KW 9 – Putziger Piepmatz Kohlmeise
Liebe Leser,
kennen Sie „zizibä“ oder „zi-zi-TÄ zi-zi-TÄ“? So klingt der Frühling! Bei obigem Buchstabensalat handelt es sich um die Strophe eines gefiederten Zwerges. Er „läutet den Frühling ein“, schreibt Zoologe Jürgen Nicolai. Die Rede ist von Parus major, der putzigen Kohlmeise.
Ist sie's oder ist sie's nicht, die Kohlmeise? Die meisten Vögel haben eine dumme Eigenschaft: Man hört sie oft, aber sieht sie nicht. Es ist wie verhext. Es piept im Baum und das Tierchen lässt sich optisch nicht orten. Mir fallen bei solchen Gelegenheiten fast die Augen aus dem Kopf, weil es unfassbar ist, wie unsichtbar die Gefiederten vor sich hinzwitschern können. Meist hockt der Piepmatz auf hoher Warte. Wer dann eifrig glotzt, sieht im besten Falle eine schwarze Silhouette vor einem blendend hellen Himmel.
Da lob ich mir doch die Vögel, die ihren eigenen Namen singen, wie beispielsweise den Zilpzalp. „Hört, da singt ein Zilpzalp“, kann der vogelkundliche Dilettant allen verkünden, die es hören wollen oder auch nicht. Weitaus kniffliger ist da die Sache beim Allerweltsvogel Kohlmeise. Sie ist laut Naturschutzbund Deutschland (Nabu) unser dritthäufigster Gartenvogel und ein inbrünstiger Imitator anderer Vogelstimmen. So ahmt sie die Rufe anderer Meisenarten gerne nach und ein energisches „ping ping“ aus ihrem Schnabel könnte auch von einem Buchfink stammen. Das Kosmos-Bestimmungsbuch setzt noch einen drauf: „zetert in rauhen Folgen schää-schä-schä, ähnlich Elster“.
Da kann der Vogelfreund von Glück reden, dass das bis zu 15 Zentimeter große Tierchen so gut wie keine Scheu vor dem Menschen hat und sich doch oft und gerne zeigt. Mit Geduld und gutem Futter frisst die größte mitteleuropäische Meisenart sogar aus der Hand. Wenn man sie sieht, besteht zumindest keinerlei Verwechslungsgefahr mit anderen Arten: Männchen und Weibchen sind gut an ihrem glänzend blauschwarzen Kopf, der gelben Brust und dem schwarzen Mittelstreifen zu erkennen. Ähnlich wie ihre kleine Schwester, die Blaumeise, ist sie Gärtners Liebling, der als Höhlenbrüter gerne Nistkästen annimmt und in der Brutzeit Massen von Insekten eliminiert. Im Winter dürfen es dann auch Sämereien sein. Sie gilt mit bis zu sechs Millionen Brutpaaren in Deutschland als nicht gefährdet. Allerdings sind die Verluste durch Fressfeinde und Widrigkeiten groß. Anscheinend reicht schon ein halber, strenger Wintertag ohne Futter und das Vögelchen verhungert.
Die große Meise, die bis zu 15 Jahre alt werden kann, bleibt uns auch im Winter treu. Das Männchen schmettert jetzt mit den ersten warmen Sonnenstrahlen sein „zizibä“ oder eben „zizitä“ und andere Kompositionen, mit denen es sein Revier verteidigt und eine Liebste anlockt. Kohlmeisen-Männchen sollen zu den ausdauerndsten Liebessänger der heimischen Vogelwelt gehören. Die Ehe der geselligen Vögel hält eine Saison lang, unterbrochen von Seitensprüngen beiderseits. Dem Revier bleiben die Tiere dagegen ein Leben lang treu. Das zeugt doch von einer gewissen Bauernschläue, getreu dem Motto: Liebe vergeht, Hektar besteht. Immerhin besetzen die Vögel ein rund 0,25 Hektar großes Terrain. Von März an hegt das Pärchen zwei Mal bis zu zwölf Eier. Das brütende Weibchen wird von seinem Partner mit Leckereien versorgt. Ein schöner Zug. Väter können ihre Partnerin ebenfalls mit Kalorienbomben während der jahrzehntelangen Aufzucht der Menschenkinder bei Laune halten.
Der putzige Piepmatz wurde schon von verschiedenen Wissenschaftlern unter die Lupe genommen. So fanden Forscher der Universität im niederländischen Leiden heraus, dass städtische Kohlmeisenmännchen anders singen als ihre Kollegen auf dem Lande. Während der Kohlmeisenmann in der Stadt hektisch und hoch trällert, bleiben die Landeier gemächlicher und zwitschern tiefer. Als Ursache wird der urbane Lärmpegel gesehen, gegen den die Männchen anschmettern müssen. Über kurz oder lang könnte dieser neue Slang dazu führen, dass sich Städter und Landbewohner der Kohlmeisen nicht mehr verstehen, wodurch eine neue Art entstünde.Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen befassten sich mit der Vererbung der Neugierde. Sie untermauerten gemeinsam mit Kollegen anderer Institute, dass Neugier ein Stück weit angeboren ist.Paulchen Panther als Meisenschreck Mit Hilfe einer rosa Gummifigur von Paulchen Panther und zwei Kohlmeisenfamilien wurde das Erkundungsverhalten der Vögel über mehrere Generationen hinweg beleuchtet. An der Futterschale wurde der rosa Gummipanther platziert. Die mutigen Jungmeisen ließen sich schneller neben dem suspekten Tier nieder als ihre ängstlichen Artgenossen. Ursache hierfür, so die Forscher, ist ein einziger Nukleotidbaustein im Erbgut, der unterschiedliche Ausprägung aufweisen kann. Eltern haben das schon lange geahnt: Kinder bringen das Ausmaß an persönlicher Wagemut schon mit zur Welt.Die kleinen süßen Federbällchen wirken völlig harm- und wehrlos, haben es aber in gewisser Weise doch kräftig hinter den Ohren. Denn auch unsere Kohlmeise kann, ebenso wie ihre amerikanische Verwandte, die Schwarzkopfmeise, Feinde lautstark melden und wegekeln. Mit einem Flugwarnruf werden den Kumpels in der Umgebung nahende Greifvögel gemeldet. Eine unterschiedliche Frequenz des Warnrufs informiert dabei zusätzlich über den Abstand des Flugfeindes. Die meisten Singvögel verstummen daraufhin und verhalten sich still. Die amerikanische (und bestimmt auch die europäische) Meise hat außerdem einen Bodenalarm-Ruf in petto. Ertönt er, dann eilen die Singvögel einander zu Hilfe und der Eindringling wird „gehasst“, umflattert und gepickt, bis er entnervt von dannen zieht. Die Warnrufe einer Singvogelart versetzt auch andere in Alarmbereitschaft. Wie man sieht: Gar nicht blöd, die Vögel. Von wegen „bei dir piept's wohl“. Sprüche, die aus der Zeit stammen, in denen bei psychisch Kranken ein Vogel im Kopf vermutet wurde. Ich finde, wer eine Meise hat, der soll sich doch einfach nur freuen – zizibä!
Sabine Rücker
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