckenförmig nach hinten gebogene Hörner. In Deutschland wurden diese Vertreter der Familie der Hornträger 1902 im Eulengebirge im ehemaligen Schlesien als Jagdwild eingebürgert. 1953 wurden Mufflons auf der Schäbischen Alb ausgesetzt. In Deutschland sollen heute noch ungefähr 120 Teilpopulationen existieren. Die Wildschafe lieben die Geselligkeit, wobei die Weibchen mit dem Nachwuchs Gruppen von bis zu 25 Tieren bilden. Die Widder schließen sich ebenfalls zu Rudeln zusammen. Die Lautäußerungen sind ganz wie beim Hausschaf blöken und meckern. Wenn Gefahr im Verzug ist, kann aber auch ein Pfiff produziert werden. Wildschafe sind ausgesprochen wachsam und besitzen einen ausgezeichneten Seh- und Geruchssinn.
Die ersten Hausschafe erreichten Europa vor zirka 9000 Jahren und vor rund 6000 Jahren begann schließlich der Siegeszug des gezüchteten Wollschafs in Europa. Wolle avancierte zur wichtigsten Textilfaser. Neben der Fleischerzeugung spielten nun vor allem die Wolle- und Milchproduktion eine große Rolle bei der Schafzucht. Die Tierart ist relativ genügsam und grast auch karge und steile Wiesen ab. Das kommt schon seit vielen Jahrhunderten der Kulturlandschaft Württembergs zu Gute. Man denke nur an die Wacholderheiden der Schwäbischen Alb. Dazu das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum: „Die Ursprünge der Wanderschäferei gehen in Süddeutschland auf das 14. und 15. Jahrhundert zurück. Damals wollten die Landesherren wüstgefallene Flächen einer neuen sinnvollen Nutzung zuführen. Mit dem Aufblühen der Wollindustrie nahmen die Schafherden stark zu, und es entwickelte sich ein ausgedehntes Triebwegenetz in Mitteleuropa. Hiervon profitierten auch viele Gemeinden, die den Wanderschäfern Weideflächen gegen Pacht zur Verfügung stellten.“ Insbesondere trockene und magere Biotoptypen werden auch heute noch durch die Beweidung mit Schafen am Leben erhalten. Eine Besonderheit sind dabei die Mitbringsel, die die Tiere ihrer neuen Weide bescheren. Von Pflanzensamen über Schnecken, Heuschrecken und sogar Eidechsen reicht die Fracht, die Schafe in ihrem Fell mit sich herumschleppen. Sie sorgen für einen genetischen Austausch zwischen isolierten Populationen.
Die Schafhaltung war in Württemberg schon früh Chefsache. Herzog Ulrich von Württemberg hatte im Jahre 1536 per Dekret und unter Androhung von Strafe die Haltung des Zaupelschafs untersagt, da dessen Wolle zu grob war und die Tiere als krankheitsanfällig galten. Aber auch die nachfolgende Schafrasse, das Flämische Schaf, lieferte nicht die optimale Wollfaser. Im 18. Jahrhundert machte Herzog Karl Eugen von Württemberg dann Nägel mit Köpfen. Im fernen Spanien sorgten schon lange Merinoschafe für angenehmes Wollgefühl auf der Haut. Der Verkauf der Wolle ließ in Spanien die Kassen klingeln, die Ausfuhr der Tiere war unter Todesstrafe verboten. Im 18. Jahrhundert konnten einige Länder die Schafrasse dann doch erstehen und einführen. Die Franzosen arbeiteten bereits mit den Merinos. Herzog Karl Eugen schickte zwei Schäfer in die dortige Schäferschule, um auf Tuchfühlung mit den reinrassigen Merinoschafen zu gehen. Darunter befand sich der 29-jährige Schäfermeister Friedrich Gallus aus Lienzingen.
In seinem Artikel in der Zeitschrift „Momente – Beiträge zur Landeskunde von Baden-Württemberg“ schildert Manfred Reinhardt die abenteuerliche Reise der Württemberger nach Frankreich und Spanien. Reiseleiter soll ein Beamter aus Ludwigsburg gewesen sein. Im September 1786 kehrten die Abgesandten des württembergischen Hofs endlich mit über 100 spanischen Merinoschafen nach Münsingen auf der Schwäbischen Alb zurück. In Kirchheim unter Teck entwickelte sich in der Folge der größte Wollmarkt Süddeutschlands. Die Schafhaltung auf der Schwäbischen Alb erlebte ihre Blütezeit Anfang des 19. Jahrhunderts. Wenige Jahrzehnte später kam es zu einem Einbruch, der vor allem in der Einfuhr von billiger Wolle aus Australien begründet liegt. Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts sank die Anzahl der Schafe in Baden-Württemberg mit 116000 Tieren auf einen historischen Tiefstand. Im Jahr 2006 konnten im Ländle wieder 315700 Schäfchen gezählt werden.
In Baden-Württemberg herrscht das weiße Merinolandschaf mit seiner guten weichen Wolle vor, sagt Beate Milerski aus Hochdorf. Die Mitarbeiterin der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) bedauert die Tendenz zu schweren Schafen, die durch Fleischproduktion Geld bringen müssen: „Eine Typveränderung unserer alten und heute seltenen Landschafrassen, weg vom leichten geländegängigen Schaf zum Masttier.“ Früher habe der Verkauf der Wolle den Verdienst des Schäfers ausgemacht, heute sei die Schur durch den Wertverfall der Wolle ein Kostenfaktor. Von den Haustierarten sei das Schaf diejenige, mit der größten Rassenvielfalt. Zu den derzeit gefährdeten Rassen zählen unter anderem der Coburger Fuchs, das Bentheimer Landschaf und das Rhönschaf.

Wer nun annimmt, durch den Kauf von Schafwollkleidung grundsätzlich etwas Gutes zu tun, der wird von Tierschutzorganisationen eines Bessren belehrt. Australische Schafe erleiden beim Scheren im Akkord immer wieder schwere Verletzungen. Der Deutsche Tierschutzbund über eine besonders grausame Erfindung des Menschen, das „Mulesing“: Bei Schafen kann es an feuchten Stellen in Afternähe häufig zu Madenbefall kommen. Bei den riesigen Herden von Merinoschafen in Australien wird dem mit dem sogenannten „Mulesing“ vorgebeugt. Der Tierschutzbund: „Zur Vorbeugung gegen den Befall mit Fliegenmaden werden in Australien den Lämmern ohne Betäubung mit einer scharfen Schere Hautfalten um After, Vulva und Schwanz herausgeschnitten. Diese Wunden werden nicht weiter behandelt, sondern müssen von alleine heilen und vernarben.“ Da vergeht einem ja wirklich alles. Angeblich ist ein Verbot dieser Tierquälerei in Aussicht.
Auf der hoffentlich sicheren Seite ist der Verbraucher, der sich ohne oder mit biologischer Wolle kleidet. Hessnatur wirbt beispielsweise mit Schurwolle aus biologischer Tierhaltung, bei der „der Einsatz von Pestiziden als Schutz gegen Schädlingsbefall bei den Tieren verboten ist“. Außerdem bestehe ein Verbot der Mulesing-Prozedur.
Zu Ostern lohnt natürlich ein Blick auf das Lamm. Lebend ist es ausgesprochen süß, in der Religion ein Symbol der Reinheit und Wehrlosigkeit und gut zubereitet für viele ein Genuss. In Baden-Württemberg wird zirka ein Kilogramm Lammfleisch je Kopf und Jahr verzehrt, im Vergleich zu 40 Kilo Schweinefleisch. „Und selbst diese geringe Menge stammt dann in der Regel aus Neuseeland“, so das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum. Und weiter: „Ein verstärkter Konsum heimischen Lammfleischs dient der Erhaltung schöner und aus Naturschutzsicht wertvoller Landschaften und kann darüber hinaus Fleisch aus weniger tierfreundlicher Haltung ersetzen.“ Für Vegetarier gibt’s das Osterlamm aus Teig. In diesem Sinne: fröhliche Ostern!
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de


Seitenanfang