KW 12 – Wilde Märzenbecher unter uns
Liebe Leser,
für den Naturfreund lauern überall Überraschungen. Zum Beispiel zum Thema Märzenbecher. Der erste Aha-Effekt: Die niedliche Blume wächst nicht nur im Garten, sondern auch wild in unseren Wäldern. Die zweite Freude: Im Kirbachtal kann momentan ein größerer Bestand der wilden Frühblüher bewundert werden.
Erst vor wenigen Jahren sind mir auf der Schwäbischen Alb schier die Augen aus dem Kopf gefallen: Unzählige Märzenbecher drängten sich dort auf einem Stück Waldboden. Potz Blitz! Die gibt’s doch nur in Vorgärten, habe ich bis dato gedacht. Und dann die Meldung in der VKZ: Beim Kirbachhof soll es eine Märzenbecher-Wiese geben. Also gleich ins Auto gehüpft und losgedüst. Allerdings etwas planlos, was einen Zwischenstopp in Hohenhaslach zur Folge hatte. „Wo bitte geht’s zu den Märzenbechern?“, wurden einige Passanten gefragt. Keiner wusste so genau Bescheid, aber wer mir weiterhelfen konnte war klar. Dieter Hahn sei zu fragen. Durch Ochsenbach durch und dann beim Kirbachhof, lautete seine Auskunft. Und die Begeisterung war dem Hohenhaslacher anzusehen: Märzenbecher, die erinnern ihn an „Hula-Mädchen mit weißem Rock“. Eine weitere schöne Bezeichnung ist der englische Name „spring snowflake“, Frühlingsschneeflocke.
Leucojum vernum, so der wissenschaftliche Name der Blume, gehört laut Bundesartenschutzverordnung zu den besonders geschützten Arten. Auf der Roten Liste Deutschlands wird sie als gefährdet eingestuft. Zu schaffen machen den Raritäten der Verlust ihres feuchten Lebensraumes und sammelwütige Pflanzenliebhaber. Daher gilt: Pflücken und Ausgraben der Schönheiten ist verboten! Doch da der Mensch sich oft nicht zügeln kann, blühen die Märzenbecher beim Kirbachhof hinter einem Zaun. Dicht an dicht drücken sie sich dort aus dem Waldboden. Sie gehören zu den Geophyten, die den Winter mit Zwiebeln, Knollen oder Ausläufern unter der Erde überdauern. Die Zwiebeln des Märzenbechers etwa können sogar bis zu 30 Zentimeter tief in der Erde liegen. Die auch Frühlingsknotenblume genannte Art nutzt die ersten Sonnenstrahlen im Wald. Noch bevor die Bäume mit ihrem Laub den Boden wieder beschatten, müssen sich diese Frühjahrs-Geophyten sputen, um ihren Vegetationszyklus zu durchlaufen. Für diesen Kraftakt benötigen die Pflanzen fruchtbare und feuchte Böden, wie sie Auwälder und feuchte Wiesen bieten. An ihren Standorten können sie recht dichte Bestände bilden, die sogar als Touristenattraktionen bekannt sind.
Bis zu 30 Zentimeter hoch werden die Triebe der Pflanze, die leicht mit dem Schneeglöckchen verwechselt werden kann. Die Blütezeit des Märzenbechers reicht von Februar bis April und beginnt somit einige Wochen später als beim verwandten Schneeglöcken. An den Blüten, die nickenden, weißen Glocken ähneln, zeigen sich gelbgrüne Saftmale, die dem Schneeglöckchen fehlen. An diesen Farbtupfen soll auch ihr veilchenartiger Duft besonders intensiv sein, was auf einige Insekten eine große Anziehungskraft ausübt. Das ist natürlich gewünscht, denn Biene, Hummel und Co. erledigen die Bestäubung. Das natürliche Verbreitungsgebiet der zur Familie der Amaryllisgewächse gehörenden Blume ist Mittel- und Südeuropa. Das ausdauernde Gewächs ist giftig und vor allem in der Zwiebel verbergen sich gesundheitsschädliche Substanzen. Die Verbreitung der Pflanze erfolgt durch Samen und Brutzwiebeln.
Sogar in den Gärten scheint der Märzenbecher immer seltener ans Tageslicht zu kommen. Oder täuscht da der Eindruck? Ein Grund dafür könnte sein, dass der Frühlingsbote doch relativ anspruchsvoll ist. „Märzenbecher sind sehr empfindlich, sie dürfen niemals austrocknen“ , schreibt der „Bio-Gärtner“ im Internet. Dort, wo sie sich wohl fühlen, nehmen sie aber mehr Raum in Beschlag und verwildern. Eine ständige Kompostabdeckung und Bodenbeschattung im Sommer sei empfehlenswert, raten die Experten im Netz.
Und wenn der Märzenbecher nicht blüht, sondern nur Blätter treibt? Dann liege das meist am zu trockenen Standort oder daran, dass im Herbst Zwiebeln gepflanzt wurden und diese während der Lagerung ausgetrocknet sind. Der Märzenbecher benötige unbedingt einen sehr feuchten Boden. Eine weitere Ursache könne zu saurer Boden sein. Also nicht in die Nähe von Nadelgehölzen pflanzen, deren herabfallende Nadeln den Boden mit der Zeit zu stark versäuern können. Wer seinen Garten gerne mit den nickenden Blümchen schmücken möchte, sollte beim Zwiebelkauf darauf achten, dass diese nicht aus wildlebenden Populationen stammen.
Besucher der Märzenbecher beim Kirbachhof sollten übrigens nicht gleich enttäuscht sein. Anfangs sieht man erst mal nichts, weil nicht ganz klar ist, wo die Blumen wachsen. Der Standort liegt schräg unterhalb des Hofladens im Wald und ist durch einen ziemlich erdigen Weg zu erreichen. Gutes Schuhwerk ist angebracht. Dann sieht der Begeisterte zwar ein Blütenmeer, das aber durch den Zaun unerreichbar weit weg ist. Aber keine Panik. Mitten durch das „Märzenbechergehege“ führt eine Schneise, durch die man seinen blumigen Lieblingen dann doch recht nahe kommt. Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
