Liebe Leser,
mit seinem dauerhaften Grün schmeichelt er das ganze Jahr über unseren Augen: Hedera helix, der Gemeine Efeu. Rundum dösen viele Pflanzen noch vor sich hin. An den Zweigen unserer Laubbäume gähnt Leere. Aber der Efeu schwimmt gegen den Strom, stellt sich grün und prächtig der Kälte und sorgt besonders im Tierreich für Freude.
Ein gewisses tropisches Flair haftet der immergrünen Kletterpflanze an. Das braucht nicht zu wundern, denn sie ist eine der wenigen verholzenden Lianen unserer Heimat. Außerdem bevorzugt der Großteil ihrer Verwandten aus der Familie der Araliengewächse tropische Gefilde. Hedera helix trotzt mit natürlichem Frostschutz in den Blättern dem Winter und strebt mit Hilfe besonderer Haftwurzeln der Sonne entgegen. An Bäumen, Mauern und anderen Objekten kann er sich viele Meter in die Höhe wuchten.
Auch wenn es manchmal so scheint: Normalerweise schadet er dabei den Bäumen, an denen er klettert, nicht. Das Gehölz ist kein Schmarotzer, sondern versorgt sich selbst durch sein Wurzelwerk im Boden und die saftig grünen Blätter. Doch sogar viele Forstleute sehen die Bäume durch den „Baumwürger“ gefährdet, heißt es in einer Publikation der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA). Aber der Autor konnte das Gewächs anhand einer Untersuchung in einem 75 Hektar großen Bannwald weitgehend rehabilitieren. Dabei wurden 2431 Efeulianen kartiert. Eine der dicksten Lianen war abgestorben und ihr Alter wurde durch das Zählen der Jahrringe exakt bestimmt. Bei einem Brusthöhendurchmesser von 18 Zentimetern hatte die Pflanze 57 Jahrringe anlegen können. An 24 verschiedenen Baumarten hatten die Forscher die Kletterpflanze entdeckt. Am häufigsten waren Eichen, Eschen und Pappeln besiedelt. Normalerweise beeinträchtige der Efeu den Gesundheitszustand der Eichen nicht. Gerade alte, efeubewachsene Eichen würden oft besonders vital wirken, lautet eine der Schlussfolgerungen der Untersuchung. 67 Vogelnester von zehn Vogelarten wurden bei der Kartierung allein im unteren Bereich des Efeus entdeckt. Ebenso glücklich nehmen Insekten und andere Krabbeltiere die grüne Wand als Lebensraum an. Fazit der FVA für das untersuchte Gebiet: Die Bekämpfung von Efeu behindert das Erreichen gewünschter Naturschutzziele wie Arten- und Individuenreichtum der Vogel- und Insektenwelt.
Der Klettermaxe, der ein eher mildes Klima bevorzugt, lässt auch Hausbesitzer die Stirn in Falten legen. Einerseits sorgt eine Hausbegrünung durch Efeu für weniger Temperaturschwankungen an der Hauswand und für Wohlfühlklima. Andererseits sollte der Haftwurzler mit der Schere im Zaum gehalten werden. Brüchigem Putz kann das Energiebündel sogar zur Gefahr werden. „In ältere Hauswände mit Putzrissen dringen die Haftwurzeln ein, verdicken sich und sprengen unter Umständen den Putz. Im Extremfall und bei höherem Gewicht können sie dadurch große Teile des Putzes von der Hauswand absprengen. Auch unter die Dachpfannen kann er kriechen und sie anheben“, ist auf den Internet-Seiten von „Bio-Gärtner“ zu lesen. Als Begrünung von Lärmschutzwänden, Carports aber auch als Bodendecker und Grasersatz an schattigen Ecken leistet die Pflanze gute Dienste. Selbst als Zimmerpflanze verschönert er unsere Wohnung und dementsprechend groß ist die Zahl der Züchtungen. Wenn er darf und überlebt, kann der Efeu angeblich ein Alter von über 400 Jahren und einen Stammdurchmesser von mehr als einem Meter erreichen. In Wittenberg soll ein solches Exemplar existieren, dessen Sauerstoff wohl schon Martin Luther atmete.
Insgesamt ist die Pflanze recht außergewöhnlich und gerade ältere Exemplare machen es dem Betrachter manchmal nicht leicht. Denn sie sehen der Jugendform ihrer Art nicht unbedingt ähnlich. Wer an einem Methusalem die typisch gelappten Blätter sucht, gerät leicht in Verwirrung. Der Botaniker nennt des Rätsels Lösung Heterophyllie, was so viel bedeutet wie unterschiedliche Blattformen an einer Pflanze. Während bis zu zwei Jahrzehnte lang die gelappten Blätter dominieren, tritt die Pflanze schließlich in ihre Erwachsenenphase ein. Sie beginnt dann rautenförmige Blätter zu bilden, einige Äste lösen sich vom jeweiligen Untergrund und streben ohne Haftwurzeln nach oben. An jenen Trieben entstehen die Blüten. Und mit diesen tanzt der Efeu schon wieder aus der Reihe, denn die Blütezeit fällt in den Herbst. Eine Freude für Insekten, die sich an dem reichlich angebotenen Nektar laben. Die Vogelwelt profitiert ebenfalls von dem Spätzünder, denn die Früchte brauchen zum Reifen ihre Zeit und stehen ab dem zeitigen Frühjahr zum Verzehr bereit.
Aber Vorsicht! Für Menschen und viele Tiere ist der Efeu in seiner natürlichen Form giftig. Wobei die Früchte glücklicherweise richtig widerlich schmecken sollen. Andererseits ist die Pflanze als Heilpflanze heute noch gefragt. Medizinische Extrakte der frischen Blätter kommen vor allem bei von Bronchitis geplagten Kindern zum Einsatz. Für die hustenlindernde Wirkung von Efeu-Extrakten seien vor allem die in den Blättern enthaltenen Saponine verantwortlich, haben Forscher herausgefunden. Die Efeu-Substanz beeinflusse die Wirksamkeit von Adrenalin, wodurch eine Normalisierung des Bronchiendurchmessers bewirkt wird. Die Zähigkeit des Schleims in der Lunge nimmt ab und das Abhusten wird erleichtert. Allen Gärtnern sei aber gesagt, dass der frische Saft des Efeus die Haut stark reizen und zu allergischen Entzündungen führen kann.
Der Efeu fasziniert die Menschheit schon seit jeher. Der griechische Gott Dionysos der Antike, Gott des Weines, der Freude, Fruchtbarkeit und der Ekstase und sein weibliches Gefolge wurden mit Efeu umkränzt dargestellt. Auch gilt die Pflanze seit jeher als Sinnbild für Freundschaft und Treue, da sie ein großes Anlehnungsbedürfnis zeigt. Schon im Altertum war der Efeu Sinnbild der Treue und des ewigen Lebens, im Alten Griechenland erhielt ein Brautpaar einen Efeuzweig als Symbol immerwährender Treue. Im alten Ägypten, bei den Römern und Griechen galt er als Symbol der Heiterkeit, der Geselligkeit und der Freundschaft.
In der mittelalterlichen Sage von Tristan und Isolde verhalf der Efeu der Geschichte noch zu einem späten Happy End. Durch einen Trank verlieben sich Ritter Tristan und Isolde Blondhaar von Irland unsterblich ineinander. Sie hintergehen König Marke und sterben letztendlich beide. Der König wollte auch im Tod ihre Trennung und ließ die beiden an verschiedenen Ecken an der Kirche begraben. Da wuchsen Efeustöcke auf den Gräbern, die sich in der Luft vereinten. So fanden die Liebenden im Tod zusammen.
Die Griechen trugen bei festlichen Gelagen Efeukränze, weil die Blätter unter anderem als gehirnkühlend galten und als Zeichen wilder Weiblichkeit. Liebe Geschlechtsgenossinnen! Spätestens beim nächsten Vaihinger Strandleben könnten wir uns alle einen Efeukranz auf den Kopf setzen, derart unser Hirn kühlen und unserer wilden Weiblichkeit freien Lauf lassen. Das müsste man sich mal bei einem Gläschen Wein durch den ungekühlten Kopf gehen lassen.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de.
