Donnerstag, 09. Februar 2012

KW 13 – Ernste Sache: der Rasen


Zum Reinbeißen schön: der Rasen von Kollege Arning. Foto: Arning
Zum Reinbeißen schön: der Rasen von Kollege Arning. Foto: Arning

Liebe Leser,
es spielen sich merkwürdige Dinge in der Redaktion ab. Heimlich, still und leise werden Einsätze geplant. Allheilmittel und Schönheitskuren werden diskutiert. Die Sache ist ernst. Schließlich geht es um nichts Geringeres als den Rasen vorm Haus. Machen Sie nie den Fehler, bei der Arbeit einen Video-Clip von Loriot anzuklicken. Sofort wird sich eine Traube von Kollegen um Sie scharen, die der Anziehungskraft des Komödianten nicht widerstehen können. Einige andere bitten genervt um Ruhe. Solche Dinge erschwerten unlängst deutlich meine ernsthafte Recherche zum Thema Rasen. Denn der Klassiker von Vicco von Bülow alias Loriot darf da natürlich nicht fehlen. Ich sage nur: „Ach ist der Rasen schön grün.“ Nochmal kurz zur Erinnerung: Zwei knollennasige Männer aus der Feder des Zeichners stehen an einer Pferderennbahn. Während der eine den Durchblick hat, ist der andere ein Neuling. „Seien Sie mir nicht böse, Sie sind ein selten blöder Hund“, entfährt es dem großnasigen Fachmann an der Rennbahn schließlich. Vorangegangen war, dass sein Nachbar den Parcours per Fernglas absuchte. Hierbei sprach er jene bedeutungsschwangeren Worte: „Ach ist das schön, ach ist das schön, ach ist der Rasen schön grün.“Natürlich gilt der Lacher des Zuschauers dem Gesamtkonzept des Zeichentrickfilms. Aber: So trottelig sich der Fernglashalter auch anstellt, er spricht vielen Menschen aus der Seele. Denn ein Rasen, flauschig und knallgrün, strotzend vor Gesundheit und Vitalität, ist der Traum vieler Häuslebesitzer. Von den Platzwarten der Sportstätten ganz zu schweigen. Die Pflanzen, um die es dabei geht, gehören zur großen Familie der Süßgräser (wissenschaftlich Poaceae) und sind mit der Entwicklung der Menschheit eng verknüpft. Das ist untertrieben, denn ohne die Süßgräser, zu denen auch die Getreidearten gehören, würden wir womöglich immer noch als Jäger und Sammler durchs Unterholz krauchen. Sogar unser aufrechter Gang soll direkt mit Gras zu tun haben. Das behauptet zumindest die Savannen-Hypothese. Mit der Ausbreitung von Savannen genannten Grasländern sollen vor rund sieben Millionen Jahren unsere Vorfahren in Afrika das Laufen gelernt haben. Das Klima war trockener geworden, die Regenwälder wurden weniger und der Vormensch der Wälder besiedelte die größer werdenden Grasländer. Als Vorteil des aufrechten Gangs im Gras galt dort die weite Sicht. Klingt nicht schlecht, gilt aber heute als widerlegt. Unsere Vorfahren sollen sich schon in lichten Wälder aufrecht fortbewegt haben. Auch neuere Forschungen von Wissenschaftlern der Universität Birmingham legen nahe, dass das Aufrechtgehen in den Baumwipfeln Vorteile hat. Die Biologin Susannah Thorpe hatte ein Jahr lang Orang-Utans beobachtet. Dabei stellte sie fest, dass die Menschenaffen auf dünnen Ästen gerne auf zwei Beinen gehen. Nebenher halten sie sich mit den Händen fest und sammeln Früchte. Unbestritten ist dagegen die Revolution in der Menschheitsgeschichte, die ihren Anfang mit dem Anbau von Getreide nahm. Vor mehr oder weniger 10000 Jahren setzte sich in verschiedenen Gebieten der Erde die Bewirtschaftung von Ackerland durch. Die Leute wurden sesshaft, Ackerbau und Viehzucht hielten Einzug. Vor allem Getreidesorten, also Süßgräser, wurden angebaut. Die Menschen begannen, Gefäße für ihr Saatgut zu töpfern und Hilfsmittel für die Landwirtschaft zu entwerfen und zu bauen. Ebenso änderte sich das soziale Gefüge, es entstanden Bevölkerungsschichten mit unterschiedlichem Status. Alles in allem scheint die Bezeichnung Neolithische Revolution für diesen Zeitraum durchaus gerechtfertigt. Auch heute noch stellen die Süßgräser mit ihren Getreidesorten 50 Prozent der Welternährungsenergie, allen voran Weizen, Mais und Reis. Süßgräser sind zudem derart erfolgreich, dass sie in fast jeder Ecke und somit Klimazone dieser Erde wurzeln können. Während viele Arten genau so aussehen, wie man sich Gras so vorstellt, gibt es auch Ausreißer. Beispielsweise Bambusarten, die bei einem Wachstum von bis zu 90 Zentimeter pro Tag bis zu 40 Meter hoch werden. Die größten natürlichen Grasländer der Erde werden von Savannen und Steppen in klimatischen Regionen gebildet, die für Gehölze nicht geeignet sind. In Deutschland wären nur sehr wenig Flächen natürlicherweise von Wiesen bedeckt, da sich Bäume fast überall wohl fühlen. Bundesweit werden inzwischen etwa 53 Prozent der Bodenfläche landwirtschaftlich und rund fünf Prozent als Rasen genutzt. Ein Großteil dieser fünf Prozent wiederum ist Straßenbegleitgrün und Böschungsrasen. Rasen bestehen überwiegend aus ausdauernden Gräsern, die vor allem der Repräsentation und der Erholung dienen. Aber Rasen ist nicht gleich Rasen – Rasen ist eine Wissenschaft. Die Rasen-Fachstelle an der Universität Hohenheim unterscheidet fünf Rasentypen. Dazu gehört zum Beispiel der Gebrauchsrasen unserer Hausgärten mit einem mittleren Pflegeanspruch. Strapazierrasen auf Sport- und Spielplätzen und Tiefschnittrasen wie das Golfgrün mit einem sehr hohen Pflegeaufwand. Die Gräser im Rasen begeistern im Gegensatz zu vielen anderen Gartenpflanzen nicht durch die Blüte, zu der sie sowieso nie aufwachsen dürfen, sondern durch Robustheit und Regenerationsfähigkeit. Das funktioniert nur deshalb, weil die Wachstumszonen der Gräser sich bodennah an der Pflanzenbasis befinden, weshalb in der Regel weder Verbiss noch Mahd dem Grün etwas anhaben kann. Doch nicht jedes Gras eignet sich für jeden Rasen. Rund 300 Grassorten seien inzwischen zur Rasennutzung angemeldet, so die Deutsche Rasengesellschaft, die im Internet unter www.rasengesellschaft.de zu finden ist. Und weiter: „Mischungen werden funktionsbezogen zusammengesetzt. Für strapazierfähige Rasen sind vor allem Lolium perenne (Deutsches Weidelgras) und Poa pratensis (Wiesenrispe) geeignet. Für Zierrasen werden feinblättrige Arten bevorzugt, wie Flechtstraußgras, Rotes Straußgras und Rotschwingel.“ Für den Nutzer empfiehlt die Rasengesellschaft Rasenmischungen, die entweder den Vorgaben der Regel-Saatgutmischungen (RSM) folgen oder das Ergebnis langjähriger Forschungsarbeiten namhafter Saatgutanbieter sind. Ein gepflegter Rasen ist laut Rasengesellschaft kein Hexenwerk, erfordert aber regelmäßige Pflegeeinsätze. Dann gilt es, Rasenmäher und Vertikutierer zu schieben. Für Häuslebesitzer halten die Fachleute Pflegetipps für den kraftstrotzenden Rasen parat. Hier einige Auszüge: Regelmäßig Mähen, dabei eine Schnitthöhe zwischen 3,5 und 5 Zentimeter einhalten und niemals mehr als die Hälfte der Aufwuchshöhe auf einmal abzuschneiden. Mindestens zweimal pro Jahr das Grün mit einem speziellen Rasenlangzeitdünger füttern. Lieber Klotzen statt Kleckern beim Wässern, also das kühle Nass „nicht in homöopathischen Dosen“ verabreichen. Mindestens einmal pro Jahr vertikutieren, aber aufgepasst: zu tiefes Einschneiden schädigt die Wurzeln. Wer hier und da ein Fleckchen Rasen zur naturnahen Blumenwiese wachsen lässt, bringt außerdem noch die heimische Tierwelt zum Jubeln. Wie von der Kollegin gerade gemeldet wurde, verlief der Arbeitseinsatz in ihrem Garten erfolgreich. „Ich bin überglücklich, dass es noch so nette Kollegen gibt“, freut sie sich über den männlichen Beistand am Vertikutierer. Der Mann am Gartengerät kann als Profi gelten: Sein Rasen ist bei den Nachbarn Vorführobjekt für Gärtner. Die Kollegin hört derweil ihr Gras wachsen. Bald wird sie rufen können: „Ach ist das schön...“
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail unter s.ruecker@vkz.de.

 


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