KW 10 – Die Feldlerche soll tirilieren
Liebe Leser,
es geht aufwärts! Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, die Meisen zwitschern es aus dem Dickicht und die Feldlerchen verkünden es frei schwebend: Winter ade! Doch über manchen Wiesen und Felder herrscht Ruh: die Feldlerche fehlt. Einige Landwirte gehen mit „Fenstern“ in den Äckern gegen den Schwund der Bodenbrüter vor.
Der Morgen dämmert über Aurichs Feldern. Ein kleiner Trupp grau-brauner Vögelchen erhebt sich in die kalte Luft. Dann kriegt der Zuschauer was auf die Ohren: die Feldlerche trillert ihr atemloses Lied. Ein Hoffnungsschimmer, der Abschied vom Winter. Der Betrachter verweilt verzückt. Tirilierend hängt der fast starengroße Sänger am Himmel. Doch der Gesang lässt nicht nur Naturliebhaber innehalten. Auch ein kleiner Greifvogel wird auf den Virtuosen aufmerksam und startet eine Attacke. Da bleibt dem Beobachter das Herz stehen. Denn die Sympathien gelten in jenem Moment dem kleinen Sänger, da hat die Vernunft keine Chance. Wie die Luftschlacht der beiden hervorragenden Flieger endet, entzieht sich dem Auge. Hoffentlich hat’s die Lerche geschafft, denkt der Spaziergänger und zieht aufgewühlt von dannen.
„Uns gilt die Feldlerche als Frühlingsbote, denn sie erscheint zur Zeit der Schneeschmelze“, schrieb schon Zoologe Alfred Brehm. Nur wenige unserer Feldlerchen bleiben den Winter über bei uns, der Großteil überwintert im Mittelmeerraum. Erstaunlicherweise kommen die Männchen vor den Weibchen zurück, mitunter schon im Februar. Wenig später erreichen die Weibchen die noch kühle Heimat. Der Hahn macht sich alsbald mit seinen 18 Zentimetern Körpergröße daran, ein Revier abzustecken. Dazu dient das aus der Luft vorgetragene Tirilieren. In einem typischen Senkrechtstart schwingt sich der Vogel wild flatternd bis zu 150 Meter in die Höhe. Verlässt er den Luftraum über seinem Bodenrevier, drohen ihm Kämpfe mit rivalisierenden Artgenossen. So verharrt er singend und flügelschlagend auf der Stelle, ehe er herabsinkt und das letzte Stück stumm und wie ein Stein zu Boden fällt.
Sage und schreibe bis zu 15 Minuten soll das Tierchen ohne Unterbrechung singen können. Zumindest ohne hörbare Unterbrechung. Wie der Feldlerchenmann das schafft? Kollege Uwe Bögel weiß Bescheid: „Die Feldlerche atmet beim Singen durch Kiemen.“ Bögel zeigt mit ernster Miene auf eine Stelle an seinem Hals. Natürlich handle es sich nicht um echte Kiemen, aber er habe den Sachverhalt für Laien wie mich vereinfacht dargestellt. Er kennt sich aus, schließlich sei er „Professor der Allgemeinkunde und weiß alles, quasi“. Diese Erklärung haken wir am besten unter der Rubrik Zeitungsente ab. Vielleicht ist die Ursache in der Anatomie vieler Singvögel zu suchen. Bei ihnen liegt der untere Kehlkopf, Syrinx genannt, am Verzweigungspunkt der Bronchien. Dadurch streicht von zwei Seiten Luft an ihm vorbei. Das befähigt die Vögel, den aus der rechten Lunge kommenden Luftstrom mit Hilfe präzise arbeitender Muskeln anders zu steuern als den von links kommenden Luftstrom. Sie können mit sich selbst im Duett singen. Wieso aber muss die Lerche scheinbar nicht Luft holen? Das „Journal of Ornithology“ veröffentlichte Ende der 70er Jahre einen Beitrag, in dem der Gesang der Feldlerche erklärt wird. Demnach atmet das Tierchen sehr wohl beim Singen, stößt aber beispielsweise beim Einatmen schnelle Singtiraden aus. Für das menschliche Ohr sind die Pausen wohl nicht wahrnehmbar.
Alauda arvensis, so der wissenschaftliche Name der Feldlerche, gehört zur Familie der Lerchen. Die Anzahl der Arten dieser Sippe variiert in verschiedenen Quellen erheblich, klar scheint jedoch, dass in Deutschland neben der Feld-, noch die Hauben- und Heidelerchen heimisch sind. Insgesamt handelt es sich um recht unscheinbare Bodenbrüter, von denen viele den ausdauernden Singflug beherrschen. Auch die Feldlerche besitzt eine Federhaube, die allerdings nicht so lang und spitz ist wie die der Haubenlerche. Die Hinterkralle der Vogelfamilie ist lang und gerade und wird Lerchensporn genannt. Sie sind Bodenbewohner, bei denen die Jungen das Nest verlassen, bevor sie flugfähig sind. Doch vor der Jungenaufzucht steht die Kopulation. Zur Einstimmung lässt der Lerchenmann sein Lied erklingen und versucht, die Erwählte zu beeindrucken. Die Paare leben in saisonaler Einehe, wodurch jedes Jahr die Karten neu gemischt werden. Da die Tiere aber als relativ standorttreu gelten, finden sich auch altgediente Pärchen wieder.
Das Männchen legt sich mächtig ins Zeug, um seine Partnerin zu umgarnen. Am Revierboden wird die Haube aufgestellt, der Schwanz gereckt und mit den Flügeln vibriert. Nach der Paarung scharrt das Weibchen am Boden eine Mulde aus, die nicht sonderlich komfortabel ausgepolstert wird. Ab Mitte April werden bis zu fünf Eier gelegt, das Brutgeschäft erreicht nach rund 14 Tagen mit dem Schlüpfen der Jungen sein Finale. Diese verlassen wenige Tage später als hüpfende, noch flugunfähige Federknäuel das Nest. Zwei- bis dreimal kann das Paar pro Jahr Nachwuchs verzeichnen, theoretisch zumindest. Der Bestand der Feldlerche ist in Teilen Deutschlands dramatisch zurückgegangen. Die Tierart gilt in Baden-Württemberg laut aktueller Roter Liste als gefährdet. Dabei hatte doch Alfred Brehm vor etwas mehr als 100 Jahren noch geschrieben, dass „der Mensch, selbst wenn er Massenfang betreibt, nicht entfernt so schlimm unter den Lerchen haust als die genannten natürlichen Feinde (...). Die Feldlerche nimmt mit der gesteigerten Bodenwirtschaft an Menge zu nicht ab“. Wir haben dem Offenlandbrüter zwar mit einer extensiven Landbewirtschaftung den Rücken gestärkt, ihm aber seit der Intensivierung der Landwirtschaft das Leben schwer gemacht. Nur die allerwenigsten Feldlerchen können im Freiland das Höchstalter von rund zehn Jahren erreichen. Bodenbrüter kämpfen insgesamt einen aussichtslosen Kampf gegen Mähbalken und unseren Energiehunger. „Wegen der Nachfrage an Biosprit werden immer mehr stillgelegte Felder aktiviert, um Mais oder Raps anzubauen“, sagt Markus Nipkow vom Naturschutzbund Deutschland. Vegetationshöhen und -deckung intensiv bewirtschafteter Felder senken die Akzeptanz als Brutplatz.
Die Feldlerche bevorzugt für ihren Nestbau eine Vegetation, die eine Höhe von 50 Zentimetern nicht übersteigen sollte und eher dünn ist. „Heutiges Wintergetreide steht sehr dicht“, erkennt der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) und hat eine Strategie aus England übernommen. Mit so genannten „Lerchenfenstern“ kann das Leben vieler Bodenbrüter gerettet werden. Pro Hektar werden dabei zwei bis drei künstliche Fehlstellen à 20 Quadratmetern ins Feld eingebaut. Durch Ausheben der Sämaschine oder durch Fräsen. „Ansonsten behandelt man diese Stellen wie den restlichen Schlag. Das ist einfach und betrifft nur 40 von 10000 Quadratmetern. Aber es verdreifacht den Bruterfolg im Wintergetreide“, schreiben die Vogelschützer. Informationen im Internet unter www.lbv.de.
Die Feldlerche sucht in den Wuchslücken nach kleinen Krabbeltieren und Sämereien, hat eine geschützte Start- und Landebahn und Brutstätte für die Kleinen. Eine gute Sache, damit die Lerche, wie Brehm beschreibt, „mit ihrem allbekannten Gesang“ weiterhin Feld und Wiese, „in herzerhebender Weise erhebt“. Und damit auch die Julia heutiger Tage ihrem Romeo zusäuseln kann: „Du willst schon fort? Es ist noch längst nicht Tag: Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die deinem Ohr ins bange Innre drang; sie singt bei Nacht auf dem Granatbaum dort: Geliebter glaub's es war die Nachtigall.“ Taktisch ein kluger Zug, denn die Nachtigall singt auch am Tag.
Sabine Rücker
Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
